Na toll! Als Anni und Sven an der Müritz ankommen, empfängt sie schönstes, nicht vorhergesagtes Regenwetter. Sofort taucht Lenni auf, die wandelnde Wikipedia. In seinem blauen Ölzeug sieht er ein bisschen aus wie ein Schlumpf. „Legt ihr heute noch ab?“, fragt er. „Warum willst du das wissen?“ Sven will raus aus dem Regen. „Weil dauernd Boote in den Hafen einlaufen und fragen, wo noch was frei ist“, klärt Lenni ihn und Anni auf. „Ich glaub nicht, dass wir rausfahren. Aber ach, die armen Leute, die keinen Platz finden!“ Anni tun sie jetzt schon leid. Ihre Gutmütigkeit kommt mal wieder durch. Sie versucht zwar immer, sich zurückzuhalten, aber oft ist sie einfach zu nett.
„Komm, Sven, lass uns ausladen. Wir machen an Bord die Heizung an, dann wird es gemütlich.“ Sven grummelt etwas Unverständliches, fügt sich dann aber seinem Schicksal. Geduckt laufen die beiden mit ihren Taschen Richtung „Späte Liebe“.
Der Regen auf der Müritz hat diese besondere Qualität: Er fällt nicht einfach, er bleibt. Er hängt in der Luft, klopft geduldig aufs Deck und sagt klar: „Heute macht ihr nichts mehr!“
Anni lässt sich nicht unterkriegen: „Das ist doch herrlich mit dem Wetter, wenn man nicht raus muss. Dann lernen wir eben.“ Sven runzelt die Stirn: „Lernen?“ – „Jaha. Für den Bootsführerschein. Ich will auch mal alleine mit unserem Schiff rausfahren. Die Wochenändi hat letztens gesagt, dass wir den schon bräuchten. Bis jetzt waren ja immer Leute dabei, die einen Schein haben.“
Der Regen prasselt nun noch stärker aufs Dach, und Anni stellt die Heizung an und fängt an, die mitgebrachten Lebensmittel auszupacken. Sven ist anderer Meinung: „Ich habe jahrelang Zahnmedizin studiert und dabei auch sehr viel gelernt. Eigentlich ist mein Bedarf gedeckt. Es reicht schon, dass die Wochenändi hier jedes Wochenende Leute herschickt, denen ich eine Zahnreinigung verabreichen soll. Und jetzt soll ich für einen Führerschein lernen. Schönen Dank auch!“
„Meine Güte, Sven, nun lass dich doch drauf ein! Wir haben nun mal dieses Schiff geerbt und sollten möglichst viel Zeit hier drauf verbringen, um festzustellen, ob es was für uns ist oder nicht. Das lässt sich ja nicht von heute auf morgen entscheiden. Aber du siehst grundsätzlich alles negativ. Es macht doch Spaß, zusammen zu lernen. Da machen wir doch endlich mal wieder was zusammen.“
Sven will gerade antworten, doch: „Hiiiiiii!“, schallt es da vom Seitendeck. Die Wochenändi steht auf der Matte. Gut gelaunt wie immer klatscht sie in die Hände. „Da seid ihr ja! Ich hab mich mit Schnupsi gestritten. Er sagt, ich würde zu viel plappern. Da bin ich gegangen. Hier bin ich also. Great, oder?“ Sie braucht Bestätigung, und mittlerweile hat Anni sich daran gewöhnt, dass sie jeden Satz mit englischen Wörtern spickt.
„Ja, great“, sagt Sven und holt das Lehrbuch für den Führerschein. Alles ist besser, als sich das Geplapper anzuhören. „Oh, ihr lernt für den Schein? Wonderful! Ich höre euch ab. Gib mal her!“ Sie nimmt das Buch und schlägt eine Seite auf. „Also. Lichterführung von Fahrzeugen unter Maschine …“ Klack.
