Otam 90 GTS “Sexy Me”Eine halbe Million für die Musikanlage

Uske Berndt

 · 13.04.2025

Geplant waren 42 Knoten Top-Speed, beim ersten Seatrial schaffte "Sexy Me" schon mehr als 45 Knoten.
Foto: Alberto Cocchi/Alessandro Guerrieri
Zum 70. Werft-Geburtstag hat sich Otam ein cooles Geschenk gemacht. Die fast 28 Meter lange 90 GTS „Sexy Me“ ist ein extra schnelles Dayboat mit Wow-Effekt. Boote Exclusiv war an Bord des Giuseppe Bagnardi-Designs.

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Jeder Eigner hat seinen Fokus, manchmal ist es ein Feature, das Designern und Werft „Gänsehaut“ verursacht. Der Auftraggeber der Otam 90 GTS wollte einen erstklassigen Sound an Bord haben, für ein „schnelles, fröhliches Partyboot!“, wie Otam-Vertriebsleiter Matteo Belardinelli sagt, „mit großem DJ-Set plus Bar“. Auf der Orderliste für die Semi-Open stand ganz oben eine Musikanlage im Wert von rund einer halben Million Euro. Und diesem Wunsch wurde bei der Planung und dem Bau der 27,75 Meter so gut wie alles untergeordnet.

„Stauraum?“, hätte der Auftraggeber von „Sexy Me“ gefragt, „den habe ich auf 70 Metern, ich brauche hier keinen“. Stattdessen verbergen sich auf dem Anhang seiner Superyacht diverse Subwoofer hinter vermeintlichen Lüftungsschlitzen, zum Beispiel unter den langen Loungesofas auf dem Hauptdeck.

Die Musikanlage hat einen eigenen Raum

Dort, wo andere Eigner auf dem Unterdeck ein Büro einrichten würden, hat das Musikequipment mit Server und Verstärker einen Raum neben der Pantry bezogen, mit separater Klimaanlage versteht sich. „Liegt die Yacht still, schalten die Eigner von ihrem Haus aus über die Fernbedienung das Gebläse ein“, sagt Belardinelli und schiebt eine Anekdote hinterher: „Wir durften nicht mit der Laminierung des Hardtops beginnen, bevor die niederländische Firma mit ihren Lasern an Bord kam, die die richtige Position und Ausrichtung jedes einzelnen Lautsprechers anzeigen“.

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Um die beste Klangqualität zu erzielen, war für die Otam 90 GTS jeder Aufwand recht. Schließlich gab es da den – wohl nicht ganz ernst gemeinten – Satz aus Richtung des Auftraggebers, von dem man zunächst annahm, dass er einen musikalischen Hintergrund hat, vielleicht gar Besitzer eines Clubs sei: „Die Motoren könnten kaputt gehen, aber wenn die Musik stoppt, ziehen wir vor Gericht.“

Für die Otam 90 GTS fing die Werft bei Null an

Die Musikanlage ist wahrhaft nicht die einzige Besonderheit, die die italienische Marke rund um ihrem 70. Geburtstag in Atem hielt. Das Projekt an sich war eine Herausforderung, für die Otam 90 GTS gab es keine Vorlage, „wir haben buchstäblich bei null angefangen“, bestätigt Belardinelli, „und wir hatten großes Glück, den perfekten Kunden zu haben, der zu unserer DNA, unserer Philosophie passt“.

Otam hat Erfahrung mit sportlichen, sehr schnellen und zugleich seetüchtigen Yachten, die Werft aus Genua ist ein Name im Offshore-Rennsport. Und da kam ein Eigner, der das sehr schätzt, aber auch klare Vorstellungen für die Anpassung auf seine Bedürfnisse hatte. Ein Mann, der schon 2014 auf die Werft aufmerksam wurde, als er vor der südfranzösischen Küste während einer Probefahrt mit der Konkurrenz eine Otam vorbeirauschen sah.

Der Kunde sah eine Otam vorbeirasen: Hey, wer sind die?

„Hey, wer sind diese Typen“, hatte er seinen Broker gefragt und stand am nächsten Tag am Messestand der Werft. Fast umgehend beauftragte er seine Otam Nummer eins, die er ganz selbstverständlich von Stardesigner Cristiano Gatto ausstatten ließ. Damals war es noch ungewöhnlich, dass ein Eigner seinen „eigenen“ Innenarchitekten auf ein Powerboat mitbrachte. „Das bereitete uns anfangs schon etwas Kopfschmerzen“, gesteht Belardinelli.

Solche Zweifel waren schnell passé. Für seine Neue präsentierte der Eigner eine ebenfalls beachtliche Liste mit Sonderwünschen. Er wollte ein offenes Dayboat, um die 90 Fuß, aber bitte beim schnellen Cruisen vor Dubai oder der US-amerikanischen Küste nicht nass werden. Klasse aussehen sollte das Geschoss sowieso.

“Die ist sexy”, sagte er, “so möchte ich es haben”

Seine Vorstellungen: modern, aber nicht zu sehr, sportlich, trotzdem elegant und bitte nicht zu viele Kurven. Der Weg zum Ziel war anfangs etwas steinig. Am Design-Pitch für die Otam 90 GTS nahmen auch Profis aus dem Automobilbereich teil, und die hatten ihren eigenen Stil. Otam baut heue noch Modelle, die vor rund 35 Jahren gezeichnet wurden.

Es ist schwer einem Designer zu sagen, dass er ikonisch sein soll, „denn ikonisch für mich ist ja nicht gleich ikonisch für ihn“, meint Belardinelli. Als Giuseppe Bagnardi von BG Design gebeten wurde, die Außenlinien der 90 in Angriff zu nehmen, mit der Ansage „weniger kantig als die 70“, willigte er ein. Als der Eigner die ersten Skizzen und Renderings sah, meinte er: „Die ist sexy“ und wollte es genauso haben. Und auch benennen.

