Den ersten Teil der Reportage finden Sie hier!
Guten Morgen Berlin! Peter Fox ist bei uns mit seiner rohen Ode an die Metropole. Zufall ist das nicht, sondern Spotify aus dem USB-Lautsprecher auf dem Achterdeck. Denn auch wir haben die Nacht hinter uns gebracht und die „Sonne geht gerade auf“. Okay, ein, zwei Stunden ist das schon her, aber für uns ist es noch immer früh. Aus dem Niedergang kommt Kaffeeduft und auf der Spree voraus funkelt das Licht: Zur Sonne, Brüder!
Ob es das auch im Streaming gibt? Wir prüfen nicht nach. Dabei passt auch dieser sozialistische Schlager gerade ziemlich gut: Auf unserem einwöchigen Chartertörn durch die Hauptstadt liegt der Westen erst mal hinter uns und der Osten voraus.
Kurz nach neun hatten wir am öffentlichen 24-Stunden-Anleger am Schiffbauerdamm abgelegt und nach spannenden Tagen in Mitte wieder Kurs spreeaufwärts genommen. Vorbei am Tränenpalast, der ehemaligen Grenzübergangshalle am Bahnhof Friedrichstraße, zur Museumsinsel mit der halb eingerüsteten Kuppel des Doms zum Humboldt Forum rechts und dem Nikolaiviertel links, wo die Sonnenschirme der Restaurants noch zusammengeklappt waren.
Nur kurz hatten wir am Leitwerk vor der Mühlendammschleuse warten müssen, bevor es in der langen Kammer anderthalb Meter nach oben ging. Zwei Polen hatten dort geplaudert, der eine Bauarbeiter, der andere Kapitän eines noch leeren Ausflugsdampfers in der zweiten Kammer nebenan, Kaffeebecher in der Hand, mit seinem Schiff auf dem Weg zum Schichtbeginn. Auf der anderen Seite hatten schon drei Charterboote gewartet, die Spitzengruppe im Rennen um die begehrten Liegeplätze am Schiffbauerdamm. Trotzdem war Geduld gefragt: Denn die Weiße Flotte hatte erst mal Vorfahrt.
Mit der Ausfahrt aus der Mühlendammschleuse hatte für uns die einschränkende Befahrensregelung der innerstädtischen Spree geendet, die Fahrzeugen ohne einsatzbereites Funkgerät die Passage nur zu früher oder später Stunde erlaubt.
Mit zurückgewonnener Freiheit kehren wir nun zum Anfang dieser Geschichte zurück – und zum Beginn des knapp fünf Kilometer nahezu schnurgeraden Abschnitts der Spree, der uns jetzt von Mitte bis an den grünen Rand der Metropole führen wird. Und das Beste: Wir haben die noch etwas schläfrige Spree nahezu für uns allein, während ringsum die Stadt längst erwacht ist.
Bewegung ist beiderseits: Am S-Bahnhof Jannowitzbrücke schiebt sich ein ICE vorbei, ein Muskelpaket probt mit entblößtem Oberkörper Martial-Arts-Moves, erste Liegestühle werden aufgestellt, und auf dem Dach von Mercedes-Benz an der Mühlenstraße dreht sich ein Stern am Morgenhimmel. Graffiti und Gestrüpp machen Platz für akkuraten Rasen mit glänzenden Glasfassaden darüber.
Es folgt der Park an der Spree, ein Stück des ehemaligen Todesstreifens, und die East Side Gallery mit ihrem langen Mauerstück. Denn bis zur friedlichen Revolution im Herbst ’89 bildete der Fluss die Grenze zwischen West und Ost, eine nasse Wunde quer durchs Herz von Berlin. Zu spüren ist davon nichts mehr. Im Gegenteil, Friedrichshain an Backbord und Kreuzberg an Steuerbord bilden längst einen gemeinsamen Bezirk.
Verbunden werden sie durch ein historisches Bauwerk, die Oberbaumbrücke mit ihrem Zwillingspaar ans Mittelalter angelehnter Rundtürme, und durch ein modernes Kunstwerk: den Molecule Man. Im Wasser stehend stellen seine drei dreißig Meter hohen Aluminiumfiguren die hier aufeinandertreffenden Stadtteile Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow dar.
