InterviewChinesische Werft Gran Ocean nimmt Kurs auf Europa

David Ingelfinger

 · 21.10.2026

Jeremy Tutt
Foto: GranOcean
Die chinesische Werft Gran Ocean feiert Europa-Premiere. Der Hersteller für Motorkats war erstmals beim Cannes Yachting Festival vertreten. In einem exklusiven Interview mit BOOTE erklärt Brandmanager Jeremy Tutt, wie sich die Werft auf dem neuen Markt etablieren will und welche Bauteile ihrer Katamarane tatsächlich aus China kommen.

Wir trafen Tutt in Cannes auf der W-72, dem Flaggschiff der GranOcean-W-Serie. Der Semi-Custom-Motorkatamaran misst 22 Meter in der Länge und zehn Meter in der Breite. Als erste nach Europa ausgelieferte Yacht der Werft wird das Boot derzeit im Mittelmeer verchartert.

Mit dem Katamaran W-72 ist Gran Ocean erstmals in Europa auf einer Messe vertreten. Womit wollen Sie Kunden in diesem neuen Markt überzeugen?

Ich denke, es sind dieselben Eigenschaften, die unsere Kunden auch im Rest der Welt schätzen. Wir haben ein klassisches Design. Wir konstruieren unsere Boote sehr sorgfältig und bauen sie robust. Auch unser Preis ist sehr wettbewerbsfähig.

Ein W-72 in dieser Spezifikation benötigt rund 14 Monate Bauzeit und kostet ungefähr 4,8 Millionen US-Dollar. Für einen 72 Fuß langen und 33 Fuß breiten Motorkatamaran ist das aus unserer Sicht ein sehr gutes Angebot.

GranOcean baut bereits seit 1998 Katamarane. Wie begann die Geschichte des Unternehmens?

Im Jahr 1998 hatte Vincent Mauricet die Idee, Trawler-Katamarane in China zu bauen. Er entwickelte die Marke gemeinsam mit Sparkman & Stephens und etablierte eine Baureihe von Trawlern. Er hatte Unternehmen in verschiedenen Teilen der Welt und verliebte sich in diese Idee. Damit war er sehr erfolgreich. Eric So und Scott Suen kamen nach ihrem Studium zum Team. Eric hatte in Kanada Industriedesign studiert, Scott Maschinenbau an der University of California.

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Viele Menschen in Deutschland stehen Produkten aus China skeptisch gegenüber. Kennen Sie das? Und wie gehen Sie mit diesen Kunden um?

Ja, diese Vorbehalte kennen wir. Aber die Qualität in China hat sich in den vergangenen 15 Jahren grundlegend verändert.

Als ich 2013 dort lebte, hatte ich ein Auto von BYD. Wenn ich die Tür auf einer Seite schloss, schien sich der Rest des Autos auf der anderen Seite zu bewegen. Wenn man bremsen wollte, sprach man besser ein Gebet. Heute erreicht BYD bei Qualität und Engineering beinahe deutsches Niveau.

Ich würde unsere Bauqualität mit jedem anderen Anbieter vergleichen und sagen: „Kommen Sie und sehen Sie es sich an.“

Welche Teile einer GranOcean entstehen tatsächlich in China?

Tatsächlich nicht besonders viele, wir bauen die Struktur. Die Schalttafel für das Stromsystem stammt beispielsweise von einem chinesischen Erstausrüster. Dieser Hersteller produziert entsprechende Anlagen auch für andere Unternehmen auf der Welt.

Unsere Solarmodule dagegen kaufen wir bei BougeRV. Das ist ein amerikanisches Unternehmen. Wir geben dort eine Bestellung auf, und die Module werden in eine zollfreie Zone nach Shanghai geschickt. Sobald wir sie installieren wollen, holen wir sie von dort und montieren sie auf dem Boot. Wenn wir die Yacht anschließend wieder in die USA exportieren, gelangen die Module wieder zurück nach Amerika.