Das Custom-Projekt entwickelte sich rasant und ist heute ein Powerformat mit höchstem Fahrkomfort. „Wir haben die Seitenscheiben hochgezogen“, erläutert Belardinelli, „trotzdem ist das Boot offen, bietet aber auch Schutz von oben“. Keine direkte Sonne, kein Spritzwasser, kein Wind, keine Turbulenzen und keine Kopfschmerzen, zählt der Vertriebsleiter auf, „man kann eine oder zehn Stunden fahren, ohne die Nachteile einer offenen Konstruktion zu spüren“.

Auf der Otam 90 GTS sind die Räume 2,10 Meter hoch

Dabei liefern die 3,40 mal 1,10 Meter großen Seitenfenster, die aus einem Stück gebogene Windschutzscheibe und das 3,20 mal 1,80 Meter große Schiebedach noch ein dickes Plus: Die Glasflächen lassen viel Tageslicht einströmen und vergrößern optisch den Innenraum. Passend dazu genießen die Gäste an Bord von „Sexy Me“ durchgehend 2,10 Meter hohe Decken, auf dem Hauptdeck sogar 2,30 Meter.

Fast der gesamte Wohnbereich der Otam 90 GTS liegt auf einer Ebene, wie es viele Eigner von zuhause gewohnt sind. „Oben gibt es von den Seitendecks zur Bug-Lounge nur eine Stufe“, zeigt Belardinelli, „und innen führen zwei Stufen zur Eignersuite“. Dieser Raum nutzt mittschiffs den maximal sechs Meter breiten Rumpf fast aus, die übrigen Gäste verteilen sich auf die VIP im Vorschiff und eine Zweibettkabine gegenüber der Pantry. Die vierköpfige Crew übernachtet in zwei getrennten Bereichen mit jeweils eigenem Zugang: ganz vorne in der Bugspitze sowie hinter der Mastersuite, wo sich an die Kabine direkt die große Galley anschließt.

Die Decken müssen perfekt sitzen, sonst fallen sie ab

Selbstverständlich hat Otam die 90 GTS innen maximal aufwendig ausgebaut. Die Paneele wurden nicht irgendwo maschinell gefertigt, per LKW angeliefert und dann an Bord eingesetzt, stattdessen passierte alles direkt auf der Yacht. „Wir haben die Innenausstattung von Hand zugeschnitten und eingepasst“, erklärt Belardinelli und sagt auch gleich warum: „Wenn die Decken nicht richtig dimensioniert und befestigt sind, fallen sie bei stärkeren Vibrationen ab.“

Schließlich beginne es an Bord bei über 30 Knoten, manchmal schon ab 25, zu wackeln. Auf einem Powerboot, das deutlich mehr als 40 Knoten fährt, ist daher Einiges zu erwarten - trotz penibelster Strömungsstudien, mit dem Ziel die Yacht unter allen Bedingungen möglichst ruhig zu halten.

45,4 Knoten, die Otam 90 GTS ist schneller als gedacht

Der von Umberto Tagliavini und Aldo Scorzoni gezeichnete Rumpf besteht vollständig aus Aramat, einem mehrlagigen Kompositmaterial aus Glasfaser und Kevlar. Der Antrieb ist eines schnellen Verfolgers würdig: Im Motorenraum arbeiten MTU-Pakete mit je 1912 Kilowatt, die ihre Kraft auf Arneson-Oberflächenpropeller übertragen. So konnte „Sexy Me“ auf den ersten Seatrials vor der Küste von Cannes die anvisierten 42 Knoten Top-Speed übertreffen, auf der Anzeige stand schließlich: 45,4 Knoten.

Eine Zahl, die alle Passagiere überraschte, schließlich war das Powerformat ganz schön vollgepackt mit Komfort-Accessoires. An Bord gibt es neben der Musikanlage noch eine rotierende Passerelle, Kreiselstabilisatoren und nicht zuletzt Marmor in den Bädern. Auch hier hat Belardinelli eine Geschichte parat: Dreimal brachte die Werft den Eigner nach Carrara, bis er schließlich die gewünschte Maserung in Gold und Lila entdeckte.

Der Steuerstand sieht aus wie in einem Rennwagen

Noch ein Blick auf den Steuerstand von „Sexy Me“, der mit seiner coolen Carbonausstattung nebst passendem „Lenkrad“ einem Rennwagen gleichkommt. Auch hier ist viel zu entdecken, etwa ein unabhängiges Kühlungssystem, das die Elektronik der Konsole temperiert. Die Lufteinlässe im Bereich des Vordecks und die „Schnorchel“ auf dem Hardtop komplettieren das Bild eines Sportwagens auf See.

Bei dem enormen Aufwand ist es kein Wunder, dass die Werft nicht im großen Stil in Serie gehen möchte, wohl aber die Otam 90 GTS um eine geschlossene Hard-Top-Version sowie eine T-Top-Variante erweitern wird. „Wir produzieren drei Boote im Jahr auf diesem Niveau der Individualisierung“, bestätigt Belardinelli. Wenn Kunden viele Wünsche haben, „dann kann man das nicht für zehn Leute hintereinander machen”.


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Uske Berndt

Uske Berndt

Redakteurin News & Panorama

Uske hat eine Schwäche für die ganz Großen und schreibt vor allem Geschichten über motorisierte Superyachten: Neubauprojekte, Wasserungen und detaillierte Porträts. Dabei nimmt sie die Leser über alle drei bis sechs der schwimmenden Etagen mit, erklärt die Antriebstechnik und die Finessen des Interieur-Designs. Je exklusiver und spezieller, desto besser.

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