Der Blick folgt dem mäandernden Fluss bis zum Horizont, wo das Land mit dem offenen Himmel verschmilzt. Scheinbar endlose Wiesen, auf denen Schafe, Kühe oder Pferde grasen, darüber vor dem Wind fliehende Wolkenfetzen und in der Mitte das blaue Band eines einsamen Wasserweges, der in weiten Windungen seinen Weg nach Westen sucht.
Unser Boot zieht mit dem Strom zu Tal. Egal, in welche Himmelsrichtung der Fluss gerade seine Schleifen schlägt, das Land sieht überall gleich flach aus. Nur selten schenkt ein einsames Gehöft mit Bootsanleger oder ein altes Wasserbauwerk dem Auge Abwechslung. An Backbord schweift der Blick über Dithmarschen, an Steuerbord über Nordfriesland. Nirgendwo in Deutschland gibt es eine plattere Landschaft.
Die Eider zählt nicht zu den von Dichtern besungenen Flüssen Europas. Der berühmteste Literat, der sie befuhr, war der französische Romancier Jules Verne. Auf seiner 35 Meter langen Dampfyacht „Saint Michel III“ reiste er 1881 von Tönning nach Kiel – mit erheblichen Schwierigkeiten.
Denn der damalige Eider-Kanal war nur für Schiffe bis zu einer Länge von knapp 30 Metern zugelassen. Selbst nach der Demontage des Bugspriets passte die Yacht nur mit Not in die Schleusen und in den engen Krümmungen konnte die Crew nur mit Mühe navigieren. Mit an Bord war sein Bruder Paul Verne, der später einen Reisebericht veröffentlichte – es ist das einzige literarische Werk über die Eider. Darin schwärmt der Bruder von einer „Lustreise durch eine idyllische Parklandschaft“.
Unser Charterboot, ein Stahlverdränger vom Typ Linssen 35 SL AC, ist mit 10,70 Metern Länge und einem Meter Tiefgang deutlich kleiner als die „Saint Michel III“ von Jules Verne. Wir dürften also bezüglich der Länge und des Tiefgangs keine solche Probleme bekommen wie der berühmte Autor vor 144 Jahren.
Unsere drei Jahre junge Charteryacht haben wir im Eiderhafen der Gemeinde Wrohm, Ortsteil Lexfähre, übernommen. Dort betreiben Heinke und Jens Edler die Firma Eider-Charter, bestehend aus der Linssen, einem Hausboot und zwei offenen Motorbooten für Tagestouren.
Ich gestehe, dass ich noch nie von einer Charterbasis in der Gemeinde Wrohm, Ortsteil Lexfähre, gehört hatte. Lexfähre liegt mitten in Schleswig-Holstein, etwa 15 km südwestlich von Rendsburg. Der ehemalige Fährort besteht heute aus einem schönen Campingplatz entlang der Eider, dem Eiderhafen Lexfähre und dem Gasthaus Zum Alten Fährhaus. Im Alten Eiderarm östlich hat der Yacht Club Eider Lexfähre sein Domizil.
Und dann ist da noch die Schleuse Lexfähre, die exakt auf dem Eider-Kilometer 26 liegt. Sie markiert den Übergang von der Oberen zur Unteren Binneneider. Unser Ziel sind die schönen alten Hafenstädte Friedrichstadt und Tönning, die beide weit im Westen an der Tideeider liegen. Tönning ist der letzte Bootshafen vor dem Wattenmeer. Etwa 74 Kilometer sind es bis dorthin, davon führen die letzten 22 bereits durch Gezeitengewässer. Ein schönes Reiseziel für einen einwöchigen Törn. Los geht’s!
Ein Graureiher begleitet uns vom Hafen Lexfähre zur Schleuse, die wir am Samstag um 17.30 Uhr passieren. Wie weit kommt man noch am Abend? Nach gut zwei Stunden und 20 Kilometern Talfahrt erreichen wir den Ort Pahlen. Die vor uns liegende Brücke Pahlen soll bei höchstmöglichem Gezeitenwasserstand eine Durchfahrtshöhe von 3,50 m haben. Da wäre nur eine Handbreit Luft zwischen unserer Oberkante und der Brücke.
Sicherheitshalber legen wir im Hafen Pahlen an und verschieben die Brückenpassage auf den nächsten Morgen. Mit knurrendem Magen spazieren wir zum etwa 500 Meter entfernten Event-Lokal Pahlazzo. Doch es hat zu. Auch die zweite Kneipe im Ort. Wir haben einfach Pech, dass an diesem Samstag alle Restaurants in Pahlen geschlossen sind. Zum Glück hatten wir während unserer Autofahrt nach Lexfähre bei einem Discounter gestoppt und uns mit Lebensmitteln und Getränken bevorratet.