Ähnlich ist das bei unseren Motoren aus den Vereinigten Staaten. Er besteht aus Einzelteilen, die zu einem gewissen Teil in China hergestellt und anschließend in Amerika zusammengesetzt wurden. Der fertige Motor wird dann wieder zu uns nach China geschickt. Solche Wege zeigen, wie international die Lieferketten inzwischen sind.

Warum ist eine Werft mit dieser Vorgeschichte in Europa bisher kaum bekannt?

GranOcean war lange so etwas wie ein gut gehütetes Geheimnis. Man musste die Werft kennen, um von ihr zu wissen. In Palm Beach hatten wir nun unseren ersten richtigen Messeauftritt mit der Marke und einer anderen W-72. Davor hatte die Werft lediglich einmal ein kommerzielles Boot auf der Singapore Boat Show gezeigt.

Wie würden Sie das Geschäftsmodell von GranOcean beschreiben?

Wir sind kein großer französischer Industriekonzern, der es sich leisten kann, auf Vorrat zu produzieren. Wir sind eine Werft mit kleinen Stückzahlen und bauen unsere Semi-Custom-Katamarane sehr sorgfältig. Wir wollen keine 200 Boote im Jahr produzieren. Das entspricht nicht unserer DNA.

Wie stellen Sie die Ersatzteilversorgung und den technischen Support sicher, wenn in Europa etwas kaputtgeht?

Wir berücksichtigen das bereits bei der Auswahl der Bauteile. Dabei wird sehr genau geprüft, ob der Lieferant weltweit Unterstützung bieten kann. Nehmen wir einmal die Solarmodule. Wir verwenden ein Standardpaneel und keine speziell angefertigte Ausführung. Fällt eine Sonderanfertigung aus, muss der Hersteller zunächst Ersatz produzieren. Dann wartet man möglicherweise drei Monate.

Scott Suen arbeitet außerdem sehr eng mit den Kapitänen zusammen. Sie kommen zur Übernahme in die Werft und werden dort eingewiesen. Anschließend sind sie mit uns in einer WhatsApp-Gruppe. In den USA haben wir die Infrastruktur von Catamaran Gurus, mit vielen Partnerschaften sowie Elektriker und andere Spezialisten, die wir einsetzen können. Wenn hier in Europa jemand zum Boot geschickt werden muss, greife ich auf mein eigenes Netzwerk zurück.

Mit der W-86 entwickelt GranOcean ein neues Flaggschiff. Was ist geplant?

Ein bestehender Kunde hat das erste Boot bestellt. Seine Kabine liegt auf dem Flybridge-Deck und besitzt eine private Terrasse. Vorgesehen sind außerdem ein zusätzlicher Fahrstand, eine zentrale Glastreppe und ein Beachclub. Auf dem Hauptdeck reicht die umlaufende Verglasung vorn vom Boden bis zur Decke. Ich glaube nicht, dass jemand anderes derzeit so etwas baut. Hinzu kommen etwa 14 Kilowatt Solarleistung. Der Preis liegt bei rund 7,5 Millionen US-Dollar.


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Weit entfernt von den Küsten im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen, fand David Ingelfinger erst im Alter von elf Jahren auf den niederländischen Gewässern zum Segelsport. Was als Familienurlaub ohne großartige Vorkenntnisse begann, mündete in einer steilen Lernkurve, aus der die dauerhafte Leidenschaft fürs Segeln entsprang. Seine praktischen Erfahrungen festigte er über die Jahre mit dem Erwerb des SKS und zahlreichen Meilen als Skipper auf Charteryachten im Ijsselmeer, der Nordsee sowie im Mittelmeer. Nach seinem Studium der Publizistik schlägt er nun die Brücke zwischen dem journalistischen Handwerk und der Praxis auf dem Wasser und bringt seine Begeisterung für den Sport als Volontär in die Redaktion der YACHT ein.

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