Es ist Freitag Nachmittag, eine Woche zuvor waren Anni und Sven erstmals auf ihrer „Späten Liebe“. Nun steht Sven erneut vor ihrem geerbten Schiff und will es nicht glauben. Ein DIN-A4-großer Zettel ist an der Reling befestigt, darauf in Handschrift: „Ab 15 Uhr Zahnreinigung. Einfach klopfen!“
„Ich fasse es nicht“, sagt er zu Anni, klettert an Bord und knallt sein Zahnreinigungs-Equipment, das er tatsächlich mitgebracht hat, auf den Salontisch. „Die macht wirklich Ernst.“ Mit „die“ meint er die Wochenändi, die, kaum dass er den Gedanken zu Ende gedacht hat, auch schon am Schiffsrumpf klopft. „Hellouuuuu!“, schallt es unüberhörbar. Noch bevor Anni oder Sven sie an Bord bitten können, steht sie auch schon vor der Kajüttür, ihren Schnupsi im Schlepptau.
„Schnupsi braucht eine Reinigung.“ Der setzt sich wortlos auf die Salonbank und klappt den Mund auf. Heute trägt er ein T-Shirt, auf dem „Sei einfach still!“ steht. Anni fragt sich kurz, ob die Sprüche auf seinen T-Shirts (letztes Wochenende stand da „Bevor du fragst – nein!“) versteckte Botschaften an seine Frau sind. Aber sie sagt nichts.
Sven zieht sich murrend Latexhandschuhe an und starrt in Schnupsis Mund. „Er hat erstaunlich gut erhaltene Zähne für sein Alter. Sehr schön.“ Der kleine Lenni, der wie aus dem Boden gestampft plötzlich ebenfalls im Salon steht, doziert: „Es sind 32, wenn sie noch vollzählig sind. Bei erwachsenen Menschen ist das die reguläre Zahnanzahl, vorausgesetzt, die Weisheitszähne sind nicht retiniert.“
„Retiniert?“, fragt die Wochenändi. „Zurückgehalten im Knochen“, kommt die Antwort von Lenni sachlich. „So ähnlich wie Svens Motivation.“ Ernst schaut er Sven an, und der denkt: ‚Dieser kleine Scheißer!‘
Zwei Stunden später sitzt Stegnachbar Siegfried auf dem Salonpolster. „Kannst du mal eben nach der Krone gucken? Und wenn du schon dabei bist, gleich ein Bleaching machen? Im Gegenzug kriegst du ja ’ne Motorwartung.“ Sven schaltet auf stur: „Ich tausche keine Zahnmedizin gegen Dieselgeruch!“, sagt er stolz. „Das hier wird eine einmalige Angelegenheit bleiben!“
Abends ist der Steg geschmückt. Lichterketten hängen zwischen den Masten, Musik dröhnt übers Wasser. Die Wochenändi hat ein viel zu enges Kleid an, sie glitzert wie eine Discokugel auf Ecstasy. „Let’s make this Hafen great again!“, schreit sie. „Oh Gott“, flüstert Sven.
Schnupsi steht am Grill. Seine T-Shirt-Aufschrift lautet nun: „Doch!“ Wanda zerrt Sven auf die improvisierte Tanzfläche. Lenni steht am Rand und beobachtet Stefan, der versucht, im Takt zu klatschen. „Alkoholkonsum führt zu Koordinationsstörungen“, erklärt er. „Das sieht man deutlich bei Stefan.“ Der tanzt dann mit Bea, als würde er einen sehr widerspenstigen Außenborder starten wollen. Aber es ist lustig, denkt Anni im Stillen. Alle haben Spaß. Zum Sundowner hebt Theo sein Glas. „Auf die Neuen. Mögen sie schwimmen!“
„Boote schwimmen nicht“, sagt Lenni. „Sie verdrängen Wasser …“ Anni unterbricht ihn und verkündet den Umstehenden stolz: „Ja, morgen machen wir unsere erste Ausfahrt. Wie ich mich darauf freue!“
Am nächsten Morgen ist der Himmel blau, als würde er wissen, dass das heute nötig ist. „Anni hat gut gelaunt gefrühstückt, nun geht es los. „Komm!“, ruft sie Sven fröhlich zu. Der stellt sich widerspenstig hinters Steuerrad. „Was muss ich denn tun?“
„Ablegen!“, brüllt Theo ihm zu, der auf dem Nachbarboot hockt. „Leinen los!“ Sven ist verwirrt. „Welche denn, was muss ich denn da machen? Die hängen doch am Steg fest“, ruft er. „Die Festmacher!“, schallt es prompt im Chor von mindestens drei Booten. Anni löst hektisch eine Leine – leider die falsche. Das Boot treibt quer. Gott sei Dank ist da der Fingersteg.