Morgens telefonieren wir mit dem Brückenwart. Er meint, dass er vorsorglich die Brücke öffnen werde denn die Strömung darunter sei stark. Um neun Uhr passieren wir das Bauwerk und schippern mit dem Strom westwärts in Richtung Nordsee. Jetzt reisen wir mitten durch die „idyllische Parklandschaft“ der Gebrüder Paul und Jules Verne.
Während des weiten Blickes in die Ferne meldet sich der Hunger. Ob es hier einen Bäcker gibt, der am Sonntagvormittag offen hat? Die Gemeinde Süderstapel bei Kilometer 61 ist weit und breit der größte Ort. Wir legen im Bootshafen an. Auf einer Anhöhe über dem Hafen lacht uns die Reklame „Eiderblick“ an. Ob man dort ein Frühstück bekommt? Wir eilen die Treppen bergauf. Es riecht nach Kaffee und frischen Backwaren. Oben auf der Terrasse angekommen, trauen wir unseren Augen nicht. Ein gigantisches Buffet ist aufgebaut. Es lässt keine Wünsche offen.
„Hi, ich bin Jochen aus Hamburg“, begrüßt uns ein elegant gekleideter Mann. „Wir feiern heute hier ein privates Familienfest.“ „Und ich dachte, der Eiderblick sei ein öffentliches Lokal“, antworte ich. „Nein. Der Eiderblick ist kein Restaurant mehr, sondern inzwischen eine Event-Location.“
Wir bedanken uns für die Auskunft und schreiten mit gesenkten Köpfen die Stufen wieder bergab. Sekunden später überholt uns Jochen und stellt sich breitbeinig in den Weg: Das Buffet ist viel zu groß und wir würden es niemals schaffen. Bitte seid unsere Gäste!“ Wir nehmen auf der Terrasse mit Platz, eine Kellnerin deckt ein und fragt: „Darf es zur Begrüßung Mousse au Chocolat mit Champagner sein?“ Zwei Stunden später ist das Buffet noch immer gigantisch groß. Doch wir müssen weiter.
Vor uns liegen nun 23 Kilometer Flussfahrt bis nach Friedrichstadt, dem ersten großen Ziel unseres Törns. Je weiter wir nach Westen steuern, desto endloser und einsamer erscheint mir die Landschaft. Bis zur Schleuse Nordfeld begegnen wir nicht einem weiteren Boot. Um kurz nach drei am Nachmittag fahren wir langsam in die Kammer ein. Die bei Kilometer 78 gelegene Schleuse markiert die Grenze von der Binneneider zur Tideeider.
Als wir zehn Minuten später aus der Schleuse ausfahren, sieht die Welt anders aus. Keine satten grünen Wiesen mehr bis zum Ufer und kein gleichmäßig zu Tal fließender Strom. Stattdessen liegt vor uns ein flach zur Flussmitte abfallender Graben aus graubraunem Modder, in dem uns ein trübes Rinnsal entgegenströmt – die auflaufende Flut. Während das Wasser steigt, baut ein weißhaariger Fischer in der Matschlandschaft mit großer Ruhe seine Reuse auf.
Knapp eine Stunde später unterqueren wir eine weitere Straßenbrücke und biegen dann bei Kilometer 84 scharf nach Steuerbord in den Stichkanal nach Friedrichstadt ab. Ein Sperrwerk mit Schleuse ermöglicht einen tidefreien Hafen und schützt die Stadt vor Hochwasser. Wir passieren das Schutzbauwerk, fahren über den Neuen Hafen in den Alten Hafen ein und machen schließlich am Steg des Motorbootclubs Westküste fest.
Das historische Friedrichstadt liegt sehr malerisch am Zusammenfluss von Treene und Eider. Die Altstadt ist von Grachten durchzogen. Leider sind die Brücken über diesen Kanälen nur 1,50 Meter hoch, sodass wir keine Chance haben, sie mit unserer Charteryacht selbst zu erkunden.
Vom Motorbootclub läuft man in wenigen Minuten in die verkehrsberuhigte Altstadt. Der Gottorfer Herzog Friedrich III. ließ die Ansiedlung ab 1621 als Planstadt nach holländischem Vorbild errichten. Friedrich wollte in seinem Herrschaftsbereich ein Handelszentrum etablieren und holte dafür niederländische Bauherren und Kaufleute in den Norden. Lange Zeit war Niederländisch die Amtssprache. Gleichzeitig galt Friedrichstadt als Ort der Toleranz. Neben dem Niederländischen wurden auch Dänisch und Deutsch gesprochen.
