Jill Grigoleit
· 28.06.2025
Was haben der Mississippi und der Neckar gemeinsam? Die überraschende Antwort: Beide haben einen großen amerikanischen Schriftsteller in ihren Bann gezogen.
„Niemand hat das höchste Ausmaß dieser sanften Schönheit begriffen, der nicht auf einem Floß den Neckar hinabgefahren ist“
Diese Worte stammen, unglaublich, aber wahr, von keinem Geringeren als Mark Twain. Dieser nämlich fuhr 1879 auf seiner Europareise – wie es sich für den schöpferischen Vater von Tom Sawyer und Huckleberry Finn gehört – auf einem Floß den Neckar hinunter und sang danach ein Loblied auf den Schwabenfluss. Und das, obwohl er dabei sogar zwei Mal kenterte. Besonders angetan war Mark Twain, mit bürgerlichem Namen Samuel Clemens, von der damals schon berühmten Studentenstadt Heidelberg und den Wäldern des Neckartals, in das er viele Ausflüge unternahm. Er schrieb: „Man wird nie müde, in den dichten Wäldern umherzustöbern, die alle diese hohen Neckarberge bis an ihre Gipfel umkleiden.“
Grund genug, sich auf seine Spuren zu begeben und die Region mit dem Boot zu erkunden, fanden wir. Zugegeben, Ende des 19. Jahrhunderts war der Neckar sicherlich nicht das, was er heute ist. Nämlich eine viel befahrene und durch 27 Staustufen, Begradigungen und Eindeichungen gebändigte Schifffahrtsstraße. Um die 5.000 Schiffe transportieren hier jährlich etwa fünf Millionen Tonnen Güter. Nebenbei füttert der Fluss 26 Kraftwerke auf seinem Weg Richtung Nordwesten. Romantisch klingt das nicht mehr. Der Name Neckar stammt aus dem keltischen und bedeutet so viel wie wilder, reißender Fluss. Heute wird er diesem Namen kaum noch gerecht. Doch es gibt sie, die natürlichen Abschnitte, in denen sich der Neckar noch unbezwungen durch die Landschaft windet – wenn auch nicht mehr wild und reißend. Nachdem er sich aus den industriereichen Ballungsräumen um Stuttgart befreit hat, geht es vorbei am barocken Ludwigsburg, dem Heimatort unserer Besatzung bei diesem Törn. Der malerisch von Weingärten gesäumte Abschnitt zwischen der Schillerstadt Marbach und den Hessigheimer Felsengärten ist unserer „Schwabencrew“ wohlbekannt. Wir starten deshalb weiter nördlich.
Ab Gundelsheim nämlich verändert sich die Landschaft erheblich. Denn hier tritt der Neckar in den Odenwald ein, wo hohe bewaldete Hänge statt Weinberge seine Ufer säumen. Der Fluss schlängelt sich in teils engen Schleifen durch ein schmales Durchbruchstal bis nach Heidelberg. Hinter gefühlt jeder Biegung thront eine Burg (oder zumindest Überreste einer solchen) über dem Neckartal – Zeugen einer Zeit, in der hier Könige und Fürsten das Zepter in der Hand hielten und gegenseitig versuchten, es sich zu entreißen. Stoff für Legenden und Mythen. Hier findet man sie noch, die Romantik. Gestartet sind wir am Morgen in Binau, dem Heimathafen unseres Charterboots „Infinity“, einer Passion Yacht 1400. Der Ort liegt an der längsten Neckarschleife. Direkt hinter dem Anleger am Fortuna Campingplatz geht es in eine 180-Grad-Kurve. Es ist Mitte Juli, und schon am Morgen spürt man die Hitze des kommenden Tages aufziehen. Doch nach einem Wolkenbruch am Vorabend ist die Luft noch frisch, und auf dem Wasser lässt es sich gut aushalten. Kurz nach dem Ablegen erblicken wir zwei Eisvögel dicht über das Wasser flitzen und in der Uferböschung verschwinden. Ein Indiz dafür, dass sich die Wasserqualität der Schifffahrtsstraße wohl tatsächlich verbessert hat und die Natur sich erholt.
