GlosseEin Bootsurlaub mit unerwünschtem Besuch

Steffi von Wolff

 · 28.08.2026

Glosse: Ein Bootsurlaub mit unerwünschtem BesuchFoto: Till Lenecke
Anni und Sven wollen gerade den Abend genießen, da fällt der Schatten eines Mannes auf sie: Frohwalt!
​Mancher Zeitgenosse kann mit seinem vermeintlichen Wissen nicht hinterm Berg halten. Das erleben Anni und Sven während ihres Ferientörns mit der „Späten Liebe“. Wie schön ist es da, wieder den Heimathafen anzusteuern, wo man alle kennt. Oder etwa nicht?

Themen in diesem Artikel

​Urlaub! Es ist so weit. Sven hat die Zähne seines letzten Patienten verarztet, Anni tagelang gewaschen und gepackt. Nun sitzen sie im Auto zum Boot. „Irgendwie fehlt was, wenn die Wochenändi nicht da ist“, stellt Sven fest, nachdem sie angekommen und auf ihrer „Späten Liebe“ alles ausgepackt und verstaut haben. „Also mir fehlt sie nicht“, wendet Anni ein, „ich finde es ganz angenehm, wenn mal keiner da ist, der dauernd in die Hände klatscht und ständig Denglisch quasselt.“ Anni schüttelt dabei energisch den Kopf. „Wo machen sie und Schnupsi eigentlich Urlaub?“, fragt Sven. Anni antwortet, die beiden seien auf Mallorca. „Gott steh uns bei!“, entfährt es da Sven. „Ich wette, wenn sie wiederkommen, nennt die Ändi uns Amigos und erzählt ununterbrochen was von Siesta und Sangria.“

Die Sonne scheint derweil sanft vom Himmel, Anni und Sven stoßen mit Weißwein an. „Ach, ich freue mich“, stellt Anni fest. Zwei Wochen liegen vor ihnen, und sie hat vor, viel zu baden und Kaltgetränke im Sonnenuntergang zu genießen! Am nächsten Morgen legen sie früh ab.

Bootsurlaub mit der „Späten Liebe“

Die Müritz zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Schilf wiegt sich im Wind, Fischadler kreisen überm Wasser, und Anni spürt, dass sich das alles schon absolut heimisch anfühlt.

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Die ersten Tage vergehen, die An- und Ablegemanöver klappen ganz hervorragend, auch ohne Hilfe, und das frischgebackene Eignerpaar ist stolz darauf! An einem Abend lernen sie ein Ehepaar kennen, das sie zum Stuhl-Yoga auf ihr Schiff einlädt, was sie sogar annehmen, um dann festzustellen, dass das doch nichts für sie ist. Also alles gut. Bis zu jenem Abend in der Marina Wolfsbruch.

Anni baut gerade den Grill am Picknickplatz auf und Sven kümmert sich um die Würstchen. Da erscheint er. Zunächst sehen sie nur ein Paar Sandalen. Dann die nackten Knie. Dann die Shorts. Dann ein Poloshirt, dessen Kragen sich in einer Stellung befindet, die man normalerweise nur bei angriffslustigen Kobras beobachtet.

Eine unerwünschte Vorlesung

Schließlich erscheint das Gesicht. Ein Gesicht, das die feste Überzeugung ausstrahlt, auf jede Frage dieser Welt die richtige Antwort zu besitzen.

Der Mann bleibt stehen. Betrachtet Sven. Und eröffnet das Gespräch mit der Frage, die vielmehr eine Feststellung ist: „Na, Motorbootfahrer?“ Sven wittert die Gefahr. So muss sich eine Antilope fühlen, wenn sie am Wasserloch ein Rascheln im Gebüsch wahrnimmt. „Äh, ja. Schöner Abend“, sagt Sven vorsichtig. „Kommt ganz darauf an“, antwortet der Fremde vielsagend. Sven ist irritiert. Anni greift nach ihrem Weinglas. Und dann setzt sich der Mann doch einfach ungefragt zu ihr auf die Bank. „Ich fahre seit 37 Jahren Motorboote.“ Sven sagt: „Aha.“

Es entwickelt sich ein eher einseitiger Dialog. Der ungebetene Gast sagt: „Früher waren die Motoren noch richtig gut.“ Sven: „Natürlich.“ Der Mann: „Heute wird nur noch gespart.“ Sven: „Verstehe.“ Der Mann: „Was habt ihr denn für einen?“ Sven nennt ihm den Motortyp, der tief im Rumpf der „Späten Liebe“ seinen Dienst verrichtet.

Der Fremde lacht kehlig auf. Es ist kein freundliches Lachen, nein, es ist das Lachen eines peniblen Lehrers, der glaubt, soeben einen Grundschüler bei einer fehlerhaften Additionsaufgabe erwischt zu haben. „Den kenne ich. Der macht Probleme!“

„Aha.“ Sven nickt langsam, während der Mann tief Luft holt. Die Vorlesung beginnt.

