NorddeutschlandNord-Ostsee-Kanal - mit dem Charterboot unterwegs zwischen den Meeren

Bodo Müller

 · 21.02.2026

In geordneten Bahnen: Auf dem Nord-Ostsee-Kanal teilen  sich Verkehrsteilnehmer jeder Art das Fahrwasser. Hier  sind es Tanker, Trawler – und ein Konvoi Schwäne.
Foto: Bodo Müller
Keine künstliche Wasserstraße ist weltweit stärker befahren als der Nord-Ostsee-Kanal. Entsprechend spannend ist die Passage für Sportboote. Denn die Größenunterschiede sind deutlich.

​Wer seinen Bootsliegeplatz in Hamburg oder an der Unterelbe hat und die Sommer auf der Ostsee verbringt, passiert üblicherweise zweimal im Jahr den Nord-Ostsee-Kanal. Selbst nach vielen Passagen schwärmen Bootseigner noch immer von der Kanalfahrt, die den Anfang oder das Ende der Saison einläutet. Die Reise auf Tuchfühlung mit dicken Pötten ist ein Erlebnis für sich, und obendrein kann man unterwegs noch einiges entdecken.

Ein Charterangebot gibt es

Was macht der ambitionierte Skipper, der kein eigenes Boot für den Transit zwischen Brunsbüttel und Kiel zur Verfügung hat, aber trotzdem einmal auf dem NOK skippern möchte? Kann man dort chartern? Die Antwort: Nicht direkt, aber fast. Denn nur sechs Kilometer nördlich vom Kanal gibt es in der Siedlung Lexfähre an der Eider ein kleines Charterunternehmen, das einen Linssen-Stahlverdränger anbietet.

Von Lexfähre gelangt man über die Obere Binneneider, den Gieselau-Kanal und die Schleuse Gieselau in den Nord-Ostsee-Kanal. Wir wollen es ausprobieren und chartern für vier Tage die komfortable Yacht aus den Niederlanden, um den meistbefahrenen Schifffahrtsweg der Welt auf eigenem Kiel kennenzulernen.

Lexfähre: Start an der Eider

Lexfähre liegt mitten in Schleswig-Holstein, etwa 15 Kilometer südwestlich von Rendsburg. Der ehemalige Fährort besteht heute aus einem Campingplatz an der Eider, dem Eiderhafen Lexfähre und dem Gasthaus „Zum Alten Fährhaus“. Im Alten Eiderarm gegenüber hat der Yacht Club Eider Lexfähre sein Domizil. Und dann ist da noch die Schleuse Lexfähre, die exakt auf dem Eider-Kilometer 26 liegt und den Übergang von der Oberen Binneneider zur Unteren Binneneider markiert.

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Unser Charterboot ist eine drei Jahre junge Linssen 35 SL AC mit knapp elf Metern Länge. Heinke und Jens Edler von der Firma Eider-Charter haben außerdem noch ein Hausboot sowie zwei offene Motorboote für Tagestouren im Angebot. Unsere Yacht ist optisch und technisch in einem Top-Zustand und die Einweisung ist schnell erledigt.

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Über den Giselau-Kanal

Unser Ziel ist die Hafenstadt Rendsburg – und natürlich der Weg dorthin auf dem Nord-Ostsee-Kanal. Rendsburg liegt bei NOK-Kilometer 66 und hat, obwohl es eigentlich mitten in Schleswig-Holstein liegt, eine große Schifffahrtstradition. Begründet wurde sie durch den Eider-Kanal, den Vorgänger der heutigen Wasserstraße. Die drei großen Umschlagplätze am Eider-Kanal waren Kiel, Rendsburg und Tönning. Heute ist Rendsburg der einzige Seehafen zwischen Kiel und Brunsbüttel.

Es gießt wie aus Kannen, eine schöne Einstimmung für unseren Törn durch Norddeutschland. Unsere Charteryacht hat eine Kuchenbude, die sich ringsum schließen lässt. Die Scheibenwischer surren, als wir Lexfähre im Kielwasser zurücklassen und auf der Eider nach Süden in Richtung NOK steuern. Nach drei Kilometern biegt die Eider nach Osten in Richtung Rendsburg ab. Diese Strecke ist zwar ebenfalls schiffbar, kann allerdings nur noch von kleinen Booten genutzt werden, da die Fahrwassertiefe auf weniger als einen Meter abnimmt.

