Seit sie für den SBF Binnen lernen, hat Sven einen Grund mehr, sich aufzuregen. Bisher schimpfte er immer nur über das Boot oder ärgerte sich über die anderen Leute am Steg. Jetzt wettert er: „Das ist doch keine Bootsprüfung, das ist ein geheimes Auswahlverfahren für irgendwelche U-Boot-Kommandanten!“
Anni zuckt nur mit den Schultern. „Lass uns weiterlernen.“ Doch Sven lässt nicht locker. Laut liest er vor: „Welche Bedeutung hat ein schwarzer Kegel mit Spitze nach unten bei Tage?“ Anni weiß es: „Ein Segelfahrzeug fährt zusätzlich mit Maschinenkraft.“ Sven guckt erstaunt und sagt dann giftig: „Was ist denn das für eine Frage? Kegel mit Spitze nach unten bei Tage? Sind wir hier im Bergwerk?“
„Da hieße es dann unter Tage“, antwortet Anni und grinst. Sven aber will sich nicht beruhigen. „Du musst zugeben, dass die einen Knall haben. Wer denkt sich denn so was aus? Das braucht man doch nie wieder im Leben!“ Anni hört nicht mehr hin und lernt weiter. Und auch Sven vertieft sich irgendwann wieder ins Lehrbuch. Das ist auch dringend nötig, anderntags ist Prüfung.
Und, oh Wunder – nicht nur Anni besteht, auch Sven meistert Theorie und Praxis in seinen Augen mit Bravour. Mit dem Schein in den Händen und stolzgeschwellter Brust fragt er Anni mindestens dreimal: „Hast du gehört, der Prüfer hat mich gelobt!“
„Ja, hab ich“, antwortet Anni. Sven: „Und hast du gesehen, wie er mir auf die Schulter geklopft hat?“ Anni: „Ja, hab ich.“ Sven: „So eine Prüfung ist ja auch sehr wichtig.“ Anni: „Ja, ist sie.“ So geht das dann noch eine ganze Weile weiter. Anni wundert sich: Welch ein Sinneswandel bei Sven!
Dann kommt das Wochenende. Die beiden haben große Pläne. Im Hafen angekommen, steht Stegnachbarin Andi, die hier Wochenändi heißt, auf der Matte: „Wollt ihr wirklich ganz alleine los? Oh my god. Wenn da was passiert!“
„Keine Sorge.“ Anni lächelt sie an. „Uns passiert schon nichts. Irgendwann müssen wir schließlich auch mal ohne euch alle hier klarkommen.“
„Das stimmt! Und das ist hier ja auch kein Ozean.“ Wie üblich ist der kleine Klugscheißer Lenni aufgetaucht. „Hier auf der Müritz gibt’s keine Gefahren wie etwa im Pazifik. Da leben 50 Arten von Haien! Und Kartoffel-Zackenbarsche, die werden über zwei Meter groß und können ziemlich aufdringlich werden. Dann sind da noch die Seewespen …“
„Lenni, danke dir“, unterbricht Sven seinen Redefluss. „Wie du richtig gesagt hast, ist die Müritz nicht der Pazifische Ozean. Und wir haben auch nicht vor, an diesem Wochenende bis dorthin zu schippern.“
„Das wäre auch ein Wahnsinn, bei den Diesel-Preisen!“ Lenni ist beruhigt und zieht von dannen.
Am nächsten Morgen geht es los. Die erste Ausfahrt zu zweit wird tatsächlich wunderschön. Sonne. Glattes Wasser. Enten und Schwäne. „Aha“, sagt Sven, „da hinten kommt ein Boot. So, Anni, wie weichen zwei Motorboote aus, die sich auf entgegengesetzten Kursen nähern? Nach Steuerbord oder Backbord?“
Anni mag nicht darüber nachdenken. „Sag du es mir, Sven!“ Der erwidert souverän: „Nach Steuerbord!“ So geht es weiter: „Wie verhält sich im Allgemeinen das Schiff im Rückwärtsgang bei einem rechtsdrehenden Propeller? Na, weißt du es noch? Oder: Was kann die Ursache sein, wenn nach dem Einkuppeln der Antriebswelle der Motor stehen bleibt?“ Anni versucht es: „Verschmutzter Ölfilter?“ Doch: „Nein! Blockierter Propeller. Das ist auch wichtig. Aber wieso blockiert ein Propeller? Das muss ich nachlesen.“
Sven ist in Stimmung, und Anni freut sich darüber. Sie liebt inzwischen die Wochenenden auf der „Späten Liebe“ sehr. Vielleicht kommt ihr Mann ja auch allmählich auf den Geschmack. Sie fahren bis nach Malchow, einem idyllischen Städtchen. Da kann man eine alte Klosteranlage und ein Orgelmuseum besichtigen. Abends im Restaurant bestellt Sven stolz die „Skipperplatte“, obwohl er beim Anlegen den Vorwärts- mit dem Rückwärtsgang verwechselt hat.