Er erklärt ihnen, warum moderne Motoren schlecht sind. Warum alte Motoren besser sind. Warum alte Motoren eigentlich auch schlecht sind. Warum Diesel unschlagbar sind. Warum Benziner überlegen sind. Warum Aluminium nichts taugt. Warum Stahl veraltet ist. Warum Werften keine Ahnung haben. Warum Hafenmeister keine Ahnung haben. Warum Wetterdienste keine Ahnung haben. Wa­rum Fachzeitschriften keine Ahnung haben. Warum sämtliche Ingenieure Europas und auch die in China und auf Sri Lanka keine Ahnung haben. Warum die Regierung an alldem und an noch viel mehr schuld ist. Und warum er als Einziger überhaupt in der Welt die Wahrheit kennt.

Unliebsames Verhalten

Zwischendurch nimmt er sich ungeniert eine Bratwurst vom Grill. „Etwas zu lange drauf“, sagt er. „Das ist unsere Wurst!“, protestiert Anni fassungslos. „Außerdem …“ Doch der Mann hört gar nicht zu. Im Gegenteil murmelt er nun: „Ah, da ist ja Senf. Hm, ihr habt nur mittelscharfen, na ja, was will man erwarten.“ Anschließend erklärt er ihnen zehn Minuten lang die optimale Grilltemperatur.

Die Wurst zu braun, der Senf zu laff: Ungeniert lässt sich Frohwalt erst übers Essen und dann über die Welt aus.Foto: Till LeneckeDie Wurst zu braun, der Senf zu laff: Ungeniert lässt sich Frohwalt erst übers Essen und dann über die Welt aus.

Danach geht es zurück zum Thema Motorboote und speziell zur „Späten Liebe“: „Der Verbrauch ist viel zu hoch.“ Sven will wissen, woher er den denn bitte kenne. „Erfahrung!“ Sven setzt nach: „Sie kennen weder das Boot noch die Strecke.“ Ganz langsam breitet sich eine blinde Wut in ihm aus. Doch er beherrscht sich. Noch.

„Brauche ich nicht.“ Die Antworten des Mannes strotzen nur so vor Selbstbewusstsein. Anni bewundert fast schon seine absolute Ignoranz, was Fakten anbelangt. Stirnrunzelnd vertilgt sie den Salat. Wenigstens den hat der Fremde nicht angerührt.

Am liebsten würde sie den Mann sogar fragen, ob er welchen möchte. Bestimmt ist es zu viel Öl. Oder das falsche. Und die falschen Kräuter und der falsche Salat sowieso. Und zu viel Salz. Und bestimmt hat die CDU was damit zu tun, und nur er, er kennt sich aus. Der Helgoländer Bürgermeister hat eventuell auch seine Finger im Spiel.

Während Anni noch ihren Gedanken nachhängt, setzt der fremde Gast seinen Vortrag fort. Propeller. Wellenanlagen. Batterien. Lichtmaschinen. Dieselfilter. Er hat zu jeder Meinung noch drei weitere Meinungen. Zwischendurch sagt er: „Übrigens, Frohwalt mein Name.“ Er sagt nicht, ob das sein Vor- oder Zuname ist.

Nach fast einer Stunde macht der Mann eine kurze Pause, vermutlich um Luft in seine Lungen zu lassen. Zum ersten Mal entsteht eine wunderbare kleine Stille.

Ein Bootsurlaub ohne Probleme

Anni nutzt ihre Chance. „Unser Boot fährt.“ Der Mann stutzt: „Ja.“ Anni: „Der Motor läuft.“ Der Mann: „Ja.“ Anni: „Wir sind nicht liegen geblieben.“ – „Ja.“ – „Wir haben Urlaub.“ – „Ja.“ – „Alles ist in bester Ordnung!“

Frohwalt schaut nun seinerseits irritiert. Offenbar ist ihm noch nie jemand mit Logik begegnet. „Ich wollte euch doch nur helfen“, setzt er an. „Wobei?“, fragt Sven. „Na, bei den Motorbooten. Bei den Problemen.“ Sven und Anni antworten unisono: „Wir haben keine Probleme!“

Der Mann schweigt. Zum ersten Mal an diesem Abend. Man hört Möwen. Man hört Wasser gegen Pfähle plätschern. Man hört irgendwo an einem anderen Boot einen Fender quietschen.

Schließlich steht Frohwalt auf, nickt und zieht davon. Anni und Sven schauen ihm nach. „Du meine Güte!“, sagen sie dann wieder gleichzeitig. Und: „Was für ein Schnacker!“

Die restlichen zwei Wochen verlaufen friedlich. Dann kehren sie zurück. Bei der Ankunft in Waren steht schon jemand am Steg und winkt. Ein Mann. Mit hochgestelltem Polohemdkragen! Neben ihm die aus Mallorca zurückgekehrte Wochenändi.

„Ahí están los veraneantes!“, jubelt sie und klatscht in die Hände. „Schaut mal, ein neuer Festlieger an unserem Steg. Sagt Frohwalt guten Tag! Er weiß ganz viel über Motoren. Aber das wird er euch bestimmt alles selbst noch erzählen!“


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