Sie zählt zu den berühmtesten Yachten der Welt und zu den zeitlosen Meisterwerken von Tim Heywood. Der Designer und Peter Lürssen werfen exklusiv einen Blick zurück auf die Entstehung der “Pelorus”. Doch ihre wechselhafte Geschichte samt langen Aufenthalten in Deutschland bleibt zumindest vorerst ohne Happy End.
Die Geschichte von „Pelorus“ beginnt mit einer anderen Yacht und einem Blick zurück in das Jahr 1994: Lürssen lieferte die heutige „Coral Ocean“ unter dem Namen „Coral Island“ mit zu jener Zeit bemerkenswerten 72 Metern Länge aus. Für ihr markantes Exterieur zeichnete Jon Bannenberg verantwortlich, für den Tim Heywood zwei Jahrzehnte arbeitete, bevor er sich 1996 selbstständig machte.
Im Folgejahr wurde der damals 47-jährige Designer vom Eigner der „Coral Island“, dem saudischen Scheich Abdul Mohsen Abdulmalik Al-Sheikh, kontaktiert. Er sollte eine Lösung für zusätzliche Unterkünfte an Bord finden. „Ich unterbreitete ihm verschiedene Vorschläge und freute mich, dass er mich mit einem 100-Meter-Neubau beauftragte“, erinnert sich Tim Heywood „Der schwierigste Aspekt war die Freiheit, die er mir gab, und zugleich den Auftrag, mein Bestes zu geben.“ Portrait Tim Heywood
Also machte sich der Londoner Industriedesigner an die Arbeit, um ein Benchmark-Design zu schaffen und seinen Platz in der Branche zu etablieren, nachdem er gerade sein eigenes Unternehmen gegründet hatte. Er schuf „Pelorus“ und ist heute wie damals stolz auf „ihre Originalität, ein niedriges, anmutendes Design mit voller Aufmerksamkeit für jedes Detail – sei es beim Rumpf, den Aufbauten oder dem Layout“. Noch heute, mehr als ein Vierteljahrhundert später und nach Yacht-Ikonen wie „Al Mirqab“, „Topaz“ oder „Maya Queen IV“, zeigt sich Tim Heywood mit dem am Ende 15 Meter längeren Entwurf und dessen Umsetzung sehr zufrieden: „Ich habe das Projekt jeden Tag sehr genossen. Es war eine bemerkenswerte Zusammenarbeit mit Terence Disdale und Lürssen. Mit beiden habe ich noch mehrere Projekte realisiert.“
Und was würde er im Rückblick an den Exterieurlinien von „Pelorus“ ändern? Nichts! „Aus meiner Sicht benötigt sie immer noch keine Änderungen oder Upgrades“, so Heywood, „das ‚Geheimnis’ des Zeitlosen besteht für mich darin, ein einzigartiges Design ohne modische Details oder Spielereien zu schaffen. Schließlich könnte eine Yacht dieses Kalibers noch in 100 Jahren die Ozeane befahren.“ Diverse Kunden wünschten sich ein ähnliches Format von ihm.
„Ich habe ihnen immer gesagt, dass ich ‚Pelorus‘ lediglich als Ausgangspunkt verwenden kann, aber jedes meiner Designs einzigartig sein muss.“ Zu den Interessenten gehörte auch Heidi Horten, die den Entwurf sah und sich sofort sicher war: „Das ist es, was ich will!“ Damit legte sie den Grundstein für „Carinthia VII“, die Lürssen in Bremen bereits 2002 vollendete, während „Pelorus“ bedingt durch ihre Größe auf der Kröger-Werft in Schacht-Audorf gebaut, erst einige Monate danach übergeben wurde.
„Für Lürssen war die Auslieferung von ‚Pelorus‘ im Jahr 2003 ein Meilenstein. Sie war damals neben ‚Al Salamah‘ unsere größte Yacht und bewies zugleich unsere Innovationskraft und Ingenieurskunst“, resümiert Peter Lürssen und ergänzt: „Gemeinsam mit den Exterieurlinien von Tim Heywood entstand eine Yacht, die neue Maßstäbe setzte. Auch heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, steht sie für den Pioniergeist und die Qualitätsphilosophie, die Lürssen bis heute prägen.“ Damalige Innovationen wurden in der Folge zahlreich adaptiert und partiell sogar zum Standard im modernen Yachtbau.
So warteten achtern auf dem Hauptdeck hinter mächtigen Flügeltüren vier Tender, darunter eine Elf-Meter-Limousine, die jeweils von Tim Heywood sowie Sam Sorgiovanni gezeichnet und bei Vikal in Perth gebaut wurden. Zu Wasser gelassen, verwandelte sich das Areal zur Tanzfläche mit DJ-Pult, Partylicht und Discokugel. Jüngere Bilder hingegen verorten diese zusammen mit im Boden integrierten Displays im Salon auf dem Oberdeck. Ein integrierter Beachclub und Klappterrassen sind heute kaum noch wegzudenken.
