WerftreportSo entsteht bei Galeon fast alles unter einem Dach

Jörg Müller-Dünow

 · 30.09.2026

Seit 1982 baut Galeon bei Danzig Motorboote. Mit den neuesten Modellen drängt die Werft, die komplett auf Eigenfertigung setzt, in die Nische der Luxuswerften.
Foto: Galeon Yachts
​Seit 1982 baut Galeon bei Danzig Motorboote. Mit den neuesten Modellen drängt die Werft, die komplett auf Eigenfertigung setzt, in die Nische der Luxuswerften.

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​„Wir machen alles selbst“: Während Polen längst als klassisches Exportland preiswerter Komponenten für den Boots- und Yachtbau gilt und viele Großserienwerften mit Rümpfen, Decks oder Formteilen beliefert, verfolgt das Danziger Unternehmen Galeon seit jeher eine komplett gegenteilige Strategie, wie Sales Manager Patryk Pettke stolz erklärt. Vom Formenbau bis zur Klampe, von der Schiene für die Glasschiebetür bis zum Scharnier für die elektrohydraulisch klappbaren Schanzkleider entstehen hier komplette Boote mit einer nahezu beispiellosen Fertigungstiefe. Galeon beschäftigt eigene Sattler und Tischler, klebt die Schaumkerne der Matratzen selbst, unterhält ein eigenes Prüflabor für die angelieferten Harze und Gelege und fräst die Formen für Rümpfe in der eigenen CNC-Anlage.

1982 in Danzig gegründet, weit vor der Öffnung des damaligen Ostblock-Landes nach Westen, hat sich das Familienunternehmen sukzessive zu einem der modernsten Yachtbauer Europas entwickelt. Die Produktion der Modelle erfolgt mittlerweile an zwei Standorten westlich und östlich der traditionsbewussten Stadt. Hier entstand auf der ehemaligen Lenin-Werft ab 1980 im Zuge der Solidarność-Bewegung die erste unabhängige Gewerkschaft im kommunistischen Teil Europas.

Zwei Standorte für Produktion und Endmontage

In Wiślinka, östlich der Touristenmetropole, entstehen die größeren Formate ab 47 Fuß. Hier steht neben dem Testlabor auch die Halle für den Prototypenbau. Der werfteigene Hafen am Fluss Martwa Wisła hat Platz für rund 30 Yachten. Hier finden Endmontage und Inbetriebnahme, Sea Trials und natürlich auch die Übergaben an die Eigner statt.

Straszyn im Südwesten beherbergt unter anderem die Tischlerei sowie alle Verwaltungsfunktionen des Unternehmens. Hier, ohne direkten Wasserzugang, laufen die kleineren Modelle zum Straßentransport vom Band. Insgesamt sind an beiden Standorten auf knapp 50.000 Quadratmetern Werft- und Büroflächen rund 1.000 Mitarbeiter tätig, das Gesamtareal beläuft sich auf etwa 275.000 Quadratmeter. Zum Vergleich: Das sind über 38 Fußballfelder.

Rund 40 Rümpfe finden gleichzeitig Platz in den Ausbauhallen. Die Werft kann bei Vollauslastung bis zu 160 Schiffe pro Jahr ausliefern. In den Covid-Jahren lag der hausinterne Rekord bei 148 Modellen. Seit der Jahrtausendwende hat Galeon maßgeblich am Wirtschaftswachstum nach dem EU-Beitritt 2004 partizipiert und knapp 2800 Yachten an Kunden übergeben.

Europa ist zwar der Haupt- und Heimatmarkt, doch etwa die Hälfte der Bestellungen kommen aus Amerika. Die Handelsrestriktionen unter Trump haben die Lage erschwert, die Nachfrage jedoch kaum beeinflusst, berichtet der Verkaufsmanager mit einem Lächeln.

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Superyacht-Ideen für kleinere Serienmodelle

Seit 20 Jahren zeichnet der Designer Tony Castro für die Werft. Er ist für den Look aller Galeon-Modelle verantwortlich. Charakteristisch ist die gestufte Linienführung, die die Übergänge zwischen GFK- und Fensterflächen im Rumpf und Aufbau definiert. Mit seiner Erfahrung aus dem Superyacht-Sektor brachte der britische Designer Impulse für die Entwicklung neuer Galeon-Modelle ein.

Der kreative Input des Teams und die Fähigkeit der Werft, neue Ideen intern zu erproben und umzusetzen, hat immer wieder moderne Konzepte in den Serienbau einfließen lassen. Dazu gehören die hydraulisch klappbaren Schanzkleider, die den Lebensraum im Cockpit oder Salon maßgeblich vergrößern. Spannend: Heute entscheiden sich über 90 Prozent der Kunden für diese Balkone.

Ebenso aber auch drehbare Sofas wie auf der Galeon 430 EXP und große, bewegliche Glasstrukturen, die einerseits viel Licht ins Interieur bringen und andererseits Bereiche, die den Salon und das Cockpit fließend ineinander übergehen lassen. Lösungen, die unter den Superyachten Standard sind, bei Booten ab 30 Fuß aufwärts aber eben noch außergewöhnlich.

