Es regnet im niederländischen Sloten. Dieser feine, ausdauernde Regen, der das Pflaster glänzen lässt und die Lichter der Häuser an den Kanälen verwischt. Wir sitzen im Restaurant De Mallemok. Warmes Licht, Mauerwerk, Holz. Auf den Tellern vor uns liegt Zander. Die Haut kross, das Fleisch so saftig, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft. „Wie macht ihr das?“, fragen wir den Küchenchef. Er schmunzelt. „Ein bisschen Temperatur, ein bisschen Timing“, sagt er. „Und natürlich die richtige Soße. Aber die bleibt ein Geheimnis.“ Wir bleiben hartnäckig. Wer Fische fängt, will auch wissen, wie man sie richtig zubereitet. Der Küchenchef schaut auf die leeren Teller. „Okay, bringt mir beim nächsten Mal euren eigenen Zander. Dann gehen wir zusammen in die Küche und ich zeige es euch.“
Ein selbst gefangener Zander gegen sein Rezept? Wir schlagen ein. Ein paar Monate später sitzen wir im Auto Richtung Friesland. Die Aussicht auf das Rezept allein wäre schon Motivation genug. Doch wir haben uns noch ein weiteres Ziel gesetzt: Wir wollen allein per Elektroantrieb unterwegs sein. Auf dem Wasser und auf der Straße.
„Oh Mann, wir müssen laden.“ Wir stehen an einer Autobahnraststätte irgendwo zwischen Rheinland und Friesland. Vor uns ist eine Schnellladesäule frei. Hinter uns hängt ein 5,20 Meter langes Angelboot. Dazwischen steht ein Elektro-Pick-up, dessen Ladeanschluss sich genau dort befindet, wo das Kabel gerade nicht hinreicht. Rückwärts können wir nicht dicht genug an die Säule. Also Stecker ziehen und Kupplung öffnen. Während nebenan jemand sein Auto einfach anschließt und zum Kaffee verschwindet, bauen wir auf dem Parkplatz erst einmal unser eigenes kleines Set-up auf. Boot hier, Auto dort, dazwischen wir am Improvisieren. Das war anders geplant. Der KGM Musso EV rollt allein an die Säule. Das Auto lädt mit über 100 kW.
Am frühen Morgen klingt der Plan noch verblüffend einfach: Boot anhängen, nach Holland fahren, slippen, Zander fangen und abends im Restaurant De Mallemok das Rezept kassieren. Los geht’s. Der Musso steht vollgeladen vor dem Trailer. Der Elektro-Pick-up darf bis zu 1,8 Tonnen ziehen. Im Rückspiegel: ein Tracker Grizzly 1754 Utility, flach, offen, geschweißt. Kein schwimmendes Wohnzimmer, sondern ein unkompliziertes Angelboot. Am Heck ein Mercury Avator 7.5e mit Pinne. Im Bug ein Garmin Force. Ebenso wie das Auto fährt auch das Boot elektrisch. Unter dem Fahrzeugboden stecken über 80 Kilowattstunden. Unter der Haube des Außenborders später genau eine einzige. Der Pick-up soll uns zügig durch zwei Länder bringen. Das Boot soll uns langsam in die Winkel bringen, an denen Geschwindigkeit eher stört.
Wir trinken Kaffee neben dem abgekuppelten Grizzly. Das Schnellladen funktioniert. Nur der Platz passt nicht zum Gespann. Genug Strom. Ankuppeln. Kontrollblick. Weiter geht’s. Hinter der Grenze wird die Landschaft weiter. Wasser erscheint neben der Straße. Erst als Graben, dann als Kanal, schließlich überall um uns herum. Sloten empfängt uns mit niedrigen Brücken, Backstein und Giebeln. Auf der Bastion dreht sich die Windmühle De Kaai. Alte Kanonen erinnern an die strategische Bedeutung der Wasserroute zwischen Sneek und der damaligen Zuiderzee. Die kleinste der elf friesischen Städte wirkt wie ein bewohntes Freilichtmuseum. Nachbarn plaudern auf einer Brücke. Ein Boot verschwindet zwischen den Häusern, als wäre das Wasser eine Straße. Unsere Blockhütte steht im Hafen, mit Terrasse und eigenem Steg. Von der Kaffeemaschine zur Pinne sind es kaum zwanzig Schritte. Goldenes Licht liegt auf dem Wasser. Morgen Abend warten Küche, Koch und das ersehnte Rezept. Nur eine Kleinigkeit fehlt uns noch: der Zander.