Das Erlebnis, regelrecht eins mit dem Meer zu sein, gab es vor „Pelorus“ so noch nicht. Passend dazu versprühte das Beachhouse-Interieur von Terence Disdale ein in dieser Epoche ungewohntes Strand-Ambiente dank natürlicher Materialien und exotischer Texturen. Dafür kam die Inspiration von der 1998er Feadship „Sussurro“, für die Disdale ein ähnliches Konzept realisiert hatte. Für „Pelorus“ sammelte er weltweit, vor allem in Asien, Inspirationen und Materialien: Akzente aus Bronze, Nickel und Zinn, antike Hanfmatten aus China für Wandverkleidungen, fossile Baumstämme aus Malaysia sowie balinesisches Treibholz für Tische, Bananenblätter als Deckenverkleidungen und Eichendielen für die Böden. Diese waren zwar künstlich gealtert, trugen aber ihren Anteil zur (eigentlichen) Zeitlosigkeit des Interieurs bei.
Während der saudische Scheich seine Yacht in den ersten Monaten intensiv nutzte, wurde sie fernab der Öffentlichkeit bereits zum Verkauf angeboten. Interessenten soll es mehrere gegeben haben, am Ende erwarb Roman Abramowitsch die fast neue Lürssen für angeblich rund 300 Millionen US-Dollar. Noch im selben Jahr 2004 machte „Pelorus“ bei Blohm+Voss in Hamburg fest. Während der folgenden sechs Monate wurden vier Zero-Speed-Stabilisatoren und ein zweites Helipad oberhalb der Brücke samt Zugang zum Eignerdeck installiert.
Nach den Umbauten zog es die Yacht ins Mittelmeer. Als Besitzer des FC Chelsea lud Abramowitsch seine Fußball-Stars ein und überließ ihnen die Yacht für Flitterwochen. Spätestens im Sommer 2006 wurde „Pelorus“ selbst zum Medienstar. Der Eigner ließ sie mehrere Wochen im Lübecker Hafen vertäuen, um von dort per Heli und Jet zu den Spielorten der WM zu fliegen. 2008 kam sie erneut zu Blohm+Voss.
Das nächste Kapitel in der „Pelorus“-Historie stellte 2009 die Übertragung an seine Ex-Frau im Zuge der Scheidungsvereinbarung dar. Im Mai 2011 erwarb Musikmanager David Geffen die Yacht für erneut rund 300 Millionen Dollar und veräußerte sie wenige Monate später an den Außenminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Sheikh Abdullah bin Zayed bin Sultan Al Nahyan für angeblich 214 Millionen Euro. Der bis dato letzte Verkauf erfolgte 2016 an den Immobilien-Milliardär Samuel Tak Lee aus Hongkong, respektive an einen seiner Söhne.
Kurz darauf steuerte die mehr als 40-köpfige Crew die Peters Werft an. Im Zuge des Refits, das 2017 abgeschlossen wurde, überarbeitete Mark Berryman Teile des Disdale-Interieurs. Damit nicht genug, es gab und gibt weitere Pläne für Modifikationen, etwa für einen größeren Pool auf einem der Hauptdecks achtern. Diese Pläne kursieren bereits seit Jahren bei diversen Brokern, die „Pelorus“ gern vermitteln würden.
Die Lee-Familie war dem Vernehmen nach schon seit Jahren nicht mehr an Bord und scheint das Interesse an der Yacht verloren zu haben. Seit geraumer Zeit soll sich lediglich eine kleine Stammcrew an Bord befinden, deren Professionalität so mancher Beobachter infrage stellt. Von Ärger und Crew-Partys ist zu lesen. Entsprechend abenteuerlich gestaltete sich der vorerst letzte Aufenthalt von „Pelorus“ in Deutschland.
Ab dem Frühjahr 2022 war ein weiteres Refit in der Peters Werft geplant, wobei nicht nur die alten Außendecks auf dem Plan standen. Das erkannten Yachtspotter, die „Pelorus“ fortan als Fotomotiv schätzten. Doch abgesehen von einigen Wartungsarbeiten – auch um die Klasse zu behalten – sowie Inspektionen von Brokern und Interessenten passierte nicht viel.
Branchenkenner spekulierten, ob dem Eigner nach der Lust am Yachting zudem die Liquidität abhandengekommen sei und Wewelsfleth nur als günstiger Liegeplatz dienen sollte. Mit der Zeit wurde der 115-Meter-Verdränger regelrecht zum Problemfall, und bedingt durch andere große Refit-Projekte wie „Al Mirqab“ wurde es an der Stör zu eng. An der Peters Werft lag es nicht, dass sich „Pelorus“ im Juli 2024 fast unverrichteter Dinge mit Kurs auf das östliche Mittelmeer verabschiedete. Laut Verkaufsunterlagen fanden kürzlich Wartungsarbeiten sowie ein großer Survey statt. Allerdings gilt ein größeres Refit inzwischen als unumgänglich, und angesichts dessen erscheint die seit Langem unveränderte Preisvorstellung von 160 Millionen Euro überhöht. Es bleibt spannend für die Ikone.