Geradezu überraschend schob sich CRNs jüngste Ablieferung „Amor à Vida“ auf die illustre Bühne der Superyachtwelt. Der Hauptgrund: Die 68 Meter, die auf Portugiesisch die Liebe zum Leben bewerben, gingen zwar vor der mediterranen Messesaison an den US-Eigner, der wollte sie in der Folge aber nicht hergeben. Zum anderen kann der geneigte Yacht-Interessent bei der Vielzahl an Stapelläufen von der Werft aus Ancona ohne Weiteres durcheinandergeraten. Die andauernd hohe Auslastung der Custom-Schmiede der Ferretti Group veranlasste Alberto Galassi während der Monaco Yacht Show zu einer Art Kampfansage: „Nordeuropa, wir kommen! Und vor allem: Wir liefern pünktlich!“ Der ehemalige Werftgruppen-CEO betonte beim letzten Satz jede einzelne Silbe und verwies darauf, dass das Sales-Team im Vorfeld der Herbstmesse 16 Anfragen bearbeitet habe.
Im Jahr 2022 stemmten die Italiener im Anschluss an die Coronazeit sogar drei Ablieferungen. Und wie die Yachtbauer einige Hundert Kilometer weiter nördlich stößt CRN stetig in neue Längensphären vor. Den Wandel zeigt seit 2015 auch die große gestalterische Bandbreite der Exterieurs an, die auf die jahrzehntelange, nahezu exklusive Zusammenarbeit mit Zuccon folgte. Komplett unter dem Radar legte 2023 ein 72 Meter langes Vallicelli-Großprojekt ab. Und erst jüngst flatterte eine Flaggschiff-Order von 85,80 Metern Länge in die zum 60. Werftjubiläum rundum neu gestalteten CRN-Gebäude herein. Überdies im Bau sind 68 Meter von Nuvolari Lenard und das retroklassische Vripack-Design „Thunderball“ (70 m).
Auch wenn die Expansion in Ancona abgeschlossen ist, sind die Bauplätze begrenzt. Ein logistisches Luxusproblem erzeugt die wachsende Anzahl von Eigenaufträgen: Seit 2019 entstehen in den Hallen an der nördlichen Adria auch die Metallformate der Ferretti-Marken. Was mit der Pershing 140 (Heft 6/19) und der Riva 50 Metri (3/20) begann, wird von der Custom Line 50 (1/25) sowie den 54 und 70 Meter messenden Alu-Rivas fortgeführt.
„Amor à Vida“ ist das gesamtgestalterische Werk des venezianischen Studios Nuvolari Lenard (NL), das mit neun Kreativ-Kooperationen zum neuen Hausstudio von CRN avanciert. Mit der ursprünglich als Project Maranello gestarteten Unternehmung griff das Team um Carlo Nuvolari und Dan Lenard „die Leidenschaft des Eigners für Luxusautomobile und italienische Spitzenleistung“ auf. Die Formgebung wirkt skulptural, mit vielen Kurven, die vom Bug des Oberdecks bis zum Beachclub reichen und in das wellenförmige Heck übergehen. Nuvolari Lenard griff in die eigene, reich gefüllte Gestaltungskiste.
Die diagonal abschließende Verglasung des Eigner- und Brückendecks weckt Erinnerungen an den NL-Riss „Bravo Eugenia“ (Oceanco), der auch den prägnanten Steven und das stark angefaste Vordeck einführte. Auch die auf Flügeln seitlich vorspringenden Radome sind zu einem Kreativ-Signet des erfolgreichen Designer-Duos geworden. Der geschwungene Heckbogen ist „Voice“ entlehnt, die CRN vor sechs Jahren erstwasserte. Allerdings taucht die Kurve an „Amor à Vida“ invertiert im Steven und in messerscharfer Form wieder auf. Das Rasierklingen-Bild nehmen die Fensterbänder von Haupt- und Unterdeck auf, was an die spitz zulaufenden Formen von „Comfortably Numb“ (CRN, 2023) erinnert.
Zu dem Gleichgewicht aus Form und Funktion äußert sich Carlo Nuvolari. „Es waren ideale Voraussetzungen. Der Kunde wusste genau, was er wollte, hörte uns zu und vertraute auf unser aufrichtiges Bestreben, ein sowohl ästhetisch ansprechendes als auch perfekt auf ihn zugeschnittenes Design zu erschaffen“, so der italienische Schiffbauingenieur, der ebenso die architektonische Substanz von „Amor à Vida“ hervorhebt: „Die ununterbrochenen Linien verlaufen klar und puristisch, kein Element ist fehl am Platz. Jede Form ist sorgfältig abgestimmt, um die Einheitlichkeit und die Proportionen der 68-Meter-Yacht zu unterstreichen.“
Das Exterieur spiegelt auch das Leben an Bord wider, das sich zu großen Teilen an der frischen Luft abspielt: vom Krähennest zu Füßen des Geräteträgers über das diagonal gespiegelt verlegte Teakvordeck ohne Heli-Landeplatz bis hin zum dunkel vertäfelten Beachclub mit Wellness-Areal. „Ein ästhetisch harmonisches Außendesign basiert auf einer makellosen Raumaufteilung“, klärt Carlo Nuvolari auf. „Wichtig waren flüssige Bewegungsabläufe an Bord, eine klare Trennung zwischen Gäste- und Crewbereichen, die nahtlose Integration der Eignerbedürfnisse, maximale Betriebseffizienz und großzügige Stauräume.“
Der Gang über die Decks verdeutlicht, dass es den „Amor à Vida“-Eigner auf die Außendecks zieht. Da er das Meer zu jeder Jahreszeit und unter Beibehaltung von absolutem Komfort und Diskretion erleben wollte, legte die NL-Squadra die Außenflächen als natürliche Erweiterungen der Wohnräume an. Vor dem Hintergrund der vielseitigen Nutzbarkeit verwandeln sich die Cockpits in Open-Air-Lounges, geschützt vor Sonne, Wind und neugierigen Blicken. Zum Ziel setzte man sich eine zeitgemäße Interpretation des Bordlebens, bei der formale Eleganz und Erlebnisse miteinander verschmelzen. Exponiert und doch zurückgezogen.
Zu den spektakulärsten Elementen zählt der Pool achtern mit Glas an der Front und im Boden, der natürliches Licht über das Wasser in den darunterliegenden Beachclub sendet und ein Spiel der Reflexionen erzeugt.
Der zweite Teil über „Amor à Vida“ schaut ins Innere der 68-Meter-Yacht und auf die Technik dahinter. Zudem wird es den GA-Plan zu sehen geben. Wer CRNs Umfeld in Ancona mit weiteren Projekten vergleichen will, findet im BOOTE-Archiv Hintergründe zu 60 Jahre CRN, zur Pershing 140 und zur Riva 50 Metri.

Stellvertretender Chefredakteur BOOTE EXCLUSIV
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