Wir steuern südwärts in den Gieselau-Kanal hinein. Nach dem Bau des Nord-Ostsee-Kanals ist dies die einzige schiffbare Verbindung zwischen NOK und Eider. An der Schleuse Gieselau öffnen sich wie von Geisterhand die Tore und die Ampel springt auf Grün. Wir fahren hinein und ich gehe zum Schleusenwärter, um die Kanalgebühr zu entrichten. Der Schleusenmeister sieht zum Fenster raus und meint: „Ah, das Charterboot mal wieder. Wie weit wollt ihr?“

„Nach Rendsburg und zurück.“ „Das macht acht Euro für die Teilstrecke. Und in einer halben Stunde gibt’s gratis Sonnenschein dazu!“ Nach der Schleusung hört es tatsächlich auf zu regnen. Der südliche Schleusenvorhafen von Gieselau ist zugleich eine der acht Sportboot-Liegestellen am NOK.

Meistbefahrener Kanal der Welt

Als wir den Kanal erreichen, bricht der Himmel auf und die niedrig stehende Sonne vergoldet die Landschaft. Kein Schiff weit und breit, wir haben freie Fahrt und biegen nach Backbord ein.

​Für eine gute halbe Stunde sind wir allein auf dem meistbefahrenen Kanal der Welt. Doch das ändert sich schlagartig: An der Weiche Breiholz kommen uns drei Feeder entgegen, vier dicke Pötte kommen dazu von achtern auf, angeführt von einem Tanker. Und vor uns in der Weiche liegt ein Massengutfrachter an der Dalbenreihe und will gerade ablegen. Respekt vor der Verkehrszentrale Brunsbüttel, die diesen Schiffsverkehr mit Kameras überwacht und mit Lichtsignalen regelt.

Wir hangeln uns so dicht wie möglich am rechten Ufer entlang, um den Pötten nicht zu nahe zu kommen. Gleich nach der Weiche quert die Fähre Breiholz den Kanal. Sie ist eine von 14 Fähren der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, die an zwölf Fährstellen den Kanal queren. Hinzu kommt noch eine ganz besondere Fähre: die Schwebefähre in Rendsburg. Doch dazu später mehr.

Die Lotsenstation Rüsterbergen

Fünf Kilometer weiter in Richtung Kiel kommt an Steuerbord bei Kilometer 55 die Lotsenstation Rüsterbergen auf. Hier kann man zusehen, wie der Lotse aus Kiel an der Bordwand hinunterklettert und der Kollege aus Brunsbüttel hinaufsteigt – oder umgekehrt. Die Lotsen haben den Kanal unter sich aufgeteilt. Das Kanalrevier NOK I reicht von Brunsbüttel bis zur Lotsenversetzstation Rüsterbergen. Zum Kanalrevier NOK II gehören der östliche Teil, aber auch die Kieler und die Flensburger Förden sowie die Trave bis Lübeck.

Fünf Kilometer weiter nach Nordosten macht der Kanal eine Rechtskurve, ab hier sind bereits die Kräne des Kreishafens von Rendsburg zu sehen. Mit seiner Anbindung an das Eisenbahnnetz hat er sich als führender Umschlagplatz für Massengut in Schleswig-Holstein etabliert.

Eisenbahnhochbrücke Rendsburg

Gleich hinter dem Hafen folgt die 42 Meter hohe Eisenbahnhochbrücke über dem NOK. Unter dieser Brücke hängt das Wahrzeichen von Rendsburg: die Schwebefähre, Stolz der Stadt. Das mehr als hundert Jahre alte Original steht jedoch an Land, seit es bei der Kollision mit einem Schiff stark beschädigt wurde.

Die stählerne Rendsburger Eisenbahnhochbrücke, die mit ihren beiden Auffahrtrampen 7,5 Kilometer lang ist, wurde in der Rekordzeit von nur zwei Jahren errichtet. Bei ihrer Eröffnung am 1. Oktober 1913 galt sie als größte und schwerste Stahlkonstruktion der Welt. Und ganz nebenbei wurde kurz darauf auch das kleine Anhängsel unter der Brücke fertiggestellt und am 2. Dezember 1913 in Betrieb genommen – die Schwebefähre.

