Jill Grigoleit
· 16.08.2024
Um uns herum schwirren Libellen in schillernden Farben, ab und zu blitzt zwischen dem schilfbewachsenen Ufer ein Eisvogel auf, hoch über uns kreist ein Milan. Abgesehen vom monotonen und überraschend ruhigen Motorengeräusch unseres Charterboots und dem leisen Rauschen des Kielwassers hört man nur die Grillen zirpen. Die Uckermark ist Urlaub für die Sinne. Im Norden Brandenburgs schlängelt sich die Obere Havel durch dichte Wälder und Moorlandschaften, durchfließt glitzernde Seen und öffnet sich zu einsamen Ankerbuchten, denen sie vermutlich ihren Namen zu verdanken hat (Der Wortstamm Haf bezeichnet eine Ausbuchtung). Im träge dahin fließenden Wasser spiegelt sich ein schier endlos weiter Himmel. Nur eine knappe Autostunde von der quirligen Hauptstadt Berlin erstreckt sich ein Chartergebiet, das mit kurvenreichen, naturbelassenen Kanälen, dichten Wäldern und Natur pur lockt.
Mit über 3 000 Quadratkilometern ist die Uckermark einer der größten Landkreise der Republik. Gleichzeitig gehört die wasserreiche Region mit nur 39 Einwohnern auf den Quadratkilometer zu den am dünnsten besiedelten Landstrichen. Stundenlang prägen Seerosen und Schilf die Ufer, abschnittsweise ist kaum ein Zeichen von Zivilisation zu erblicken. Wälder und Seen so weit das Auge reicht: Beste Voraussetzungen, um Ruhe und Erholung zu finden und um die Natur von der Wasserseite aus zu erkunden. Die Uckermark bietet hunderte Seen und ein weit verzweigtes Netz an Wasserstraßen. Nicht nur gestresste Großstädter schätzen die Abgeschiedenheit und Stille der Uckermärkischen Seen und die Naturbelassenheit der Havel. Die Artenvielfalt spricht für sich. Neben dem Wappentier, dem Fischadler, findet auch der Biber, einst fast bis zur Ausrottung gejagt, in den geschützten Naturparks ideale Bedingungen. Mehr als 60 Prozent der leicht hügeligen Uckermark stehen unter Naturschutz. In den kleinen verschlafenen Dörfern, mit ihren Kirchen und Straßen aus Feldsteinen, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Handynetz und Internetempfang sucht man hier abschnittsweise vergeblich. Eine Einladung zum Nichtstun.
Unser Startpunkt Zehdenick liegt im südlichen Teil des Naturparks der Uckermärkischen Seen. Von hier geht es für uns auf der Oberen Havel-Wasserstraße (OHW) gen Norden. Mit ihrem Ausbau wurde vor über 200 Jahren erstmals eine direkte Verbindung zwischen den Mecklenburger Seen und Berlin geschaffen.
Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Region nördlich von Zehdenick zum größten Ziegeleistandort Europas. Der hohe Ziegelbedarf für das wachsende Berlin und die gute schiffbare Verbindung sorgten für eine wirtschaftliche Blüte der Region. Berlin sei aus dem Kahn gebaut, so heißt es. Wie die Pilze schossen die Schlote beidseits der Havel in die Höhe. Doch mit dem Siegeszug des Plattenbaus ließ die Nachfrage nach Ton nach. Seit der Wiedervereinigung ist auch der letzte Ofen kalt. Die über 60 Tonstiche, die wie ein Flickenteppich die Havel säumen, wurden mit Grundwasser geflutet und sind heute ein Paradies für Tiere. Einen spannenden Einblick in die Ziegelproduktion erhält man im Ziegeleipark Mildenberg bei Flusskilometer 22. Beim Gang durch die imposanten gemauerten Ringöfen und die Maschinenhalle wird einem der harte Arbeitsalltag der Arbeiter vor Augen geführt.
Für Besucher, die mit dem Boot anreisen, gibt es mit der idyllischen Marina „Alter Hafen“ direkt am Ziegeleipark gleich einen weiteren Grund, hier einen Stopp einzulegen. Im Gasthaus „Alter Hafen“ kann man auf der „Havelterrasse“ regionale und saisonale Gerichte mit Blick auf das vom Abendlicht angeleuchtete Hafenbecken genießen, in unserem Fall vorzüglichen Spargel. Hafenbüro und Sanitäranlagen sind im Gebäude gegenüber zu finden (Strom und Wasser am Steg, Preise für Gastlieger: 2,60 Euro/Meter, zuzüglich 2 Euro/pro Person, Strom pauschal 4 Euro).
Jetzt Ende Mai ist noch nicht so viel los auf dem Wasser. Im Juli und August muss man schon etwas Glück haben, einen Liegeplatz zu ergattern und vor allem vor den Schleusen kann es zu längeren Wartezeiten kommen, so dass man sich nicht zu viel vornehmen sollte. Aber ohnehin ist Eile hier fehl am Platz. Wir haben es nicht eilig, doch der nächste Tag beschert uns frühsommerliche Temperaturen und macht Lust, den nächsten See anzusteuern, um zum Mittag zu ankern. Also werfen wir nach dem Frühstück die Leinen los. Bei Flusskilometer 32,4 zweigt das Templiner Gewässer aus der Oberen Havel-Wasserstraße nach Osten ab. Die Wasserstraße nach Templin zählt zu den ältesten der Region und besteht aus einer Seenkette, die zum Großteil zu den Uckermärkischen Seen gerechnet werden.