Schmale Grachten sowie Giebelhäuser im Stil der niederländischen Backsteinrenaissance prägen noch heute das Stadtbild. Das schicke Holländerstädtchen trägt auch den Beinamen „Rosenstadt“, weil vor vielen Fassaden Rosen in prächtigen Farben blühen. Sehenswert ist vor allem der Marktplatz mit seinen Treppengiebeln. Während der Friedrichstädter Festtage am letzten Juli-Wochenende gibt es einen Lampion-Korso mit prächtig geschmückten Booten.
Tönning ist das westlichste Ziel unseres Törns. Es liegt im unteren Bereich der Tideeider und kann nicht mehr zu jeder beliebigen Zeit angelaufen werden. Wir folgen dem Hinweis unseres Vercharterers, den Hafen Tönning nur in einem Zeitfenster von zwei Stunden vor bis zwei Stunden nach Hochwasser anzusteuern.
Bis Tönning sind es 16 Kilometer Fahrt auf der Tideeider. Wir wollen so starten, dass wir um Hochwasser herum ankommen, um in dem kleinen Hafen einen Liegeplatz zu finden. Für die Strecke rechnen wir anderthalb Stunden ein. Hinzu kommt eine weitere halbe Stunde für die Schleuse Friedrichstadt. Also müssen wir zwei Stunden vor dem höchsten Stand der Tide in Friedrichstadt auslaufen. Nach einer Viertelstunde haben wir die Schleuse passiert und steuern gegen das auflaufende Wasser westwärts in Richtung Wattenmeer. Es fühlt sich komisch an, wenn man stromabwärts fährt, das Wasser einem jedoch entgegengurgelt.
Anfangs schwimmt unser Schiffchen noch tief in dem Graben aus Schlick und Schlamm, doch mit jeder Minute, die vergeht, steigen wir sichtbar nach oben und die Rundumsicht wird zunehmend besser. Die Navigation ist simpel: Auf den etwas breiteren Strecken erkennt man am auflaufenden Tidenstrom, wo das tiefere Fahrwasser ist. Nachts möchte ich hier allerdings nicht fahren müssen. Auf der gesamten Strecke von Friedrichstadt nach Tönning sind wir allein auf dem Wasser unterwegs.
Eine Viertelstunde vor dem höchsten Wasserstand passieren wir die Eiderbrücke Tönning und biegen 400 Meter westlich hart nach Steuerbord ab. Rechts voraus ist bereits der Turm der Laurentiuskirche von Tönning zu sehen. Wir laufen in den Alten Hafen ein, der bei mittlerem Hochwasser eine Tiefe von 2,5 Metern haben soll. An Steuerbord kommen schöne alte Fischerhäuser auf, heute die Touristenmeile. Ohne lange zu suchen, finden wir einen freien Gästeplatz an der Südkaje unterhalb des historischen Packhauses.
Die Kleinstadt Tönning ist westlichstes Ziel unseres Törns. Weiterzufahren macht keinen Sinn. Nach etwa neun Kilometern in Richtung Südwesten über den Purrenstrom und den Mündungstrichter des Flusses kommt das Eidersperrwerk, an dem es keine Gastliegeplätze gibt, weder binnen- noch seeseitig. Seine Schleuse ist das Tor zur Nordsee.
Den Hafen von Tönning gibt es in seiner heutigen Form bereits seit 1613. An ihm lagen mehrere Werften. Die Schiffe der Tönninger Reeder segelten nach Hamburg, Holland oder Dänemark. Den größten Aufschwung brachte der Eider-Kanal (ursprünglich Schleswig-Holsteinischer Canal), die erste schiffbare Verbindung von der Ostsee zur Nordsee.
Mit der Probefahrt des Segelschiffes „Rendsburg“ am 18. Oktober 1784 wurde er offiziell eröffnet. Für den Warenumschlag auf dem Eider-Kanal wurden in Kiel, Rendsburg und Tönning drei nahezu identische Packhäuser gebaut. Sie dienten der Lagerung von Wolle, Getreide, Kaffee und Salz.
Der wirtschaftliche Boom von Tönning als Seehafen dauerte ein Jahrhundert. Über 300.000 Segelschiffe mit einem Gewicht von bis zu 140 Tonnen passierten den Eider-Kanal. Doch zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Schiffe immer größer und zunehmend von Dampfmaschinen angetrieben. Der EiderKanal war zu schmal, zu flach und zu kurvenreich. Mit der Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals (damals KaiserWilhelm-Kanal) im Jahre 1895 fiel Tönning in den Dornröschenschlaf. Die einzigen hier noch festmachenden Schiffe waren die Krabbenkutter.
