GlosseGeburtstag mit Hund und Gäste im Schlepptau

Steffi von Wolff

 · 01.10.2026

Glosse: Geburtstag mit Hund und Gäste im SchlepptauFoto: Till Lenecke
Mit der Nase im Wind thront Rüdiger auf dem Vorschiff der „Späten Liebe“, als wäre er der neue Admiral der Müritz.
​Leute mit Hund fragen gerne mal, wenn sie verreisen wollen, Leute ohne Hund, ob die auf ihren Hund aufpassen können. So ergeht es auch Anni und Sven. Bloß dass die auch ein Boot haben. Der Hund findet das gut. Und die Eigner?

Themen in diesem Artikel

S​vens Geburtstag beginnt um sieben Uhr morgens mit feuchtem Labrador-Atem direkt in seinem Gesicht. „Alles Gute!“, sagt Anni. „Danke“, murmelt Sven und wischt sich mit der Bettdecke über die Nase. „War das von dir oder von Rüdiger?“ Rüdiger sitzt auf Svens Brust, wedelt begeistert und kaut auf dem Ärmel seines Schlafanzugs herum. Er ist vier Monate alt, honigfarben, samtweich und besitzt bereits jetzt das Selbstbewusstsein eines Hafenmeisters. „Ist er nicht süß?“, fragt Anni zum hundertsten Mal.

Sie haben Rüdiger für zwei Wochen zur Pflege. Weil Annis beste Freundin auf Dienstreise ist. Das ist drei Tage her. Inzwischen nimmt der süße kleine Rüdiger ungefähr so viel Raum ein wie ein ausgewachsener Eisbär, vor allem emotional. Er schläft quer, frisst alles und bewegt sich grundsätzlich diagonal.

​Seitdem sie gestern an Bord gingen, hat er es fertiggebracht, einen Fender anzunagen, zwei Geschirrtücher wurden wohin auch immer entführt und Svens linker Bootsschuh in etwas verwandelt, das nun aussieht wie moderne Kunst aus Gummi.

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Der Geburtstagsmorgen

Sven ist guter Dinge: „Heute fahren wir raus, ankern irgendwo, trinken Sekt und feiern meinen Geburtstag. Nur wir beide.“ Anni küsst ihn. „Ganz allein. Nur wir drei“, verbessert sie ihn dann. Eine halbe Stunde später steht der Frühstückstisch im Cockpit. Anni hat Brötchen, Rührei und eine kleine Kerze vorbereitet. „Dein Geschenk kriegst du, wenn wir draußen sind und ankern“, erklärt Anni. Sven nickt.

Rüdiger sitzt bewegungslos daneben und frisst das Rührei mit seinen Blicken. „Nein!“, sagt Sven. Rüdiger hebt eine Pfote. „Der manipuliert dich“, sagt Anni. „Mich doch nicht!“, protestiert Sven. Zehn Sekunden später füttert er ihn mit Ei.

Rüdigers Ankunft bleibt im Hafen nicht unbemerkt. Die Wochenändi und ihr Mann Schnupsi kommen rüber, und mit ihr kommen Maren, eine Gastliegerin vom Nachbarboot, Uwe von der Tankstelle und ein Mann, den niemand kennt, der aber offenbar Labradore mag und Rüdiger fotografiert. Innerhalb von zwei Minuten sitzen sieben Erwachsene im Cockpit der „Späten Liebe“ und reden mit Rüdiger in einer Stimmlage, die sonst nur Säuglingen und sehr kleinen Ziegen vorbehalten ist: „Du bist ja ein Feiner!“ – „Wer hat denn da so weiche Ohren?“ – „Guck mal, wie er guckt!“

„Wir wollten eigentlich gleich los“, sagt Sven. „Ich habe heute –“ Die Wochenändi fällt ihm ins Wort: „Prima, wir auch! Mit eurem süßen Perro!“ Sven lächelt dünn. „Wir wollten allein los.“ Doch das ist der Wochenändi egal. Sie flötet: „Natürlich, wir fahren mit unserem eigenen Boot.“

„Aber wohin?“, will Sven wissen. Die Wochenändi: „Na dahin, wo ihr hinfahrt. Oder, du kleiner Rüdiger, oder? Pequeñín adorable!“ Anni legt Sven die Hand aufs Knie. Es ist der eheliche Griff, der bedeutet: Sag jetzt nichts, was den gesamten Hafen für immer spalten könnte.