Sven hebt den Kopf und sieht die Wochenändi fragend an. Die zuckt mit den Schultern. „Das war ich nicht, das Geräusch war nicht das Buch.“
Stimmt. Es kommt von draußen. Ein Boot will anlegen. Direkt neben ihnen. Natürlich. „Moin!“, ruft eine Stimme. „Können wir längsseits kommen?“ Anni und Sven schauen sich an. Es ist keine echte Frage. Es ist eine Ankündigung. „Ja klar!“, brüllt Sven leicht genervt. „Immer rein in die gute Stube!“
Sie gehen raus. Das Boot kommt, Leinen fliegen, ein Mann in gelbem Ölzeug freut sich. „Danke euch!“, sagt er. „Was für’n Wetter!“ Man geht wieder unter Deck. Die Wochenändi sucht die Stelle im Buch. „Hier: Bei Nacht führen Maschinenfahrzeuge …“
Klack. Klack. Ein zweites Boot. „Moin! Wir gehen noch ran, ja? Ist ja noch Platz!“ – „Natürlich ist Platz“, murmelt Sven giftig, „wir sind schließlich ein Parkhaus.“ Draußen geht es nun lebhaft zu. Zwei Crews, nasse Jacken, fröhliche Stimmen, Schritte über Deck. Es klopft. Anni atmet tief durch. Da kommt Schnupsi an Bord. „Krieg ich bei euch ein Bier? Der Kiosk hat schon zu.“ Seine Frau ignoriert er. „Im Kühlschrank“, sagt Sven, während die Wochenändi weiter ihr Glück mit der Frage versucht. „Okay. Konzentration. Weißes Rundumlicht …“
„Entschuldigung!“, sagt plötzlich jemand direkt an der Kajüttür, „habt ihr vielleicht zwei Eier? Wir wollten eigentlich Pfannkuchen machen, aber dazu braucht man ja Eier.“
Anni runzelt kurz die Stirn, sagt dann aber hilfsbereit: „Ja klar. Zwei Eier gehen immer.“ Die Frau ist dankbar: „Super! Ihr rettet uns den Abend!“ Anni reicht ihr die Eier. „Ups“, sagt die, „das tut mir jetzt leid.“ Ein Ei ist heruntergefallen und verteilt sich gemütlich auf dem Holzboden. „Also ich bräuchte dann ein neues Ei bitte“, sagt die Frau. „Jetzt bleibt das Schiff aber geschlossen“, sagt Sven, der das Malheur beseitigt, „es reicht.“ Schnupsi, auf dessen T-Shirt heute „Bier ist auch eine Lösung“ steht, stimmt ihm zu. Dann fällt sein Blick auf die Bücher auf dem Kajüttisch. „Was macht ihr denn da?“, fragt er. „Eigentlich wollten wir für den Sportbootführerschein lernen, aber …“, setzt Anni an, wird aber erneut unterbrochen. Klack, klack.
„Will da noch jemand dran?“, regt Sven sich auf. „Und wie kommen die denn alle auf den Steg?“ Schnupsi gähnt und antwortet ihm: „Na über euer Schiff!“ Die Wochenändi greift wieder zum Lehrbuch: „Also …“ Fußgetrampel.
Es klopft. „Sagt mal“, sagt ein Mann leidend, „dürfte ich bei euch kurz aufs Klo? Wir haben unseres frisch sauber gemacht und ich ertrage keine Hafentoiletten. Also ginge das?“ Sven öffnet den Mund. Die Wochenändi kommt ihm zuvor. „Man muss Leute immer aufs Klo lassen, well, so ist das. Steht so im Gesetz.“ Dankbar blickt der Mann sie an. Anni sagt nichts. Sven sagt auch nichts. Beide treten wortlos zur Seite.
Eine Stunde später ist das Päckchen vollständig. Drei Boote außen, die „Späte Liebe“ ganz innen, wie der soziale Knotenpunkt der Müritz. Unter Deck wird es immer voller. Jemand drückt sich die Nase an einer Scheibe platt, um dann hinzuzustoßen. Ein anderer hat eine Flasche Wein geöffnet. Andere haben Käse mitgebracht. „Also ihr lernt für den Schein?“, fragt eine Frau mit roten Wangen und guter Laune. Anni seufzt. „Eigentlich schon.“ – „Okay“, sagt die Frau mit den roten Wangen und klatscht wie Wochenändis Schwester freudig in die Hände: „Quizrunde!“ Schnupsi setzt sich stöhnend auf. Anni blättert.
„Also. Was für ein Licht führt ein Fahrzeug unter Segel und unter Maschine gleichzeitig?“ Sven versucht sein Glück: „Gelb?“ Lenni – wo kommt der denn her? – schnaubt. „Quatsch! Das ist ein Topplicht, Seitenlichter und Hecklicht. Und zusätzlich …“ – „Maschinenlicht“, murmelt jemand. „Motorfahrzeug-Lichterführung!“, korrigiert Lenni sofort. Alle reden durcheinander, diskutieren, lachen. Und plötzlich merkt Anni: Mit all diesen ganzen Menschen hier ist es ganz schön gemütlich.
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