Zur rechten Hand wird’s natürlich: Treptower Park und Plänterwald begegnen sich, dazwischen schmiegen sich – in bester Lage – der Biergarten Zenner und die Insel der Jugend, hinter der gerade eine Flottille von bunten Tretbooten hervorkommt. Zur Linken liegt dagegen die Rummelsburger Bucht mit Reihen nobler Apartments im Inneren und einer Vielzahl zusammengezimmerter Wohnflöße davor. Sie wirken wie Inseln, Treibgut des Lebens, vom Fluss hier aufgestaut.
Gegen elf Uhr passieren wir mit unserer Linssen den Abzweig des Britzer Verbindungskanals nach Westen und kurz darauf den Kaisersteg, eine Fußgängerbrücke in Niederschönweide. Industrie ist zurück am Ufer, gelbe Klinkerfabriken, die Hochschule für Technik und Wirtschaft, aber auch viele Stege und kleinere Boote jetzt, dazu das eine oder andere Schild mit der Gelben Welle, wo auch Gäste willkommen sind. Für uns geht es aber noch ein Stück weiter, nach Backbord, auf die Müggelspree, voraus ein kohlequalmender historischer Schlepper mit gut gelauntem Betriebsausflug an Bord.
Mittags erreichen wir den Müggelsee, eine von Wald umschlossene weite Fläche. Es ist fast windstill, das Wasser liegt ölig glatt in der gewittrigen Luft. Wir haben den östlichsten Punkt unserer Reise durch Berlin erreicht. Der 24-Stunden-Liegeplatz beim DLRG-Turm ist malerisch mit Seeblick, aber für unseren Stahlverdränger leider etwas knapp bemessen. Also wenden wir und fahren zurück die Müggelspree hinunter bis zum Wassersportzentrum Berlin, wo wir es am Kopfende des Gästestegs beinahe ebenso schön haben.
Bevor es regnet, schnell zum Landgang! Der führt uns noch einmal zum See, wo vor der Hafenbar im Müggelpark eine Gruppe Foilboarder ihre schwerelosen Kreise zieht. Dann durch den hundert Jahre alten Spreetunnel von Friedrichshagen hinüber zum südlichen Köpenicker Ufer. Selbst hier unten haben Fußballfans von „Eisern Union“ ihre ewige Liebe zum FCU bekundet, der nicht weit entfernt im neuen Stadion an der Alten Försterei zu seinen Bundesliga-Heimspielen antritt.
Auf dem Müggelschlösschenweg kommen uns im Kiefernwald Rennradler entgegen. Dann werden die Bäume abgelöst durch himmelhohe Platte an der Pablo-Neruda-Straße, und über die Salvador-Allende-Brücke kommen wir zurück zum Wassersportzentrum. Gerade als die ersten Tropfen fallen.
So marschieren wir dann später unterm Regenschirm noch einmal los – doch es lohnt sich: Im “Bräustübl” bekommen wir wie zu Kaisers Zeiten typische Köstlichkeiten serviert: Königsberger Klopse und Schnitzel au four. Und die flüssige Berliner Luft danach lässt sogar vergessen, dass es Herbst wird.
Für die Altstadt von Köpenick haben wir auf dem Rückweg nach Westen noch einen Zwischenstopp eingeplant: am nächsten Mittag an der Schlossinsel, am Steg bei Mutter Lustig. Das ist zwar keine der kostenlosen 24-Stunden-Liegestellen, aber als wir uns bei der netten Dame im Café anmelden wollen, winkt die nur ab: Zwei Stunden sind umsonst. Erst mal freuen wir uns auf der Terrasse am Wasser bei einem Kaffee unter Palmen, dass die Sonne wieder durch die grünen Fächer blinzelt.