Nach dem großen Kuhwallsee erreichen wir die Schleuse Kannenburg. Bis vor wenigen Jahren war hier die letzte handbetriebene Schrägkammerschleuse der Gegend in Betrieb. Aufgrund irreparabler Schäden musste sie 2017 gesperrt werden. Sieben lange Jahre war sie nicht passierbar und die nordöstlichen Seen von den Wasserwegen nach Berlin und zur Mecklenburger Seenplatte abgeschnitten. Seit April 2024 ist die neue Schleuse im Betrieb. Wir passieren die nigelnagelneue Schleuse, die den Höhenunterschied zur Havel ausgleicht und biegen kurz danach steuerbord auf den großen Lankensee ab. Wir werfen den Anker und genießen die Stille. Obwohl außer uns noch drei weitere Ankerer über den See verteilt liegen, kommt es uns in unserer Ecke am südlichen Ufer vor, als wären wir ganz allein. Dank der Weite der Landschaft wird man selbst in der Hochsaison fündig, wenn man Abgeschiedenheit sucht.
Eine sanfte Brise trägt Vogelgezwitscher aus dem dichten Uferwald zu uns herüber. Handyempfang sucht man hier vergeblich. Der perfekte Spot für ein ungestörtes Mittagessen auf dem Achterdeck.
Am Nachmittag lichten wir den Anker. Unser nächstes Etappenziel ist die „Perle der Uckermark“: Templin. Vor uns liegen noch etwa zwei Stunden Fahrzeit über den Templiner Kanal und Röddelinsee bis zur Schleuse Templin. Am frühen Abend erreichen wir den Stadthafen am westlichen Ende des Templiner Sees. Beim Anlegen kommt uns der Hafenmeister entgegen und erzählt, dass die Steganlage erst am Vorabend vom Bürgermeister feierlich eröffnet wurde. Noch gibt es keinen Strom am Steg und einige Ausleger fehlen noch. Außerdem haben sich die Preise über Nacht geändert. Gestern waren es noch 3 Euro/Meter, ab heute 12,50 Euro pro Person. Für uns, die wir nur zu zweit sind, sogar von Vorteil. Doch was das für die sechsköpfige Familiencrew nebenan bedeutet, kann man sich ausrechnen.
Bei einem abendlichen Landgang auf der Suche nach etwas Essbarem bekommen wir einen ersten Eindruck davon, wie die Stadt zu ihrem Ehrentitel als „Perle der Uckermark“ gekommen ist. Die mittelalterliche Altstadt mit der vollständig erhaltenen Wehranlage, dem barocken Rathaus und der Georgenkapelle aus dem 15. Jahrhundert, liegt nur wenige Gehminuten vom Hafen entfernt. Eine kleine Anhöhe führt zu der 1735 Meter langen und sieben Meter hohen Stadtmauer aus Feldstein. Wer sich für die wechselvolle und teils tragische Stadtgeschichte Templins interessiert, kann sich im Museum im Prenzlauer Tor, einem der drei beeindruckenden gotischen Stadttore, ein Bild vom städtischen Leben und dem Einfluss der umliegenden Wälder und Seen auf das Leben der Templiner machen. Wer nicht so viel Glück mit dem Wetter hat wie wir, kann zum Entspannen in das Thermalsoleheilbad (www.naturthermetemplin.de), wo man sich von wohlig warmem Solewasser umsprudeln lassen kann.
Bevor wir uns auf den Rückweg zur Oberen Havel machen, drehen wir am nächsten Tag noch eine Runde über den Templiner Stadtsee. Auf dem lang gestreckten See östlich der Stadt kommt erstmals auf unserem Törn etwas Wind auf. Wir umkreisen die Liebesinsel und nehmen Kurs auf die Schleuse Templin. Bei der Einmündung der Templiner Gewässer in die Obere Havel-Wasserstraße lassen wir zwei von rechts kommende Boote passieren bevor wir abbiegen und unseren Kurs gen Norden wieder aufnehmen.
Kurz darauf erreichen wir die Schleuse Schorfheide und sind irritiert: Vor uns liegt eine große Baustelle und zwei rote Lichter übereinander zeigen an, dass die Schleuse gesperrt ist. Kurz beschleicht uns das ungute Gefühlt, dass wir unseren Törn hier abbrechen und umkehren müssen. Doch an der Wartestelle liegt bereits ein wartendes Boot und der Skipper informiert uns, dass die Schleuse nur für voraussichtlich zwei bis vier Stunden gesperrt sein wird. Immerhin. Wir machen also fest und nutzen die erzwungene Pause für ein Mittagessen. Auch hier wieder: Weder Handyempfang noch Internet. Bei einer Reise durch die Uckermark empfiehlt es sich, genügend Lesestoff mitzunehmen.

Redakteurin Reise