Plötzlich erscheint Lenni, das wandelnde Lexikon. Der Junge trägt eine Funktionsweste mit acht Taschen und bleibt am Steg stehen, als wäre er zu einer fachlichen Begutachtung bestellt worden. „Labrador“, sagt er. „Gut erkannt!“, sagt Sven. „Ich habe übrigens heute …“ Lenni beugt sich herunter: „Arbeitslinie oder Showlinie?“

„Pflegelinie“, sagt Anni und alle lachen. Nur Lenni lacht nicht. Lenni lacht nie. Nun kommt er an Bord. „Labradore brauchen klare Regeln“, erklärt er mit harter Stimme. „Konsequenz. Struktur. Mentale Auslastung. Sonst tanzen die euch auf der Nase herum“, sagt Lenni. „Meine Schwägerin hatte mal einen Golden Retriever.“

„Das ist natürlich praktisch dasselbe“, sagt Sven. „Völlig andere Rasse“, sagt Lenni streng, „aber ähnliche Fellfarbe.“

Die erste Ausfahrt mit dem Hund

Um elf Uhr legt die „Späte Liebe“ mit Lenni an Bord ab. Hinter ihr folgen die Wochenändi und Schnupsi, dahinter Maren und Uwe, außerdem ein kleiner Kajütkreuzer mit dem unbekannten Mann, der immer noch Rüdiger fotografiert. Rüdiger sitzt vorn auf seinem Kuschelkissen, die Ohren im Wind, und sieht aus wie der jüngste Admiral der Müritz. Jedes entgegenkommende Boot winkt. Eine Frau ruft: „Ist der süß!“ Sven winkt zurück. „Sie meint Rüdiger“, sagt Anni.

Als sie ankern, legen sich die anderen Boote neben die „Späte Liebe“. Dann kommen alle an Bord. Schnupsi und die Wochenändi bringen Kartoffelsalat und Würstchen, Maren eine Schüssel Erdbeeren, Uwe zwei Kästen Bier. Der unbekannte Mann heißt übrigens Holger und besitzt eine Hundeschule, sagt es aber erst, nachdem Lenni ihm 20 Minuten lang erklärt hat, wie man einen Labrador erzieht.

boot/100231624_26f6de83107a9863f77a3f0eb895e1b5Foto: Till Lenecke

„Man muss Ruhe ausstrahlen“, sagt Lenni und zeigt mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Rüdiger. „Der Hund spürt jede Unsicherheit.“ Rüdiger springt hoch, schnappt nach Lennis Ärmel und zieht. Lenni zieht zurück. Rüdiger zieht stärker. Alle lachen. Lenni nicht. Der Ärmel gibt nach, Rüdiger schießt rückwärts in die Wasserschüssel und verteilt zwei Liter Trinkwasser über den Cockpitboden. Sven atmet hörbar.

Rüdiger wird von allen Seiten gestreichelt, gefüttert und fotografiert. Er bekommt ein Stück Wurst von Schnupsi, Käse von der Wochenändi, Erdbeeren, und fünf Minuten später übergibt er sich auf Lennis Bootsschuh. Sven atmet. Es sind ja nur noch gut zehn Tage.

Überraschungsfeier an Bord

Plötzlich holen alle Girlanden und Luftballons aus ihren Taschen, und auf einmal ist das Cockpit voller Essen, nasser Füße und guter Laune. „Natürlich wissen wir, dass du Geburtstag hast“, sagt Uwe, „wir sind ja nicht blöd.“ Und in dem Moment, in dem Sven denkt, dass das doch alles ganz okay ist so, springt Rüdiger vom Heck der „Späten Liebe“ ins Wasser.

Alle schreien auf. Doch der Kleine paddelt begeistert im Kreis, direkt auf eine schwimmende Grillzange zu, die der Wochenändi versehentlich ins Wasser gefallen ist, apportiert und bringt sie zurück.

Mit vereinten Kräften hebt man den Hund zurück an Bord. Der schüttelt sich begeistert und macht erneut alle und alles nass. Sven atmet. Abends liegen die Boote dicht beieinander. Musik schallt übers Wasser, einer stimmt ein Lied an. Alle singen. Schließlich geht rotgolden die Sonne über der Müritz unter.

Dann fällt Anni etwas ein. „Du bekommst ja noch dein Geschenk!“, sagt sie zu Sven, und der nickt erwartungsvoll wie alle anderen und freut sich kurz darauf über eine wunderbare, wasserdichte Uhr, die er sich insgeheim gewünscht hat. „Ich dachte schon, dass Rüdiger mein Geschenk ist“, sagt Sven später leise zu Anni, während der Labrador friedlich auf seinem Schoß schläft.

„Ach was!“, lacht Anni und hebt ihr Sektglas. „Rüdiger wird mein Geschenk!“ Sven guckt irritiert. „Na, ich hab doch nächste Woche auch Geburtstag. Auf dich, mein Schatz!“


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