Auf zahlreichen deutschen Binnengewässern sind Verbrennungsmotoren ausgeschlossen oder eingeschränkt. Mancherorts darf Elektro fahren, wo der Benziner draußen bleiben muss. Sonst bleibt nur rudern. Die Gründe liegen auf der Hand: weniger Lärm, keine lokalen Abgase, geringere Belastung empfindlicher Reviere. Ein universeller Freifahrtschein ist Strom allerdings nicht: Auch dafür können Genehmigungen, Leistungsgrenzen und begrenzte Fahrbereiche gelten. Die örtlichen Regelungen gehören zur Vorbereitung. In Sloten sind Verbrenner zwar erlaubt. Wir wählen dennoch die Batterie. Aus Neugier auf das, was beginnt, wenn ein Motor kaum noch zu hören ist.
Am nächsten Morgen gleitet das Grizzly vom Pega-Trailer. Das Slippen gelingt mühelos. Der Pick-up zieht den leeren Anhänger dank Allradantrieb ebenso unspektakulär wieder hinauf. Wir öffnen die Haube am elektrischen Außenborder, setzen den Akku ein, verriegeln. Kein Kanister, kein Pumpball, kein Benzingeruch. Leinen los. Ein Dreh an der Pinne. Der Steg entfernt sich, Wasser läuft am Rumpf entlang. Nach dem Reifenrauschen der Autobahn wirkt diese erste Minute beinahe unwirklich. Ein Vogel im Schilf. Ein Fahrrad auf der Brücke. Stimmen von einer Terrasse. Die Stille an Bord macht anderes hörbar. Das E-Auto hängt inzwischen an einer Haushaltssteckdose. Pro Stunde kommen ungefähr acht Kilometer angezeigte Reichweite hinzu. Langsam, aber der Wagen steht ohnehin. Während wir angeln, arbeitet er bereits am Heimweg.
Kanäle, Seen, kleine Abzweigungen: Sloten verteilt Möglichkeiten großzügig. Wer falsch abbiegt, erlebt vermutlich trotzdem einen schönen Tag. Vor einer niedrigen Brücke legen wir die Ruten herunter. Das offene Grizzly braucht weder hohe Scheibe noch Aufbau unterzubringen. Wir ducken uns trotzdem.
Im Schritttempo schiebt uns der Avator in den Schatten. Für zwei Sekunden besteht die Welt nur aus Aluminium, feuchtem Mauerwerk und leisem Surren. Dann fällt wieder Sonne ins Boot. Dahinter öffnet sich ein schmalerer Bereich abseits der üblichen Route. Hier passt unser Boot: Platz für drei Angler, wenig Höhe, kein überflüssiger Aufbau. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wo sich der Zander wohlfühlt.
Angeln beginnt mit einer Vermutung. Hier ist das Wasser flach, der Grund überwiegend weich. Wir suchen Unterschiede: Muscheln, festen Sand, eine kleine Kante. Etwas, das anders ist als die Fläche drum herum. Auf dem Garmin Echomap zeichnet sich ein harter Fleck ab. Wir fahren noch einmal darüber. Dann übernimmt der Force am Bug, hält Position und versetzt uns entlang der Struktur. Der Köder sinkt. Auf dem LiveScope erscheint seine Spur. Daneben ein Signal dicht am Grund. Es bewegt sich. Folgt. Bleibt stehen. Dreht ab. Technik kann erstaunlich präzise zeigen, wie ein Fisch nicht beißt. Wir wechseln Köder, Farbe, Führung. Das Display erzählt von Leben, die Rutenspitze schweigt.
Die Sonne meint es fast zu gut. Der Himmel spiegelt sich im Wasser, unser Aluminiumboot dazwischen. Kein Gegenwind frisst Reichweite, keine Welle bremst den Rumpf. Für unsere Mission ist die Schönheit weniger hilfreich. Fehlender Wind bedeutet keine Bewegung an den Kanten. Die Oberfläche wirkt wie ein Versprechen an Urlauber und eine Ausrede für Raubfische.
