Ein Text von Joslan F. Keller
Es war im Jahr 1969, als eine Gruppe Inuit vor der Nordwestküste Alaskas einen Dampffrachter entdeckte, der im Packeis der Beaufortsee zwischen Point Barrow und Icy Cape in der Tschuktschensee feststeckte. Die Behörden wurden benachrichtigt und kamen schnell zu dem Schluss, dass es sich um die SS „Baychimo“ handeln könnte, ein Schiff, das 1931, also 38 Jahre zuvor, aufgegeben worden war und seitdem ziellos durch die Gewässer der Arktis trieb. Was die Beobachter zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Es war das letzte Mal, dass jemand das Schiff mit eigenen Augen zu Gesicht bekommen sollte.
Blicken wir zurück, um das Schicksal dieses Geisterschiffs besser verstehen zu können. Die SS „Baychimo“ wurde 1914 im schwedischen Göteborg gebaut und hieß ursprünglich „Angermanelfven“. Das 70 Meter lange und 1.322 Tonnen schwere Dampffrachtschiff mit Stahlrumpf fuhr unter deutscher Flagge für die Baltische Reederei GmbH auf den Handelsrouten zwischen Hamburg und Schweden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es im Rahmen der von Deutschland für die Verluste im Seeverkehr auferlegten Reparationen an das Vereinigte Königreich abgetreten. Im Jahr 1921 ging es dann in den Besitz der Hudson’s Bay Company über und wurde in SS „Baychimo“ umgetauft.
Der neue Heimathafen war zwar offiziell Ardrossan in Schottland. Eingesetzt wurde es fortan jedoch für den Transport von Lebensmitteln, Treibstoff und den Handel mit Fellen mit den Inuit entlang der Küste von Victoria Island in den Nordwest-Territorien Kanadas jenseits des Polarkreises. Die „Baychimo“ unternahm neun erfolgreiche Reisen längs der Nordküste Kanadas, bis ihre Karriere 1931 eine dramatische Wendung nahm.
Am 1. Oktober des Jahres befand sich das Dampfschiff auf einer Handelsreise, in seinen Laderäumen zig Ballen mit erworbenen Pelzen. Doch plötzlich zog ein Sturm auf und setzte es im Eis fest. Die Besatzung beschloss, das Schiff vorübergehend zu verlassen, und suchte für zwei Tage Zuflucht in der nahe gelegenen Stadt Barrow. Als die Seeleute zurückkehrten, hatte sich das Eis tatsächlich zurückgezogen und die Reise wurde fortgesetzt. Allerdings nicht lange. Schon am 8. Oktober, vor der Küste von Wainwright, geriet es erneut in die Gefangenschaft des Eises, diesmal noch tiefer.
Die Hudson’s Bay Company rettete mehr als die Hälfte der Besatzung, während Kapitän Sydney Cornwell und 14 Seeleute vor Ort zurückblieben, um gegebenenfalls den ganzen Winter über zu warten, bis das Frachtschiff befreit werden konnte. Zu diesem Zweck errichteten sie einen Holzschuppen auf dem Packeis, unweit des festgefahrenen Schiffs.
Die schlechten Wetterbedingungen hielten jedoch an, und die provisorische Hütte wurde im Laufe der Wochen zu einer dauerhaften Zuflucht. Dann das Unglück: Am 24. November brach ein schrecklicher Schneesturm über die Region herein, der die noch verbliebenen Männer in ihrem Schuppen gefangen hielt. Als sich der Wind endlich legte, stellten Kapitän Cornwell und seine Besatzung entsetzt fest, dass die „Baychimo“ verschwunden war.
Man nahm an, sie sei in den tobenden Elementen vom Eis zerquetscht worden und auf Tiefe gegangen. Niedergeschlagen mussten sich die Seeleute damit abfinden, in bewohnte Gebiete zurückzukehren.
Dann die Überraschung: Wenige Tage später teilte ein Inupiaq-Robbenjäger Kapitän Cornwell mit, dass er die „Baychimo“ in den eisigen Gewässern nahe Skull Cliff südlich von Barrow, etwa 45 Seemeilen von ihrer Position entfernt, treibend gesehen habe. Cornwell, der hoffte, die wertvolle Fracht zurückzubekommen, mobilisierte seine Crew, kehrte aufs Packeis zurück und begab sich auf die Suche nach seinem Schiff.
Und tatsächlich, die Männer entdeckten es ganz in der Nähe der vom Jäger angegebenen Stelle. Das Schiff schien erhebliche Schäden davongetragen zu haben. Da zu befürchten war, dass es nicht mehr lange schwimmfähig bleiben würde, holte man die Ladung Pelze und verschiedene Waren von Bord und lagerte sie auf dem Eis. Als das geschafft war, wurde die SS „Baychimo“ endgültig aufgegeben.
Endgültig? Nicht ganz! Der Dampffrachter war offenbar widerstandsfähiger als erwartet und sank nicht in den Gewässern der Arktis. Im Gegenteil, ohne Kapitän und Crew ging er weiter auf Fahrt. Er trieb mindestens 38 Jahre lang vor den Küsten Alaskas und Kanadas umher.
Einige Monate nachdem die Besatzung das Schiff aufgegeben hatte, wurde es 300 Meilen östlich seiner letzten bekannten Position gesichtet. Im Laufe der Jahre entdeckten die Bewohner der Region, aber auch vorbeifahrende Seeleute es immer wieder mal lautlos durchs eisige Wasser gleitend. Der Mythos vom Geisterschiff war geboren.