Nach zwanzig Minuten melden wir uns bei der Schleuse Guttenbach an. Sie ist die erste von insgesamt sieben Schleusen, die wir talwärts bis Heidelberg überwinden müssen. Durch den Bau der Schleusen und Staustufen wurde der Neckar auf 203 von seinen insgesamt 367 Kilometern von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein schiffbar gemacht. Im Schnitt folgen die Doppelschleusen im Abstand von sieben Kilometern aufeinander. Telefonisch gibt man uns die Auskunft, dass die rechte der beiden Kammern bereit für uns ist. Wir fahren in die gefüllte Kammer, und kurze Zeit später geht es abwärts – und zwar erheblich. Die durchschnittliche Fallhöhe des imposanten Wasserbauwerks beträgt 5,30 Meter. Aber immerhin muss der Neckar auf seinem Weg bis zur Oberrheinischen Tiefebene auch unglaubliche 160 Meter Höhenunterschied überwinden – vergleichbar mit dem Ulmer Münster. Weiter geht es über die Schleuse Rockenau, wo wir kurz die Gegenschleusung abwarten müssen, in Richtung Eberbach, unserem heutigen Törnziel.
Kurz nach der Schleuse Rockenau durchbricht vor uns die Teufelskanzel als roter Streifen den dunkelgrün bewaldeten Berghang. Die eindrucksvolle Felsformation auf dem Kranichberg bei Eberbach ist beliebt als Wanderziel und Aussichtspunkt. Der charakteristisch rötliche Neckartäler Sandstein wird uns kurze Zeit später wieder begegnen. Denn von hier stammen die Steine, die beim Bau des Heidelberger Schlosses und der Alten Brücke verwendet wurden. Gegen Mittag machen wir an der Kaimauer von Eberbach fest. Sportboothäfen sind auf dem Neckar eine Seltenheit, auf Gäste ist man kaum eingestellt. Bis Heidelberg begegnet uns nur ein einziges anderes Motorboot, dafür reichlich Binnen- und Ausflugsschiffe. Der städtische Anleger in Eberbach ist kostenfrei, und es gibt sogar eine Stromsäule. Wir besichtigen die mittelalterliche Altstadt mit der historischen Stadtbefestigung, dem Pulverturm aus dem 13. Jahrhundert und dem Thalheimschen Haus. Das Gebäude aus dem 15. Jahrhundert hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich und beherbergt heute das Informationszentrum des Naturparks Neckartal-Odenwald.
Wir wollen ein bisschen Odenwald-Luft schnuppern und machen uns an den 45-minütigen Aufstieg zur Burgruine. Viel ist von der Festungsanlage nicht übrig geblieben. Wir wandeln zwischen den verwunschenen Mauerresten und zugewucherten Torbögen und versuchen uns vorzustellen, wie die Menschen hier vor gut 800 Jahren gelebt haben. Ein Vorgeschmack auf das, was uns am nächsten Tag erwartet, als wir mit Neckarsteinach die Vierburgenstadt erreichen. Am nächsten Morgen decken wir uns vor der Abfahrt noch bei einem 600 Jahre alten Familienbetrieb mit typisch schwäbischem Proviant ein: Laugenbrezeln. Bereits in der 21. Generation leitet Bäckermeister Christian Beisel die Backstube in der Rosengasse, nur wenige Minuten von unserem Liegeplatz an der Uferstraße. Bis zum Abend wollen wir in Heidelberg sein. Bis dahin liegen 33 Kilometer und vier Schleusen vor uns. Doch unterwegs wollen wir noch ein paar Burgen besichtigen. Also legen wir zeitig ab.
Bei Eberbach ändert der Neckar seine Fließrichtung von Nordwest nach Südwest und bildet über ein paar Kilometer die Landesgrenze zwischen Baden-Württemberg und Hessen. Wir passieren die Schleusen Hirschhorn und Neckarsteinach und erreichen pünktlich zum Mittagessen unser nächstes Etappenziel. Auch hier können wir ohne Anmeldung und kostenfrei an der Kaimauer festmachen. Allerdings braucht man hier schon sehr lange Leinen, um an die wenigen Festmacherringe zu kommen. Strom gibt es hier nicht. Für einen kleinen Stopover reicht es aber allemal.
Genau wie Eberbach liegt Neckarsteinach am Fuße des Odenwaldes an der Burgenstraße, die von Mannheim bis nach Prag reicht, und wartet mit gleich vier beeindruckenden Bauten aus dem Mittelalter auf. Allerdings sind zwei davon, die Vorderburg und die Mittelburg, im Privatbesitz und zum Teil bewohnt. Die eindrucksvolle Hinterburg wurde im Dreißigjährigen Krieg zur Ruine, genau wie die vierte, in den Steilhang über dem Neckar gebaute Burg Schadeck. Dank ihrer pittoresken Lage wird das Wahrzeichen der Stadt seit jeher Schwalbennest genannt. Wer den Aufstieg vom Ortskern nicht scheut, wird mit einer atemberaubenden Aussicht über die Neckarschleife und den Dilsberg belohnt. Und beim Wandeln durch die historischen Gemäuer wundert es einen nicht mehr, dass einige Forscher in dem von hier stammenden Minnesänger Bligger II. von Steinach den Urheber des Nibelungenliedes vermuten.