Die historische Schwebefähre

Stolze 102 Jahre und 37 Tage arbeitete sie ohne Unterbrechung und beförderte zuletzt pro Tag über 350 Autos und mehr als 1.700 Fußgänger und Radfahrer über den Kanal – bis sie am 8. Januar 2016 morgens um 6:40 Uhr von einem Seeschiff gerammt wurde. Die Schäden waren so groß, dass eine Reparatur nicht mehr in Betracht kam.

Im Dezember 2018 wurde der Auftrag zum Neubau der Schwebefähre erteilt, wobei die alte Fähre als Vorbild diente. Um den Verkehr sicher und störungsfrei zu machen, wurde an moderner Computertechnik und Sensorik nicht gespart. Am 4. März 2022 nahm sie den Dienst auf.

Damit dauerte der Neubau der Schwebefähre etwa doppelt so lange wie der Bau des gesamten Eisenbahnviadukts – inklusive Schwebefähre – vor mehr als einhundert Jahren. Doch die Freude währnicht lange. Seit der Inbetriebnahme gibt es immer wieder Probleme mit Sensoren, der Computertechnik, den Bremsen und anderen Sicherheitseinrichtungen. Im vergangenen Jahr stand sie für mehrere Monate still. Die historische Vorgängerin dagegen arbeitet trotz Ruhestand weiterhin reibungslos in neuer Funktion – und zwar als Party- und Event-Location.

In den Obereidersee

Drei Kilometer östlich der Schwebefähre biegen wir nach Backbord in den Obereidersee ab. Dieser Bereich des NOK heißt Audorfer See. Am Ostufer liegt die Lürssen Werft, wo Superyachten gebaut und gewartet werden. Der Obereidersee war der ursprüngliche Hafen von Rendsburg, als die Schiffe noch über die Eider zur Nordsee fuhren. Seit der Fertigstellung des NOK machen hier überwiegend Sportboote fest.

Am westlichen Ende des Obereidersees legen wir beim Regatta-Verein Rendsburg von 1888 e. V. an. Hier endet die Schiffbarkeit. Die Bundeswasserstraße Eider ist zwar nur 350 Meter entfernt, jedoch gibt es seit der Fertigstellung des Nord-Ostsee-Kanals keine Verbindung mehr. Die Eider entspringt im Westen von Rendsburg damit quasi ein zweites Mal.

Fest beim Regatta-Verein Rendsburg

Unser Liegeplatz im Regatta-Verein ist der ideale Ausgangspunkt, um das historische Rendsburg zu entdecken. Vom Anleger stolpert man buchstäblich in eines der besten Lokale der Stadt. Das „Riverside“ liegt auf dem Gelände des Yachthafens und ist bekannt für gute Fischgerichte zu noch moderaten Preisen. Mit Blick auf den Bootsverkehr auf dem Obereidersee kann man herrlich den Tag ausklingen lassen.

Kulturell hat Rendsburg so einiges zu bieten. Das größte Highlight ist die alljährlich von Juni bis Oktober veranstaltete NordArt, eine der größten internationalen Kunstausstellungen in Europa. Genau genommen findet die NordArt nicht in Rendsburg, sondern in der Nachbargemeinde Büdelsdorf statt. Schauplatz ist die ehemalige Eisengießerei Carlshütte, wo alljährlich rund zweihundert Künstler aus der ganzen Welt ihre Werke zeigen. Die NordArt erreicht man vom Yachthafen in einer Viertelstunde zu Fuß. Für einen Besuch sollte man sich einen Tag nehmen.

Wir entdecken Rendsburg

In der Rendsburger Altstadt lohnen das Rendsburger Schifffahrtsarchiv in der Königstraße und vor allem die Museen im Kulturzentrum Rendsburg einen Besuch. Das Kulturzentrum liegt im ehemaligen Arsenal. Sehenswert ist die Ausstellung zur Geschichte des Kanals, der am 20. Juni 1895 von Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich eröffnet wurde. Nord-Ostsee-Canal hieß er allerdings nur einen Tag, dann wurde er in Kaiser-Wilhelm-Kanal umbenannt. Diesen Namen trug er immerhin bis 1948, bevor man den alten Mantel der Monarchie ablegte und zum Ursprung zurückkehrte.