Fünf Produktlinien für Eignerwünsche

Aktuell bedient Galeon mit fünf Produktlinien unterschiedliche Eignerwünsche. Die Flybridge-Reihe umfasst zehn Modelle zwischen 11 und 26 Metern Länge. Die 800 Fly ist zugleich das größte Schiff der Werft. Die Hardtop-Yachten sind flache, dynamischer wirkende Sportboote. Sie sind mit 12,50 und 14 Metern Länge und zwei oder drei Kabinen zu haben. Die Schwestern der Sport-Cruiser-Reihe bringen bei ähnlichem Gestaltungskonzept mehr Fahrdynamik ins Spiel. Es stehen drei Modelle zwischen 13,5 und 15 Metern zur Wahl.

Die Skydeck-Yachten integrieren eine halb versenkte Flybridge geschickt in die Linienführung eines Hardtop-Modells. Das Ergebnis ist ein Hybrid mit sportlicheren Linien als bei einer Flybridge und dennoch einem ausgeprägten Open-Air-Feeling.

Hinter der GTO- und GTI-Linie verstecken sich vier kompakte Sportcruiser zwischen 9,99 und 13,65 Metern Länge und mit zwei Kabinen. Bei allen stehen starke Motorenleistung, einfache Handhabung und Fahrspaß im Mittelpunkt.

Die Explorer-Linie ist der Neuzugang: Mit der 430 EXP präsentiert Galeon ein Langfahrt-Reiseschiff mit außergewöhnlicher Optik, das außergewöhnliche Designmerkmale großer Superyacht-Explorer in die 12-Meter-Plus-Klasse überträgt.

Galeons Wachstum in Richtung Superyacht

Die Reise für Galeon scheint vorgezeichnet: Spätestens seit der Einführung der großen Flybridge-Formate 680 Fly und 800 Fly sowie der 700 Sky spielt Galeon in der Liga der Superyachten mit und rückt Marken wie Sunseeker, Princess, Azimut oder Ferretti auf den Leib. Das aktuell größte Modell misst um die 25 Meter, die hauseigene CNC-Anlage könnte sogar 36-Meter-Rumpfformen aus einem Stück fräsen. Der Yachtmarkt funktioniert im Bereich der größeren Yachten derzeit ohnehin besser als im Massenmarkt, und die Kapazitäten der Produktionsstandorte geben das Größenwachstum allemal her.

Der hausinterne Spagat zwischen den Zehn-Meter-Spaßmaschinen am unteren Ende und den Luxus-Modellen auf Superyachtniveau am oberen wird also noch größer werden. Nicht allzu viele Marken können eine so große Bandbreite derart ausgewogen bedienen. Auch das ist sicher ein Alleinstellungsmerkmal. Hierbei hilft abermals die enorme Fertigungstiefe: Selbst außergewöhnliche Eignerwünsche werden erfüllt, vom modifizierten Schrank bis hin zu Schutzzäunen für kleine Hunde an Deck.

Mit dem Größenwachstum verändern sich auch die Prozesse in der Produktion. Mehr und mehr werden Komponenten in Carbon gefertigt, dies aber primär über Wasser. Die Verwendung von Kohlefasern in strukturellen Bauteilen halte das Toppgewicht im Rahmen und erhöhe zugleich die Stabilität. Auf absehbare Zeit, so Vertriebsleiter Pettke, bleibe es aber für Galeon dabei, dass Rümpfe aus GFK laminiert werden. Alu sei noch lange kein Thema, selbst bei weitaus größeren Projekten bleibt der Verbundwerkstoff das Material der Wahl.


Buchtipp

Yacht- und Bootsbau erklärt, wie Rümpfe und Aufbauten entstehen, und behandelt auch Materialien, Formen und Verarbeitungsverfahren im Kunststoffbootsbau. Zahlreiche Zeichnungen und Fotos helfen dabei, die einzelnen Arbeitsschritte nachzuvollziehen. Wer den Blick über Gestaltung und Ausstattung hinaus auf die Konstruktion richten möchte, findet hier technischen Hintergrund.


Ist eine derart große Modellpalette eine Stärke oder droht Galeon der Spagat zwischen kompaktem Sportboot und Superyacht zu groß zu werden? Schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare.

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Jörg Müller-Dünow fand mit 13 auf Spiekeroog durch Zufall zum Segelsport und lernte das Wattensegeln von der Pike auf. Der Düsseldorfer hat ein RIB auf dem Rhein verchartert, mit Yachten zwischen 6 und 22 Metern an den Regatta-Klassikern in den Niederlanden und im westlichen Mittelmeer teilgenommen und ist heute mit eigenem Boot und der Familie in Zeeland unterwegs. Neben beruflichen Stationen in Agenturen und Unternehmen als PR-Berater und Pressesprecher war er praktisch immer auch als freier Journalist tätig. Seit 2025 berichtet er aus den Niederlanden für BOOTE und YACHT, testet Boote, teilt Reiseerlebnisse und Reviertipps und portraitiert spannende Werften oder Wassersportler.

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