Wir drehen eine Runde durch den Park und kommen zum Schlossplatz, wo Markt ist. Perfektes Timing! Denn was noch fehlt zu unserem Glück, ist eine echte Currywurst! Adrett im Bett aus Pappe. Dazu ein frisches Bier, auch das von hier. Von der kleinsten Brauerei Deutschlands, direkt am Platze. Was darf’s sein? Ein Babylonisches oder ein Winterbock? Na, ganz so kalt ist es noch nicht.
Von hier aus geht es schließlich in den Teltowkanal, der knapp anderthalb Kilometer oberhalb von der Spree-Oder-Wasserstraße nach Westen abzweigt. Machen wir es kurz: Seine 38,5 Kilometer gehören nicht zum Aufregendsten unseres Törns durch Berlin. Zugewachsene Ufer, rostbraune Spundwand. Eine Brücke nach der anderen. Mal die S-Bahn über uns, mal Stau. Ansonsten ignoriert die Stadt ihre längste künstliche Wasserstraße.
Die letzte Nacht unseres außergewöhnlichen Törns mitten durch Berlin verbringen wir im Hafen Tempelhof, den man dann doch gesehen haben sollte – wie so endlos vieles in dieser unfassbaren Metropole.
Den ersten Teil der Reportage finden Sie hier!
Wir waren wir mit einer Linssen Grand Sturdy 35 AC Intero von EastWest Charter (siehe unten) unterwegs: Länge: 10,70 m, Breite: 3,40 m, Betten: 4 (in 2 Doppelkabinen mit Dusche und WC). Der Stahlverdränger ist sehr umfangreich ausgestattet, unter anderem mit Bug- und Heckstrahlruder, Kartenplotter und WLAN samt unbegrenztem Datenvolumen. Der Mietpreis beträgt pro Tag ab 298 Euro bei einer Mindestdauer von sieben Nächten. Für Boot und Revier ist der Sportbootführerschein Binnen Voraussetzung.
Das Boot gehört zur Flotte von EastWest Charter. Das Unternehmen verfügt über insgesamt vier Stützpunkte im Nordosten Deutschlands: Zehdenick, Potsdam, Kröslin und Rechlin. Im Angebot sind mehrere Linssen-Modelle in verschiedenen Größen und mit unterschiedlicher Anzahl an Schlafplätzen. EastWest Charter ist Mitglied im Verbund Linssen Boating Holidays. Kontakt: EastWest Charter, Waldstraße 10, 16792 Zehdenick, Tel. 03307/421 80 45, go-eastwest.de
Im Großraum Berlin gibt es eine ausgezeichnete kommerzielle nautische Infrastruktur, die allen Anforderungen gerecht wird. Darüber hinaus existieren auch 16 öffentliche Liegestellen für Sportboote. Ihre Nutzung ist meist kostenlos, dafür ist jedoch auch kein Service vorhanden und die Nutzung ist auf 24 Stunden begrenzt.
Was Lage und Anbindung betrifft, gibt es große Unterschiede. Im geschilderten Bereich von Berlin-Mitte bieten sie die einzige Möglichkeit für eine Übernachtung. Allerdings kommt man mit dem öffentlichen Nahverkehr auch von anderen Punkten der Stadt problemlos ins Zentrum.
Wir haben die beiden folgenden Liegestellen genutzt: Bundesratsufer (Spree-Oder-Wasserstraße, km 11,9 RU, unterhalb der Lessingbrücke) und Schiffbauerdamm (SOW-km 15,3 RU, oberhalb der Marschallbrücke).
Vom 1. April bis 31. Oktober täglich zwischen 10:30 und 19 Uhr ist das Befahren der Spree-Oder-Wasserstraße zwischen km 12, 01 (Lessingbrücke) und km 17,8 (Schleuse Mühlendamm) nur Fahrzeugen gestattet, die mit einem angemeldeten, zugelassenen und betriebsbereiten UKW-Sprechfunkgerät ausgestattet sind. Das gilt auch für Sportboote. Alle anderen Boote müssen die Strecke außerhalb dieser Sperrzeit passieren. Das Festliegen am Anleger Schiffbauerdamm ist erlaubt.

Ressortleiter Reise