Als die BOOTE in Ausgabe 8/2026 Renate Weineck porträtierte – 77 Jahre alt, seit dem Tod ihres Mannes allein auf der Ostsee unterwegs, sechs Monate im Jahr auf ihrer zehn Meter langen Nimbus 335 –, löste das eine überraschende Welle an Reaktionen aus. Hunderte Kommentare, nahezu alle voller Respekt. Aber auch kritische: Das sei sicherheitstechnisch unverantwortlich, Motorboot könne ja jeder, und wer genug Geld habe, könne sich das eben leisten. Dazwischen jede Menge praktische Fragen – zum Schleusen, zum Wetter, zum Alleinsein. Wir haben Renate Weineck noch einmal angerufen. Sie sitzt in einem schwedischen Hafen, wartet auf besseres Wetter und antwortet auf all das mit Gelassenheit und Humor.
Als das Interview im BOOTE Magazin, auf Facebook und Instagram erscheint, ist Renate Weineck wie üblich auf dem Wasser. Gotland und die schwedische Ostküste stehen auf ihrem diesjährigen Törnplan. Während des Telefonats sitzt sie bei Starkwind in einem schwedischen Hafen und wartet. Bald soll das Wetter besser werden, dann geht es weiter nach Ystad, und von dort rüber nach Wiek.
Bis dahin hat sie genug zu tun, denn tausende Likes und hunderte Kommentare warten auf sie. Dabei hat sie bei Erscheinen den vollständigen Artikel noch nicht einmal lesen können – in Schweden bekommt sie die BOOTE nicht zu kaufen. Ein Mitglied aus einer Binnenschipper-Gruppe schafft Abhilfe: Er geht zum Kiosk, kauft das Heft und schickt ihr Fotos von dem Artikel.
„Bei den ersten hundert Kommentaren habe ich noch geantwortet", erzählt sie. „Irgendwann habe ich damit aufgehört, weil es einfach zu viel war." Die allermeisten Kommentare bereiten ihr aber große Freude. Etwa der mit einer ganz praktischen Frage. Eine Frau möchte wissen, wie man das eigentlich macht: allein schleusen. „Da habe ich dann ausführlich erklärt, wie ich das mache. Die hat sich ganz herzlich bedankt." Genau das, sagt sie, findet sie schön.
Überhaupt ist sie ebenso überrascht wie berührt davon, wie viele Frauen sich gemeldet haben. „Ich fand es erstaunlich, wie viele Frauen geschrieben haben, dass sie das toll finden – und dass sie sich das selbst nicht trauen würden“, erzählt sie. Einige überlegten jetzt, es ihr gleich zu tun. „Wenn man das erreichen kann, dass jemand anfängt zu denken: ich könnte das auch – das finde ich eine ganz tolle Sache." Denn viele der Kommentatorinnen seien, wie sie selbst auch, früher gemeinsam mit dem Mann gefahren – und hätten mit dessen Tod das Bootfahren aufgegeben. Eine schreibt, sie habe das Boot verkauft, und „vielleicht sagt sie jetzt: leider. Denn man hätte es ja vielleicht doch weitermachen können."
Eine Leserin kommentiert entsprechend: „Ich habe mit meinem Mann das Hobby auch ausgeführt und nach seinem Tod war mir klar, dass ich alleine weiter machen werde. Es ist alles noch frisch und ich baue mich erst langsam auf, aber meiner Meinung nach hat das nichts mit Mann oder Frau zu tun, sondern wer Boot fahren will, der fährt. Es sollten sich mehr Frauen trauen.“
Wie viele Leute – Männer wie Frauen - angeregt durch das Interview überhaupt erst darüber nachdenken, alleine loszufahren - das, sagt Renate Weineck, habe sie am meisten bewegt. Einer rief sogar in der Redaktion an. Seit einem Jahr Witwer, hat er sein Boot bisher nicht aus der Halle geholt. Er möchte sich mit Renate über Erfahrungen austauschen und Mut fassen, wieder aufs Wasser zu gehen, allein.
Die kritischen Stimmen hingegen nimmt die pensionierte Oberstudienrätin für Mathematik und Biologie mit der ihr eigenen Gelassenheit zur Kenntnis. Eine Frau schrieb, sie solle die Solofahrten besser lassen, um nicht sich und andere in Gefahr zu bringen. „Passieren kann zu Hause auch was", stellt Renate Weineck dazu trocken fest und fügt hinzu: „Ich bin ja nicht übervorsichtig – aber ich bin auch nicht der Abenteuertyp, der unbedingt bei Windstärke 5 rausfährt. Das muss ich nicht haben."
Den Kommentator, der meinte, Motorbootfahren könne ja jeder, und den, der darauf hinwies, dass das alles eine Frage des Geldes sei: „Das stecke ich einfach weg. Es lohnt nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen."
Und die Familie? Tochter und Sohn reagieren ähnlich gelassen, wie die Mutter es ihnen vorlebt. Renates Tochter, theoretische Physikerin, Wissenschaftsjournalistin und Buchautorin hat in Fachkreisen ihren Namen längst etabliert. „Jetzt bist du also auch in der Branche bekannt", stellte sie trocken fest. Der erwachsene Sohn greift auf dem Weg zum Urlaubsflieger im Kiosk schnell zur BOOTE-Ausgabe und fragt dann am Telefon: „Mama, muss ich jetzt stolz auf dich sein?“ Renate erzählt das lachend und kommentiert mit einem schmunzelnden „ja, ja“. Die Enkelkinder, gerade vor dem Abschlussball und abgelenkt von Kleidern, Aufregung und großen Gefühlen, haben dennoch den Artikel in der Klasse herumgezeigt.