„Ruder mittschiffs!“, brüllt Siegfried von seinem Boot, das schon in der Boxengasse steht. Wo kommt der denn her? Haben die sich alle abgesprochen? „Was ist ‚mittschiffs‘?!“, ruft Sven panisch. „Neutralstellung des Ruders zur Längsachse!“, erklärt Lenni begeistert. „Sonst erzeugst du ein unkontrolliertes Drehmoment.“ Das Schiff seiner Eltern befindet sich nun neben der „Späten Liebe“. „Ich komm mal zu euch rüber“, sagt Lenni. „Wir wollen ja nicht, dass ihr zerquetscht werdet oder Finger verliert. Oder letztendlich nur noch einen Torso habt. Das fällt dann auf uns zurück.“
Anni lacht, Sven stutzt. Nur noch einen Torso? Wie gefährlich ist denn Bootfahren bitte? Lenni steigt gelenkig auf die „Späte Liebe“. Sven legt den Gang ein. Falsche Richtung. Die „Späte Liebe“ bewegt sich zwar langsam, ja geradezu majestätisch, aber rückwärts. Irgendjemand hat die Leinen am Steg gelöst. Die schwimmen jetzt im Wasser.
„Voraus, voraus!“, kreischt Theo. „Voraus heißt nach vorne!“ Sven wird rot im Gesicht. „Dschisus Kreist, the situation is so witzig!“, keckert die Wochenändi und klatscht in die Hände. Sven gibt Gas, der Motor heult auf. „Nicht so viel Gas!“, schreit Bea. „Das ist kein Zahnarztbohrer!“
Die Wochenändi steht am Bug der „Windhexe“ und winkt wild. „Easy-peasy, just feel the flow! Boat is like dancing!“ Nun aber treibt das Heck der „Späten Liebe“ gefährlich auf einen Poller zu. „Kugelfender ausbringen!“, ruft Lenni. „Was?!“, ruft Anni zurück. „Oder irgendeinen Fender! Die zylindrischen Schutzkörper zur Kollisionsprävention!“ Anni wirft einen Fender. Er landet im Wasser.
„Eine komplizierte Umsatzsteuervoranmeldung ist mir lieber.“ Anni schaut dem schwindenden Fender nach. Sven schwitzt. „Ich kann nicht gleichzeitig steuern und denken!“
„Dann lass das Denken!“, ruft Theo. „Achtung, ihr dotzt gleich gegen die ‚Windhexe‘!“ Schnupsi kreischt und legt den Gang ein: „Wehe, ihr rammt mein Boot!“ Er trägt heute kein T-Shirt, sondern einen Hoodie, natürlich nicht ohne Botschaft: „Geh in dich und halt dabei dein Maul!“ prangt auf seinem Rücken.
Mit viel Geschrei und Ratschlägen schafft es die „Späte Liebe“ schließlich aus der Boxengasse. Draußen auf dem Wasser fahren plötzlich alle auf einmal los. Wie eine Eskorte.
„Mehr Fahrt!“, ruft Siegfried. „Weniger Fahrt!“, ruft Wanda. „Trimm beachten!“, ruft Lenni. Sven dreht am falschen Hebel. Ein lautes Hupen erschallt. „Das war das Typhon“, erklärt Lenni. „Akustisches Signalgerät.“
Anni geht zu Sven und umarmt ihn. „Weißt du was?“ – „Was?“ – „Vielleicht hatte Hedy nicht ganz recht.“ – „Mit was?“ – „Ein Weichei wäre schon längst nach Hause gefahren.“ Sie grinst ihn an. Sven schaut aufs Wasser. Alle winken. Alle lachen. Und niemand ist böse. Das wird ein schöner Tag. Später wird man wieder zusammensitzen, Würstchen auf den Grill packen und die Feuerschale anzünden.
Er atmet durch. „Lenni“, sagt er, „was jetzt?“ – „Konstante Drehzahl, vorausschauende Navigation und im Fahrwasser bleiben.“ Sven schaut Anni an. „Was davon machen wir?“
Anni grinst. „Erst mal einfach geradeaus. Der Rest wird sich finden.“ Und erstaunlicherweise klappt das sogar.
Fortsetzung folgt
Die Journalistin und Buchautorin lebt und arbeitet in Hamburg. Im Sommer verbringt sie die Wochenenden am liebsten auf der Ostsee.
„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, dichtete einst Hermann Hesse. Manchmal kommt solch ein Anfang unverhofft. Wie in Steffi von Wolffs Erzählung über ein Ehepaar, die hier startet und die sie von nun an in den kommenden Ausgaben fortsetzt. Es ist eine fiktive Geschichte, geschrieben in Steffi von Wolffs typischem Glossen-Stil, wie man ihn aus ihren Büchern „Bordgeflüster“ und „Hafenkino“ kennt. Und doch: Trotz mancher Zuspitzung oder gar haarsträubend anmutender Anekdote erzählt sie von Begebenheiten, die vielleicht nicht exakt so, aber doch in sehr ähnlicher Weise auch vom Leben geschrieben werden könnten. „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“, fährt Hesse in seinem berühmten Gedicht fort. Für von Wolffs Protagonistin Anni und ihren Mann Sven geht es genau darum. Ihr neues Reisegefährt ist – wie könnte es anders sein – ein Motorboot.