Frieslands Seen, Kanäle und Polder bilden ein reguliertes System. Pumpen und Durchlässe gehören dazu wie Mühlen und Deiche. Wo Wasser strömt, hoffen wir auf Nahrung, Kleinfisch – und Zander. An einem unscheinbaren Bauwerk finden wir Bewegung. Beton, eine dunkle Öffnung, davor eine feine Linie in der glatten Oberfläche. Der Force hält uns außerhalb der direkten Strömung. Auf dem Echolot stehen kleine Signale. Erster Wurf: nichts. Zweiter Wurf: ein Kontakt. Stein? Fisch? Beim dritten bleibt der Köder kurz stehen. Wieder nichts. Wir schauen auf die Uhr. Dann auf den Avator. Bis zum Hafen ist es nicht weit. Bis zur Verabredung allerdings auch nicht mehr lange.
Den einen Spot noch. Mit einem Benziner würden wir nicht zögern. Mit nur einem Akku rechnen wir vorher. Noch einen Durchlass suchen? Oder zurück zu dem harten Fleck, an dem morgens ein Fisch gefolgt ist? Eins von beidem geht. Beides schafft der Akku nicht. Also zurück unter die niedrige Brücke. Wieder das kurze Dunkel, dahinter friedliches Wasser. Der harte Fleck erscheint auf dem Display. Der Bugmotor stoppt die Drift. Der Kescher liegt noch trocken im Angelboot. Im De Mallemok wartet der Koch darauf, seinen Teil der Abmachung einzulösen. Doch die wichtigste Zutat fehlt.
Der Köder sinkt an der Kante entlang. Ein Signal löst sich vom Grund. Ein Tock. Nicht spektakulär. Aber eindeutig. Der Anschlag sitzt, die Rute wird rund. Jedes Display ist vergessen. Der Fisch bleibt tief, schüttelt den Kopf, zieht unter das Boot. Wir gewinnen Schnur, verlieren wieder einen Meter. Dann steht ein heller Körper im Wasser: Zander. Der Kescher taucht ein. Noch eine Drehung, dann liegt der Fisch im Netz. Mit 69 Zentimetern liegt unsere Beute im Entnahmefenster, er darf mit. Gerade noch ein Signal über dem Grund und endlich springt die wichtigste Anzeige des Tages um: Zander: EINS.
Die Rückfahrt fühlt sich leichter an. Jedenfalls im Kopf. Die Anzeige am Avator zählt weiter herunter. Erst einstellig. Dann sehr einstellig. Wir gleiten durch die Kanäle, grüßen zu einer Terrasse und warten vor einer Brücke auf Gegenverkehr. Dazwischen immer wieder der Blick aufs Display. Jetzt geht es um die letzten Wattminuten. Im Hafen erscheint das Dach unserer Blockhütte. Fahrt herausnehmen, Pinne legen, Leine über den Poller. Zwei Prozent. Leise, glücklich und mit der allerletzten Reserve sind wir zurück. Eine Reserve, die wir beim nächsten Mal großzügiger planen würden. Wir tragen den fast leeren Akku und den Zander an Land. Das E-Auto hat unterdessen weiter Kilometer für die Rückreise gesammelt. Doch für heute bleibt nur noch ein Weg: der zum Restaurant.
Warmes Licht, altes Mauerwerk, Stimmen aus dem Gastraum. Alles wie damals. Nur bringen wir diesmal die Zutat fürs Dinner selbst mit. Im über 200 Jahre alten Bauernhof befindet sich neben dem Restaurant auch die Wohnung der Betreiberfamilie. Der Name De Mallemok steht für einen nordischen Sturmvogel. In der Küche spielen Grill, Feuer, BBQ und Rauch eine sichtbare Rolle. Der Küchenchef betrachtet unseren Fisch: „Abgemacht ist abgemacht.“ Das Messer gleitet an den Gräten entlang, ein helles Filet löst sich. Er erklärt Frische, Haut, Temperatur und Timing. Welche Soße passt. Wann der Fisch aus der Hitze muss. Wir schreiben mit. Butter schäumt, Kräuter duften. Der Koch zieht die heiße Butter über das Filet. Draußen fließt der Kanal dunkel zwischen den Häusern hindurch. Dann steht der Teller vor uns. Er sieht dem von damals ähnlich. Und ist doch ein völlig anderer. Die Haut knackt unter der Gabel. Wieder wird es kurz still. Diesmal wissen wir, wie viele Kilometer, Würfe und Prozentanzeigen in diesem Essen stecken. Das macht den Zander nicht automatisch besser. Aber es gibt jedem Bissen eine Geschichte.