Neben den respektvollen und kritischen Kommentaren liest sie auch immer wieder die Frage, ob man bei ihr mitfahren könne. Das aber, sieht man einmal von der eigenen Familie ab, möchte Renate Weineck nicht. „Dazu bin ich inzwischen zu sehr auf mich allein gestellt", sagt sie. „Ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Ich kann entscheiden, was ich wann, wie, wo mache." Dafür hat sie sogar den Götakanal, für den sie zwingend mehr Crew bräuchte, kurzerhand aus ihrer Route gestrichen. Der große Teddy Rumtreibär und sein kleineres Pendant Rumtreibärchen bleiben die einzigen festen Crewmitglieder.
Kurz erinnert sie sich an früher, als die gemeinsam mit ihrem Mann immer wieder pünktlich zum Arbeitsbeginn nach Hause musste. Das Ijsselmeer, Windstärke 7, ihr Mann am Steuer. Er murmelte unentwegt dasselbe vor sich hin: „Mein armes Boot, mein armes Boot, mein armes Boot." Sie erinnert sich noch genau, was sie geantwortet hat: „Und die arme Frau!“ „Ach, du verkraftest das schon." Sie lacht beim Erzählen und macht dann eine kurze Pause.
Das Alleinsein macht ihr inzwischen nichts mehr aus, aber „das muss man können. Wer das nicht kann, hat da vermutlich ein Problem“, stellt sie fest. Abends liest sie oder schaut fern. „Man muss ja wenigstens mal ein bisschen wissen, was los ist."
Tagsüber kommt ohnehin keine Langweile auf – dann stehen Spaziergänge, Erkundungen und Fahrradtouren auf dem Plan. Das Fahrrad ist ihr eigentlich zu schwer, aber wenn es aus dem Boot gehoben werden muss, „da findet sich halt immer irgendjemand. Dann kommt man auch mit den Leuten ins Gespräch. Das ist immer ganz lustig." Dazu noch Hafenkino und Seeabenteuer – das innere Logbuch füllt sich von ganz allein mit Geschichten.
Dass man bei aller Vorsicht dem Risiko auf der Ostsee nicht immer ausweichen kann, hat diese Saison wieder einmal bewiesen. Die Überfahrt von Visby auf Gotland zurück ans schwedische Festland verlief ganz anders als geplant.
Vor einer längeren Etappe konsultiert die Skipperin fünf verschiedene Wetter-Apps: den schwedischen Wetterdienst SMHI, Windy, Windfinder, den dänischen Wetterdienst und Predict Wind. „Wenn die sich alle einig sind, ist es schön und gut. Wenn nicht, wartet man halt."
Die Wetterberichte gaben grünes Licht, aber dann kam es dennoch heftig. „Nach der ersten Viertelstunde habe ich wirklich überlegt, ob ich umdrehe." Dann entschied sie sich anders: Ihre Nimbus hatte eine Viertelstunde durchgehalten – also würde sie auch den Rest aushalten. „Ich habe die Knie unter den Steuerstand gepresst, mich mit beiden Händen festgehalten und immer das Display im Auge behalten: Wo kommen die großen Frachter? Kommt mir einer zu nah? Muss ich mal ein bisschen schneller oder den Kurs ändern?"
Den Seegang misst sie mit einer unorthodoxen Methode: dem Schrittzähler am Handgelenk. „Der hat mir, obwohl ich still in meinem Stuhl saß, 5.000 Schritte attestiert – weil das Boot sich so bewegte." Auf dieser Überfahrt hörte er irgendwann auf zu zählen. „Wenn der nicht mehr zählt, sage ich immer: Jetzt ist es ruhiger, dann geht's." Die letzte Stunde unter Landabdeckung wurde tatsächlich besser. Sie hat es geschafft. Ihr Fazit: „Jedes Jahr ein Horrortrip hält Mensch und Maschine fit."
In Schweden erkennt niemand Renate als die Solo-Skipperin, die im Interview in einem deutschen Magazin von ihren Erfahrungen auf ihrem Boot „Rumtreiber“ erzählt. Doch nun geht es zurück nach Deutschland. Ystad, Wiek, Greifswald, dann Sellin auf Rügen. „Da bleibe ich dann ein bisschen länger, da wird dann mal groß Wäsche gewaschen, damit ich das nicht alles mit nach Hause schleppen muss“, erzählt sie. Zum Abschluss des diesjährigen Törns stehen noch Lieblingsorte wie Usedom und Krummin auf dem Plan, ehe das Boot im Oktober in Wolgast aus dem Wasser kommt. Vielleicht kommt sie unterwegs mit dem einen oder anderen Leser, der einen oder anderen Skipperin ins Gespräch.
Dann geht es heim nach Schwalbach. „Im Sommer Natur, im Winter Kultur", ist ihr Motto. Theater, Museen, Konzerte in Frankfurt. Freunde, Yachtclub, Binnenschipper-Treffen, Sport und nicht zuletzt das Nachfeiern von Familienfesten. Genug Programm bis Mitte April, dann geht es wieder los. Die Rumtreiber müssen aufs Wasser.

Redakteurin Panorama und Reise
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.