Nach dem schweißtreibenden Aufstieg schlendern wir mit einem wohlverdienten Eis in der Hand durch die schattigen verwinkelten Gassen der Altstadt, wo sich ein Fachwerkhaus an das nächste reiht. Vor dem Rathaus sticht uns ein maritimes Denkmal ins Auge. Der Schifferbrunnen besteht aus fünf übereinandergesetzten Schiffsschrauben und wurde 1997 vom traditionsreichen Schifferverein gestiftet – ein Symbol für die Bedeutung, die die Schifffahrt für Neckarsteinach hatte. In den 1950er- und 1960er-Jahren zählte Neckarsteinach mit zu den größten Binnenschifffahrtsgemeinden Deutschlands. Gegen 15:30 Uhr legen wir ab und fahren weiter flussabwärts durch die idyllische Mittelgebirgslandschaft. Uns begegnen immer mehr Ausflugsschiffe. Kurz vor der Schleuse Neckargemünd kommt uns die „Königin Silvia“, das neueste Schiff der Weißen Flotte Heidelberg, mit blauer Tafel an Steuerbord entgegen. Wir passieren sie entsprechend steuerbord und setzen unseren Weg weiter fort in Richtung Geburtsstadt der Königin von Schweden, nach der das voll besetzte Schiff benannt wurde.
Am frühen Abend erreichen wir die Schleuse Heidelberg. Vor uns liegt die Karl-Theodor-Brücke, besser bekannt als Alte Brücke, und linkerhand erhebt sich die prominente Kulisse der Heidelberger Altstadt, über der majestätisch das weltberühmte Schloss thront. Der Inbegriff deutscher Romantik. Über Jahrhunderte hinweg konkurrierte es mit dem Glanz der kaiserlichen Höfe in Wien und Prag. Morgen wollen wir es uns aus der Nähe anschauen. Der Motor-Boot-Club Heidelberg ist einer von zwei Sportboothäfen auf unserem Törn. Wir machen, wie vorher telefonisch mit Hafenmeisterin Biggi vereinbart, längsseits am Kopfsteg fest. Sie zeigt uns die Sanitäranlagen, gibt uns den WLAN-Code und hilft beim Wasserbunkern.
Dann geht es zum Abendessen in die Innenstadt. Die Außenplätze der Restaurants sind an diesem warmen Sommerabend gut gefüllt. Überall ist – selbst an einem Mittwochabend – das universitäre Leben spürbar. Von etwa 163.000 Einwohnern sind etwa 39.000 Studierende, 40 Prozent der Einwohner sind jünger als 30 Jahre. Zurück an Bord bietet sich uns ein atemberaubender Anblick auf die Altstadt im Abendlicht. Die rötlichen Steine der Brücke und des Schlosses werden von der untergehenden Sonne angestrahlt, und zeitgleich treibt es scheinbar alle Heidelberger gleichzeitig ans und auf das Wasser: Hunderte Paddler, Ruderer und Jollensegler sind auf dem Fluss unterwegs, und am Ufer trifft man sich unter Palmen an der Beach Bar.
Der nächste Tag steht ganz im Zeichen des Sightseeings. Wir wollen auf den Königstuhl, den 567 Meter hohen Hausberg von Heidelberg, von dem man eine fantastische Aussicht über das Neckartal und die Rheinebene haben soll. Außerdem soll es dort oben gut fünf Grad kühler sein, was uns bei den angesagten Temperaturen sehr verlockend erscheint. Am Kornmarkt in der Altstadt startet die Bergbahn, die uns bis zur Station Molkenkur bringt. Von hier geht es weiter mit der ältesten elektrisch betriebenen Bergbahn bis zum Königstuhl. Der Ausblick ist einzigartig. Richtung Osten sieht man den Neckar aus dem Odenwald treten und Richtung Nordwesten in die weite Oberrheinische Tiefebene fließen. Bei guter Sicht soll der Blick sogar bis ins Elsass reichen.