Am nächsten Morgen holen wir das Grizzly heraus, verzurren es und hängen an. Die Heimreise beginnt mit weniger Fragezeichen. Wir kennen den Verbrauch und wissen, worauf es beim Laden mit Trailer ankommt. Möglichst auf ein Kabel, das bis zum Auto reicht. Wir wollten wissen, wie es sich anfühlt, wenn der Weg zum Wasser und der Weg auf dem Wasser derselben Idee folgen. Das E-Auto hat uns samt Boot verlässlich bis nach Friesland gebracht. Der E-Außenborder hat uns einen anderen Rhythmus geschenkt. Der E-Bugmotor hielt Position, das Echolot zeigte Fische. Gefangen haben wir den Zander selbst.
Die Vorteile bleiben: fein dosierbarer Schub, auf dem Wasser kein Warmlaufen, kein Benzingeruch, keine lokalen Abgase. Dazu wenig Wartungsaufwand. Für Angler kommt etwas Entscheidendes hinzu: Ein leiser Antrieb bringt Ruhe nicht nur ins Boot, sondern auch in die Art, wie wir ein Revier lesen.
Die Gegenrechnung: weniger Autoreichweite mit Trailer, unpraktische Ladeplätze und begrenzte Energie an Bord. Zwei Prozent bei der Rückkehr sind keine Empfehlung für die Tourenplanung. Aber Elektro ist eine ernsthafte und erstaunlich attraktive Alternative. Vor allem dann, wenn das Ziel nicht maximale Geschwindigkeit heißt, sondern Zugang, Präzision und ein stillerer Tag auf dem Wasser. Auf manchen Gewässern eröffnet es überhaupt erst die Möglichkeit zur Motorfahrt. In Sloten war es unsere freie Entscheidung. Das Auto sammelte an der Steckdose Kilometer. Der Avator brachte uns mit den letzten zwei Prozent zurück. Nur der Zander hielt sich an keinen Ladeplan. Der kam erst, als fast alles andere schon auf Reserve lief.
Tracker Grizzly 1754 Utility: offenes, vollständig geschweißtes Mod-V-Aluminiumboot. Länge 5,21 m, Breite 1,98 m, Bodenbreite 1,37 m, 7° Aufkimmung, Trockengewicht rund 304 kg. Der niedrige, freie Aufbau ist ideal zum Angeln und für flache, enge Durchfahrten.
Mercury Avator 7.5e mit Pinnensteuerung: 1.000 W Eingangs- und 750 W Wellenleistung. Im Motorgehäuse sitzt ein entnehmbarer 1-kWh-Lithium-Ionen-Akku. Die digitale Anzeige liefert unter anderem Akkustand und Reichweiteninformation – auf unserer Rückfahrt endete sie bei 2 Prozent.
Garmin Force, gespeist aus einer 100-Ah-LiFePO4-Batterie. Der bürstenlose GPS-Bugmotor übernimmt das leise Manövrieren, hält das Boot auf Position und versetzt es präzise entlang kleiner Strukturen.
Garmin ECHOMAP als Schaltzentrale. Der GT56UHD-Geber liefert traditionelles CHIRP sowie ClearVü und SideVü; der Panoptix-Live-Geber zeigt Köder und Fischbewegungen in Echtzeit. Die Echos sitzen an Halterungen von HTC Mounts und lassen sich für Suche und Präsentation gezielt ausrichten.
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Friesland von Manfred Fenzl und Anna Bunde ergänzt das Antriebsthema um die konkrete Törnplanung. Der Revierführer erschließt die Binnengewässer zwischen Ems, Waddenzee und IJsselmeer, darunter auch Sneek und Sloten. Übersichtskarten und Detailpläne unterstützen die Orientierung; Hinweise zu Ankerplätzen, Yachthäfen, Versorgungsmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten helfen bei der Vorbereitung eigener Touren mit Motorboot, Hausboot oder Schaluppe durch die friesischen Kanäle und Seen. (shop.delius-klasing.de)

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