Kroatien gehört zu den größten Charterrevieren Europas. Im Zusammenhang mit der Unfallstatistik wird zunehmend über Zusammenhänge mit mangelnder Erfahrung, dichtem Verkehr und Wetterphänomenen auf der Adria diskutiert. Anfang Oktober 2026 sprach Ivan Toman vom Maritimen Fachbereich der Universität Zadar bei einer Fachtagung in Zagreb über die Risiken für saisonale Wassersportler. Er warnte vor den teils lebensgefährlichen Konsequenzen des “Massenamateurismus auf See” und forderte bessere Warnungen und mehr Wetterkunde in der Ausbildung.
Am 30. April 2025 kollidierte die Ro-Ro-Passagierfähre „Ugljan“ im Zadar-Kanal mit dem Segelboot „Lena“. Nach der Untersuchung der kroatischen Unfallbehörde AIN wurde auf dem Segelboot kein ausreichender Ausguck gehalten. Die Behörde nennt die geringe Erfahrung des Skippers und seine mangelnde Vertrautheit mit dem Revier als mitwirkende Faktoren.
Die Verantwortung lag nach den Ermittlungen allerdings nicht allein auf der Seite des Seglers. Auf der Fähre wurde das andere Fahrzeug zu spät wahrgenommen, die ARPA (Automatic Radar Plotting Aid, eine Radaranlage zur automatischen Erfassung und Kollisionsvermeidung) wurde nicht zur Beurteilung der Kollisionsgefahr genutzt. Ob das Segelboot eine Charteryacht war, geht aus der veröffentlichten Zusammenfassung nicht hervor.
In einem aus dem Untersuchungsbericht abgeleiteten Sicherheitshinweis rät die AIN Charterunternehmen, Crews vor der Übergabe des Boots gezielt über örtliche Gefahren, dichten Verkehr, typische Navigationsfehler und das Verhalten bei unerwarteten Situationen zu informieren. Auch Beispiele früherer Unfälle aus dem Revier sollen Teil der Einweisung sein. Bisher handelt es sich hierbei aber nur um eine Empfehlung. Eine gesetzliche Pflicht gibt es nicht.
Toman bezifferte die Zahl der Chartergäste auf der kroatischen Adria in seinem Vortrag auf rund 580.000 pro Jahr. Bis zu 87.000 Bootsvermietungen entfielen auf eine Saison, davon nach seinen Angaben 43 Prozent auf Bareboat-Charter. Allein aus der Tatsache, dass kein bezahlter Skipper an Bord ist, lässt sich allerdings nicht unmittelbar ableiten, dass die übernehmenden Skipper unerfahren sind.
Die amtliche Statistik für 2025 weist 796 Such- und Rettungseinsätze auf See aus. In 629 Fällen ging es allerdings um medizinische Hilfe. Die Gesamtzahl der Rettungseinsätze lässt daher keinen direkten Rückschluss auf Charterunfälle zu und belegt keine pauschale Schuld unerfahrener Skipper.
Eine Studie der Universität Rijeka zu 2.654 Unfallakten von Freizeitfahrzeugen hatte zuvor für den untersuchten Zeitraum bis 2024 zwar steigende Unfallzahlen genannt und daraus eine Empfehlung für eine bessere Ausbildung von Skippern abgeleitet; aber auch diese Untersuchung lieferte keinen Nachweis dafür, dass Bareboat-Charterer die Hauptursache der Unfälle wären.
Ivan Toman ist Leiter des Nautischen Studiengangs an der Universität Zadar und lehrt unter anderem zu meteorologischen Risiken, Sicherheit der Schifffahrt und Wetter-/Navigationssystemen. Neben der Ausbildung von Skippern beschäftigt Toman daher die Frage, ob Wetterwarnungen Crews rechtzeitig und verständlich erreichen. Die vorhandenen Unfalldaten seien zu lückenhaft, um die Rolle des Wetters zuverlässig zu bestimmen. Aber Toman spricht von einem „Paradoks lijepog vremena“, einem Schönwetter-Paradoxon: Laut seinen Daten ereignen sich 61 Prozent der Todesfälle auf See bei ruhigem Wasser oder schwachem Wind. Als Hauptfaktoren nennt er Alkohol, Geschwindigkeit und Unachtsamkeit. Bei schwerem Unwetter sei dagegen der Anteil an allen Unfällen geringer als zehn Prozent – wenn es aber zu einem solchen Unfall kommt, steigt die Sterblichkeit pro Unfall um das Drei- bis Vierfache.
Was ein schneller Wetterwechsel für Boote in einer vermeintlich geschützten Bucht bedeuten kann, zeigt der BOOTE-Bericht über Strandungen nach einer Nevera bei Unije. Für die Unterschiede zwischen Bora, Jugo und Gewittersturm bietet zudem der BOOTE-Revierbericht „Rund Krk: Durch die Heimat der Bora zurück nach Punat“ eine Einordnung.
Toman sieht auch beim Wetterwarnsystem Verbesserungsbedarf. Großflächige Warnungen seien für ortsunkundige Charterer nur begrenzt hilfreich. Entscheidend sei die Frage, was eine Wetterlage für das konkrete Seegebiet bedeutet. Seine Forderung: mehr lokale, kurzfristige und präzise Vorhersagen, sowie Warnungen, die nicht nur Wetterdaten nennen, sondern konkrete Handlungsempfehlungen geben. Also etwa: „Dieses Seegebiet wird in Kürze von einer Gewitterzelle getroffen – suchen Sie Schutz.“ Auch ein stärkerer Einsatz des kroatischen Warnsystems SRUUK steht zur Diskussion.
Toman schlägt automatische Küstenwarnungen in mehreren Sprachen, kurzfristige Prognosen für Gewitterstürme und einheitliche Wetterinformationen bei der Charterübergabe vor. Diese Vorschläge ergänzen die bereits verfügbaren Hinweise des kroatischen Wetterdienstes für Nautiker. Sie ersetzen natürlich weder den Ausguck noch die Entscheidung des Skippers, einen Törn bei ungünstigen Bedingungen zu ändern oder abzubrechen.
Die neue Sicherheitsempfehlung der kroatischen Unfalluntersuchungsbehörde ist weniger eine Anklage gegen Charterer als ein Hinweis an die gesamte Branche: Je mehr Menschen auf der Adria unterwegs sind, desto wichtiger werden gute Einweisungen, lokale Informationen und eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten.
Das Küstenhandbuch Kroatien und Montenegro hilft Motorboot-Crews bei der Planung von Etappen entlang der kroatischen Küste. Revierinformationen zu Mittel- und Süddalmatien, Hinweise auf Wetterlagen und Vorschriften sowie Karten und Pläne von Häfen, Marinas und Ankerbuchten erleichtern die Vorbereitung. Gerade für Chartercrews ist die konkrete Orientierung bei der Ansteuerung nützlich. Eine ausführliche Einführung in die Wetterkunde bietet das Handbuch dagegen nicht.
Wetter auf See ergänzt die Revierplanung um meteorologisches Grundwissen. Das Buch erklärt, wie Wetterlagen entstehen und welche Rolle regionale Ereignisse, Seegang und Meeresströmungen spielen. Außerdem zeigt es, wo Crews verlässliche Wetterinformationen finden und wie sie diese für ihren Törn nutzen. So lassen sich Prognosen vor dem Ablegen besser einschätzen, auch wenn die Route bereits feststeht.
Welche Erfahrungen habt ihr bei einer Charterübernahme in Kroatien gemacht? Gab es hilfreiche Empfehlungen und Warnungen zu Verkehr und Wetter? Schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare.

Redakteurin Reise
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