Wir machen uns an den Abstieg zum Schloss, einst Residenz der Pfalzgrafen und Kurfürsten aus dem Haus der Wittelsbacher, die von hier aus über 400 Jahre lang regierten. Heute zählen die rötlichen Fassaden der wohl berühmtesten Ruine Deutschlands zu den meistbesuchten touristischen Sehenswürdigkeiten Europas. Im Keller der Schlossanlage steht übrigens das größte jemals befüllte Weinfass der Welt.
An Tag fünf unseres Törns müssen wir kehrtmachen. Ab jetzt geht es bergauf. Auf dem Rückweg wollen wir Hirschhorn und Zwingenberg einen Besuch abstatten, deshalb legen wir wieder früh ab und bringen bis zum Mittag drei Schleusen hinter uns. Als wir jedoch gegen 12 Uhr Hirschhorn erreichen, ist die Enttäuschung groß. Wegen eines Festivals ist die Spundwand der Stadt bis auf den letzten Platz belegt. Mit unserer 14-Meter-Yacht im Päckchen festmachen, kommt nicht infrage, da es sich nur um kleinere Ruder- und Anglerboote handelt. Also melden wir uns bei der Schleuse und nehmen unseren Mittagssnack außerplanmäßig unterwegs an Deck ein. Bis Zwingenberg sind es noch gut zweieinhalb Stunden. Wir machen das Beste draus und genießen den kühlen Fahrtwind. Kurz bevor wir unser Etappenziel erreichen, ragen schon wieder Türme und Zinnen aus dem dichten Mischwald am Hang.
Das Zwingenberger Schloss ist überregional bekannt für die Freilichtspiele, die hier jährlich im Sommer stattfinden. Wir machen am gegenüberliegenden Ufer beim Motor Yacht Club Neckar (mycn) am Schwimmsteg fest. Gegen Abend füllt sich die Uferstraße mit einer endlos langen Schlange parkender Autos, und eine Karawane von schick gekleideten Menschen pilgert den Hang hinauf. Von Bord aus genießen wir den Ausblick auf das beleuchtete Schloss und das unverhoffte Livekonzert. Angeblich hat sich Carl Maria von Weber hier von der hinter dem Schloss liegenden Wolfsschlucht zu seiner Oper „Der Freischütz“ inspirieren lassen. Deshalb wird diese jährlich auch bei den Schlossfestspielen aufgeführt. Die wildromantische Schlucht, die von einem Bach in das Tal hinter der Zwingenburg geschnitten wurde, soll ihren Namen einer Legende nach der Tatsache verdanken, dass hier 1866 der letzte Wolf des Odenwaldes erlegt wurde.
Am nächsten Tag wollen wir trotz der angesagten 31 Grad wandern gehen. Die Aussicht, den heißen Nachmittag in einer schattigen und von Sprühnebel befeuchteten Schlucht zu verbringen, überstimmt die Zweifel, ob eine vierstündige Wanderung an einem Hochsommertag wirklich eine so gute Idee ist. Vorher allerdings muss einer von uns zum Brötchen holen zu „Giselas Shop“ auf der anderen Flussseite. Dafür muss man einen etwa 15-minütigen Fußmarsch über die Fußgängerbrücke und entlang der Dorfstraße auf sich nehmen. Der kleine Postladen ist die einzige Versorgungsmöglichkeit in dem kleinen Ort und hat nur vormittags geöffnet.
Über steile Treppen geht es nach dem Frühstück den Berg hinauf bis zum Schloss. Die sehr gut erhaltene Burganlage gehört wohl zu den beeindruckendsten Festungen im Neckartal. Derzeit ist das Schloss von Prinz Ludwig von Baden und seiner Familie bewohnt und kann nicht besichtigt werden. Uns steht der Sinn heute aber ohnehin mehr nach Natur als Kultur. Also umrunden wir das Schloss und machen uns auf den Weg durch die Schlucht. Dichtes Laub und plätschernde Wasserfälle empfangen uns. Genau das Richtige für einen heißen Julitag. Und ein wunderbarer Abschluss für unseren Neckartörn. Wie war das noch? „Man wird nie müde, in den dichten Wäldern umherzustöbern …“. Am nächsten Tag verabschieden wir uns in Binau wieder von der Infinity und sind uns einig: Mark Twain hatte recht.
Ferien auf dem Wasser, Agentur für Hausbootvermietung
In der Breite 21, 78591 Durchhausen, Tel: 07464 9891370 www.ferien-auf-dem-wasser.de
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Redakteurin Reise