Auch der Sonntag beginnt mit Sonnenschein. Das Ablegen funktioniert ohne Probleme. „Siehst du“, sagt Anni glücklich, „dafür hat sich das Lernen doch gelohnt. Wir können das alles perfekt!“ Gemächlich gleitet ihre „Späte Liebe“ übers Wasser. Anni lehnt sich zurück, Sven sitzt konzentriert am Steuer wie ein Kapitän vor einer Atlantiküberquerung.
Dann hören sie plötzlich hektisches Rufen. „Hilfe! Hallo! Kann uns jemand helfen?“ Ein kleines Motorboot treibt einige Hundert Meter entfernt hilflos auf dem See. Ein Mann winkt mit beiden Armen, hinten hängt der Außenborder schief im Wasser. Daneben sitzt eine Frau, die eine Miene macht, als ob sie ihren Mann am liebsten eigenhändig versenken würde.
Sven richtet sich auf: „Anni!“ – „Ja?“ – „Das ist jetzt ein Fall für Fachleute. Also möglicherweise für mich.“ Mit wichtiger Miene steuert Sven längsseits an den Havaristen heran. Dann nickt er dem Skipper professionell zu und stellt mehr fest, als dass er fragt: „Probleme mit dem Motor?“
Der Mann fuchtelt verzweifelt mit den Armen: „Ja, der geht ständig aus! Vorhin lief er noch.“ Sven legt die Stirn in Falten. Genau so hatte der Prüfer geguckt, denkt Anni und muss grinsen. „Haben Sie eingekuppelt, bevor der Motor richtig lief?“ Der Mann starrt Sven an. „Äh … ja.“ Anni wiederum starrt ihren Sven verwundert an. Letztens hatte er noch nicht gewusst, wie man einen Fender festknotet, und jetzt das.
„Interessant“, murmelt Sven leise, aber hörbar. „Dann gibt es mehrere Möglichkeiten.“ Der Bootsfahrer fragt hoffnungsvoll: „Welche denn?“ Als hätte er nur darauf gewartet, antwortet Sven wie aus der Pistole geschossen: „Blockierter Propeller!“
„Was?“ Der Havarist guckt verdattert. „Blockierter! Propeller!“, ruft Sven noch einmal zu ihm hinüber.
Die Frau hinten im Boot verdreht die Augen. Dann sagt sie: „Rüdiger, ich hab dir doch gesagt, dass du die Leine aus dem Wasser holen sollst!“
Vier Augenpaare schauen nach hinten. Tatsächlich hat sich eine blaue Festmacherleine um die Schraube gewickelt wie eine Python um ein Wildschwein. Es entsteht kurzes Schweigen. Dann sagt Sven sehr ruhig: „Genau deshalb ist eine fundierte Ausbildung so wichtig.“
Anni beißt sich auf die Lippen. Der Mann beginnt hektisch an der Leine zu ziehen. Nach zehn Minuten, viel Fluchen und einem ins Wasser gefallenen Taschenmesser ist der Propeller endlich frei. Der Motor startet sofort.
„Er läuft!“, ruft der Mann begeistert. „Wahnsinn! Vielen Dank!“ Sven winkt großzügig ab. „Ach. Man muss einfach immer vorbereitet sein.“
Die beiden Boote trennen sich wieder. Sven lehnt sich zufrieden zurück. „Siehst du“, sagt er zu Anni, „Wissen rettet Leben.“ In diesem Moment hustet der Motor der „Späten Liebe“ einmal kurz. Dann noch einmal. Dann geht er aus.
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