Im internationalen Seeverkehr ist er übrigens als Kiel Canal bekannt – benannt nach seiner wichtigsten Stadt. Damit folgt er seinen beiden anderen berühmten Brüdern, dem Suez- und dem Panamakanal.

Revierinfos: Nord-Ostsee-Kanal

Der Nord-Ostsee-Kanal

Der knapp 100 Kilometer lange Nord-Ostsee-Kanal wird jährlich von etwa 40.000 Schiffen befahren. Folgende Regeln gelten dabei für Sportboote:

  • Sportboote dürfen den NOK nur während der Tagfahrzeiten und nicht bei verminderter Sicht ohne Lotsen benutzen. Die Crews müssen die Kanalfahrt so einrichten, dass sie vor Ablauf der Tagfahrzeit eine Sportfahrzeugliegestelle erreichen. Dies gilt nicht für die Liegestellen im Schleusenvorhafen Kiel-Holtenau und im Binnenhafen Brunsbüttel sowie für das beim Schleusenmeister angemeldete Ausschleusen zur Elbe.
  • Im Kanal muss so weit rechts wie möglich gefahren werden. Bei schräger Böschung ist der Mindestabstand durch Sichtzeichen angegeben. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 12 km/h. Die Benutzung einer Selbststeueranlage ist nicht erlaubt.
  • Segeln ist auf dem NOK verboten. Sportfahrzeuge mit Maschinenantrieb dürfen zusätzlich Segel setzen, sie müssen dann den schwarzen Kegel führen. Auch Wasserski, Wassermotorrad, Segelsurfen und Stand-up-Paddling sind verboten.
  • Ein motorbetriebenes Sportfahrzeug darf nur ein Sportfahrzeug schleppen, wobei das geschleppte nur eine Länge von weniger als 15 Metern haben darf. Die Mindestgeschwindigkeit des Verbands muss 9 km/h betragen.
  • Bei Nebel dürfen Sportfahrzeuge den NOK nicht benutzen. Bei plötzlich auftretender verminderter Sicht können Sportfahrzeuge in den Weichen hinter den Dalben festmachen.
  • Das Anlegen und Festmachen von Sportbooten ist verboten: an Sperrwerken, Strombauwerken, Leitwerken, Pegeln, festen und schwimmenden Schifffahrtszeichen, in Brunsbüttel im Alten Vorhafen, in Kiel-Holtenau an den Dalben, im NOK und dem Gieselau-Kanal an den Böschungen und an den Anlagen für Fahrzeuge der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung.
  • Sportfahrzeuge müssen eine Kanalgebühr entrichten, die entweder an den Schleusen Kiel, Brunsbüttel oder Gieselau zu zahlen ist. Alle Informationen des zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes zum Befahren findet man unter: wsa-nord-ostsee-kanal.wsv.de

Chartern

Die bei Eider-Charter Lexfähre gemietete Linssen 35 SL AC verfügt über zwei Doppelkabinen mit eigenem Bad. Das Boot ist überkomplett ausgerüstet, inklusive WLAN, und kostet ab 1.950 €/Woche plus 160 € Endreinigung. Betriebskosten: 12 €/h oder vollgetankt zurück. Kaution: 1.000 €. In der Nebensaison gibt es für Törns nach Rendsburg und zurück auch eine 4-Tage-Charter zum Preis von 1.250 €. Kontakt: Eider-Charter Lexfähre, Tel. 0160/96 84 72 56.

Nautische Literatur

  • Einzelkarte Nord-Ostsee-Kanal mit Gieselau-Kanal und Eider bis Lexfähre (Auflage 2025), Maßstab 1:50.000, ISBN 978-3-667- 13027-3, 12,90 €. delius-klasing.de
  • Planungskarte „Deutschland Nordwest“ mit allen Daten der Wasserstraßen, ISBN 978-3- 667-12273-5, 26,90 €. delius-klasing.de

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