Manche näherten sich ihm aus purem Zufall. Dies galt zum Beispiel für Leslie Melvin, einen Trapper, der im März 1932 eine epische Reise mit dem Hundeschlitten von Herschel Island nach Nome unternahm. Als er die „Baychimo“ sah, die in der Beaufortsee erneut im Eis feststeckte, ging er an Bord, um dort Zuflucht zu suchen, bevor er seine Reise fortsetzte. Ein Jahr später, im März 1933, warteten Inuit, die Opfer eines außergewöhnlichen Sturms geworden waren, zehn Tage lang in der „Baychimo“ auf besseres Wetter.
Am 11. August 1933 wurde das Schiff zwölf Meilen vor der Küste von Wainwright in Alaska gesichtet. Einwohnern dieser Gegend gelang es, sich ihm zu nähern und einige Gegenstände zu bergen. Desgleichen die Besatzung der MS „Trader“, auf der sich die schottische Schriftstellerin, Botanikerin und Filmemacherin Isobel Wylie Hutchison (1889–1982), eine Spezialistin für die Arktis, befand. Im darauffolgenden Jahr erhielt sie als erste Frau die Mungo-Park-Medaille der Royal Scottish Geographical Society.
Die „Baychimo“ war all den Berichten zufolge noch immer seetüchtig, befand sich jedoch laut Angaben ihres Eigentümers, der Hudson’s Bay Company, zu weit draußen auf See, um geborgen zu werden.
In den beiden darauffolgenden Jahren wurde sie im Juli 1934 von einer Gruppe Forscher an Bord eines Schoners und im September 1935 vor der Küste Alaskas gesehen. Im November 1939 gelang es einem anderen Schiff, sich ihr so weit zu nähern, dass Crewmitglieder an Bord gehen konnten. Es war ihnen jedoch unmöglich, das Schiff zu übernehmen, und Kapitän Hugh Polson musste sich damit begnügen, dessen Position zu melden. Danach wurde der Frachter wiederholt in den Gewässern der Arktis gesichtet. Aber jedes Mal waren die Augenzeugen nicht in der Lage, das Schiff zu retten, oder sie wurden infolge schlechten Wetters daran gehindert.
So entdeckte eine Gruppe von Inuit es 1962, als es im Beaufortmeer umhertrieb. 1969 beobachteten andere Inuit es erneut in der Tschuktschensee zwischen Icy Cape und Barrow. Wieder einmal war das Schiff im Packeis gefangen. Offiziell war dies das letzte Mal, dass die „Baychimo“ gesichtet wurde. Sie trieb also mindestens 38 Jahre, nachdem sie aufgegeben worden war, weiter auf dem Meer umher.
Während die meisten Experten davon ausgehen, dass das immer maroder werdende Frachtschiff längst in den Tiefen des Meeres nordwestlich von Alaska versunken ist, glauben einige trotz fehlender Beweise weiterhin daran, dass es noch immer irgendwo in den nördlichsten Gewässern der Erde schwimmt. 2006 startete die Regierung von Alaska sogar ein Projekt, um das Geheimnis des „Geisterschiffs der Arktis“ zu lüften und es auf oder unter Wasser zu lokalisieren. Die Bemühungen blieben jedoch bis zum heutigen Tag erfolglos.
Allerdings stieß der Archäologe Josh Reuther im Herbst 2015 beim Durchstöbern der Sammlungen des UA Museum of the North der Universität in Fairbanks zufällig auf Artefakte von Ureinwohnern, darunter Messer, Schaber und Meißel. Gekennzeichnet waren sie mit: „aus der Baychimo“. Wie gelangten diese Inuit-Gegenstände auf das Geisterschiff und anschließend ins Museum?
Reuther stellte Nachforschungen an und erfuhr, dass der kanadische Filmemacher Richard Finnie 1930 ein Jahr in der westlichen kanadischen Arktis verbracht hatte, um einen Film über das Leben der kupferverarbeitenden Inuit zu drehen. Er hatte Kisten mit Ausrüstung und ethnologischen Proben auf der „Baychimo“ zurückgelassen, bevor das Schiff im Eis eingeschlossen wurde.
Die Besatzung der MS „Trader“ hatte 1933 geborgen, was sie konnte, darunter die Artefakte von Richard Finnie. Über Umwege gelangten sie dann nach Fairbanks. So lagen also jahrzehntelang, ohne dass es jemand ahnte, kleine Schätze aus dem „Geisterschiff der Arktis“ in einer Schublade eines Museums und verstaubten dort. Wer weiß, vielleicht ist das ja nicht die letzte fantastische Geschichte, die die „Baychimo“ für uns bereithält!
Dieser Text ist dem Buch „Seefahrts-Mythen“ von Joslan F. Keller entnommen. Der Franzose ist ein sogenannter Mystery-Historiker, der sich für rätselhafte und ungeklärte Fälle begeistert. Er hat Beiträge zu mehreren Fernsehsendungen über paranormale Erscheinungen beigesteuert und tritt seit 2015 regelmäßig bei BTLV auf, Frankreichs führendem Web-TV-Sender für Mysterien und Unerklärliches.
Mit „Seefahrts-Mythen“ lädt Joslan F. Keller zu einer packenden Entdeckungstour durch die Mysterien der Meere ein. Die Faszination für unbemannte Schiffe und verschwundene Crews wird in 30 packenden Erzählungen lebendig, die sowohl Geschichte als auch Fantasie ansprechen. Keller verknüpft dabei geschickt Fakten mit Mystik und schafft ein unvergleichliches Leseerlebnis. 224 Seiten, 30 Illustrationen, 26,90 Euro.
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