FrankreichDer Reiz der nördlichen Bretagne - von Saint-Malo bis Paimpol (1/4)

Leon Schulz

 · 26.05.2026

Frankreich: Der Reiz der nördlichen Bretagne - von Saint-Malo bis Paimpol (1/4)Foto: Leon Schulz
Das durch eine Schleuse tidenunabhängige Hafenbecken von Paimpol. Der bretonische Orstname bedeutet “Am äußersten Ende der Wasserfläche”.

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Mal salzig, mal süß – nicht nur nautisch ist die nördliche Bretagne ein echter Leckerbissen: Wenn am Ende eines langen Törntags im Hafen Ruhe einkehrt, locken an Land kulinarische Kostbarkeiten. Im ersten Teil des Törnberichts geht es ab Saint-Malo in Richtung Westen über Saint-Cast bist nach Paimpol.

​Ab Saint-Malo Richtung Westen beginnt die Nordküste der Bretagne, das Land der Austern, Krabben, der Crêperien und unzähligen ausgezeichneten Restaurants. Wenn Frankreich viel auf seine Fischküche hält, sieht sich die Bretagne als ihr Mittelpunkt. Das hat auch etwas mit dem besonderen Selbstverständnis der Region zu tun, ihrer Eigenständigkeit. So ist ihr der keltische Kulturkreis, der sich in großem Bogen am Atlantik entlangzieht, sich von Schottland über Irland, Cornwall und die Bretagne bis nach Galicien erstreckt, in vielerlei Hinsicht selbst heute näher als Paris. Das besondere Erbe zeigt sich im Kleinen wie im Großen.

Von der Tide an die Tafel

Etwa im keltischen Namen und dem markanten Aussehen ihrer Flagge: Gwenn ha Du, Weiß und Schwarz. Sie macht der Trikolore Frankreichs gern die besten Plätze streitig. Oder, um bei gestreiftem Stoff zu bleiben, in der traditionellen Kleidung ihrer Seeleute. Ganz besonders deutlich aber wird die seit je starke Hinwendung zum Meer nun einmal im Kulinarischen. Der Weg vom Deck der Fischer auf den Tisch ist nie sehr weit. Vielfalt und Vollendung kennen kaum Grenzen. Sie sind der ganze Stolz der Breta­gne. An kaum einem anderen Ort lohnt es sich, so oft essen zu gehen, insbesondere wenn Meeresfrüchte und Fisch bevorzugt werden. Die Weinkarten sind bestückt mit qualitativ hochwertigen Tropfen, die selbst in Restaurants preisgünstig angeboten werden, wobei natürlich ausschließlich französische Weine ausgeschenkt werden. Quoi d’autre? Gerne wird ein Muscadet sur lie zu den Früchten des Meeres von der unweit entfernten Loire gewählt.

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Über Saint-Cast und Saint-Quay-Portrieux...

Da die Ausfahrt von Saint-Malo tidebegrenzt ist, macht es Sinn, als nächstes Etappenziel einen bei jeder Tide anlaufbaren Hafen zu wählen – so wie den unweit entfernten Port Jacquet von Saint-Cast. Ein kleiner Spaziergang über die am Felsen erbaute Promenade zum Strand und zur Stadt? Oder man bleibt gleich im Hafen im dort gelegenen Fischrestaurant hängen, wo die frisch gefangenen Meeresfrüchte schon am Eingang ausgestellt werden. Nach Saint-Cast kann man einen Stopp in dem ebenfalls immer anlaufbaren Saint-Quay-Portrieux einlegen. Der Mega-Hafen mit über 1.000 Plätzen ist ein guter Ausgangspunkt, um bei genügend Hochwasser das historische Paimpol unweit nördlich davon anzulaufen. Dieser bleibt vielen Schiffen bei Nipptide leider verschlossen, denn es gilt, bei der Anfahrt über das bis zu sieben Meter trockenfallende Land zu segeln.

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...in den geschützte Hafen von Paimpol

Selbst die Einheimischen fahren hier bei steigender Tide sehr vorsichtig durch die sich über eine Seemeile hinstreckende Fahrrinne. Auf Nachfrage im Hafenbüro, wie trocken die untiefste Stelle fällt, gibt es die typisch französisch gelassene Antwort: „Normalement, pas de problème – zwei Stunden vor oder nach Hochwasser.“ Doch was bedeutet „normalement“? Und was ist mit Tiefgang oder Nipptide? Hier gilt es, seinen eigenen Berechnungen und Messungen zu vertrauen und es im Zweifel bei steigender Tide zu probieren. Die eigenen Messungen von −4,5 Meter auf halber Strecke und −5,5 Meter direkt vor der Schleuse sind nun zumindest im Logbuch für den nächsten Besuch notiert. Die 60 Meter lange und 12 Meter breite Schleuse, die zu den beiden geschützten Hafenbecken führt, wird bis zum letzten Quadratmeter mit Segelbooten vollgepackt. Die Franzosen sind hier durch nichts aus der Fassung zu bringen: „Pas de problème!“

Die Islandfischer von Paimpol

Man hilft sich, unterhält sich ein wenig, bis die Belohnung hinter dem geöffneten Schleusentor nicht auf sich warten lässt: Der historische Hafen von Paimpol mit seinen alten, traditionellen Steinhäusern und breiten Kaimauern zeugt von einst großen Tagen, als dies noch die Cité des Is­lan­dais war, die Stadt der Islandfischerei. Unzählige Bars, Bistros und Restaurants waren Treffpunkt der großen bretonischen Seefahrer und Fischer, die jährlich Ende Januar weit hinauf bis nach Island segelten, um dort den ganzen Sommer Dorsch und Wale zu fangen. Jedes Jahr im August findet bei der Fête des vieux gréements ein Treffen klassischer Segelschiffe statt. Einst zählte Paimpols Fischereiflotte 80 Schoner mit je 25 Mann Besatzung. So mancher kehrte nie zurück. Zwischen 1852 und 1935 blieben nicht weniger als 2.000 junge Männer und 83 Segler auf dem Meeresgrund um Island zurück. Die Geschichte ihres harten Berufs wird von Pierre Loti in seinem Roman „Pêcheur d’Islande“ erzählt, der von der Liebe zum Meer, einer bretonischen Frau aus Paimpol sowie einem Islandfischer handelt.


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Freier Mitarbeiter

Leon Schulz ist Buchautor und RYA Yachtmaster Ocean Instructor und bildet auf seiner Hallberg-Rassy 46 „Regina Laska“ aus. Sechs Monate im Jahr finden seine Ausbildungstörns im atlantischen Europa statt, während im Winter Theoriekurse auf Malta angeboten werden. Schulz ist insbesondere Experte für die Themenbereichen Navigation und Seemannschaft. Darüber hinaus veröffentlicht er regelmäßig Törnreportagen.

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