Nach Fertigstellung des Eidersperrwerks im Jahre 1972 verschwanden aber auch jene. Sie haben jetzt einen Anleger binnenseitig des Sperrwerks. Den einst so wichtigen Handelshafen Tönning haben nun die Sportboote für sich. Das Packhaus steht unter Denkmalschutz. In der oberen Etage zeigt der Heimatverein eine Ausstellung zur Stadtgeschichte.
So sehr uns Tönning auch gefällt, wir müssen zurück nach Lexfähre, denn unsere Charterwoche ist zur Hälfte vorbei. Die Wettervorhersage prognostiziert zwei Tage Dauerregen. Kein Problem, unsere Linssen hat eine ringsum geschlossene Kuchenbude über dem Steuerstand. Und so genießen wir die Rückreise durch Vernes „idyllischen“ Norden selbst bei etwas frischeren Bedingungen.
Kein anderer Strom in Europa ist so rigoros umgestaltet worden wie die Eider. Der ursprüngliche Fluss entspringt zwischen Kiel und Neumünster und fließt anfangs in Richtung Ostsee. Kurz vor Kiel schwenkt er nach Westen und folgt dem natürlichen Gefälle bis zur Mündung in die Nordsee. Die extremste Veränderung erlebte der Fluss mit dem Bau des Nord-Ostsee-Kanals. Die südwestlich von Kiel fließende Obereider wurde dabei von der Eider abgetrennt und mündet nunmehr bei Achterwehr in den NOK, der bis Rendsburg im Wesentlichen dem alten Flusstal folgt. In diesem Bereich existieren parallel zum NOK noch Strecken der Alten Eider und des Eiderkanals. Die restlich verbliebene Eider entspringt in Rendsburg neu, da kein Wasser aus dem NOK zurück in die Eider gelangt. Danach mäandert die Eider nach Westen über Friedrichstadt nach Tönning, wo sie in den Purrenstrom (schiffbarer Teil der Tideeider) mündet, einem neun Kilometer langen Mündungstrichter. Am Südwestende reguliert das Eidersperrwerk den Abfluss ins Wattenmeer. Der Unterlauf der Eider ist durch den Gieselau-Kanal mit dem NOK verbunden. Die Bundeswasserstraße Eider von Rendsburg bis zur Mündung in die Nordsee wird wie folgt aufgeteilt: Obere Binneneider: Rendsburg bis Schleuse Lexfähre, Wassertiefe zwischen Lexfähre und Gieselau-Kanal 3,0 m, in Richtung Rendsburg abnehmend auf 0,8 m. Untere Binneneider: Lexfähre bis Schleuse Nordfeld, Wassertiefe 3,0 m. Tideeider: Nordfeld bis Eider-Sperrwerk, Wassertiefe tidenabhängig. Gieselau-Kanal: vom NOK bis zur Mündung in die Eider, Wassertiefe 2,4 m.
Von den norddeutschen Metropolen Hamburg oder Lübeck fährt man jeweils etwa anderthalb Stunden nach Lexfähre. Gratis parken beim Vercharterer.
Eider-Charter vermietet eine Linssen 35 SL AC, ein Hausboot sowie zwei offene Motorboote. Die von uns gecharterte Linssen (10,70 x 3,35 x 1,0 m) verfügt über zwei Doppelkabinen mit eigenem Bad. Wir haben das Boot in einem optisch und technisch sehr guten Zustand übernommen. Es ist überkomplett ausgerüstet, inklusive WLAN. Preise: je nach Saison ab 1950 €/Woche, plus 160 € Endreinigung. Betriebskosten: 12 €/h oder vollgetankt zurück. Kontakt: Eider-Charter Lexfähre, Tel. 0160 / 96 84 72 56
Auf allen Teilstrecken der Eider sowie auf dem Gieselau-Kanal gilt die Seeschifffahrtsstraßen-Ordnung, der Skipper benötigt den Sportbootführerschein See. An Bord der „Seppel“ gibt es kein UKW-Funkgerät, insofern ist auch kein Sprechfunkzeugnis erforderlich.
DK-Sportbootkartensatz 1 „Kieler Bucht und Rund Fünen. Mit Lübecker Bucht, NOK, Eider und Schlei.“ Auf der Karte 05A ist auf einer halben Seite die Eider dargestellt - allerdings in 9 Teile zerschnitten, die nicht logisch hintereinander angeordnet sind. Die Karten sind besser benutzbar, wenn man sie kopiert und danach die Einzelteile ausschneidet und in korrekter Reihenfolge neu aufklebt. ISBN: 978-3-667-13015-0 94,90 €.