OstervilmEinsame Ostsee-Insel für 60.000 Euro verkauft

Ursula Meer

 · 09.06.2026

Ostervilm: Einsame Ostsee-Insel für 60.000 Euro verkauftFoto: Adobe Stock
Die ehemalige Entmagnetisierungsstation Ostervilm im Greifswalder Bodden ist inzwischen nur noch von Kormoranen bewohnt. Nun hat sie einen neuen Eigentümer.

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​Der Traum von der eigenen Insel in der Ostsee wird für einen österreichischen Bauunternehmer wahr. Nach 20 Geboten fiel am 4. Juni in Hamburg der Hammer: Die frühere Entmagnetisierungsstation Ostervilm vor Rügen wechselte für 60.000 Euro den Besitzer. Den Zuschlag erhielt der Fertighausbauer Oliver Pesendorfer. Seine Vision: Hochzeiten auf Pfählen. Ein Plan mit großen Herausforderungen.

​Wer schon immer einmal an der eigenen Insel in der Ostsee anlegen wollte, hatte kürzlich die Gelegenheit: Die ehemalige Militärplattform Ostervilm wurde versteigert. Doch jetzt ist es zu spät: Am 4. Juni 2026 erhielt der Österreicher Oliver Pesendorfer den Zuschlag für die künstlich angelegte Insel – für 60.000 Euro.. Pesendorfer ist Chef des Unternehmens McCube, das auf modulare Fertighäuser spezialisiert ist.

Seine Vision klingt romantisch: Er wolle zunächst „eine kleine Eventinsel für Hochzeiten“ schaffen, erklärte er nach der Versteigerung. Auch kulturelle Veranstaltungen könne er sich dort vorstellen.

​Der Plan: Hochzeiten zwischen Kormoranen und Rost

Oliver Pesendorfer ist kein Unbekannter in der Branche unkonventioneller Bauprojekte. Sein Unternehmen McCubeentwickelt modulare Fertighäuser, die innerhalb eines Tages aufgestellt und bezogen werden können. Die Idee, solche Module auf die marode Plattform zu setzen, könnte technisch durchaus Sinn ergeben – wenn die Genehmigungen dafür erteilt werden.

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Denn die Lage im Biosphärenreservat Südost-Rügen, das als FFH-Gebiet und EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist, setzt den Ideen für eine zukünftige Nutzung enge Grenzen. Kormorane haben die Konstruktion mit einer dicken Guanoschicht überzogen und nutzen sie als bevorzugten Rastplatz. Während der Brutzeit von Februar bis Juli könnten strengere Naturschutzauflagen greifen. Eine Hochzeitslocation mit regelmäßigem Bootsverkehr im Vogelschutzgebiet genehmigen zu lassen, könnte eine Herausforderung werden.

Mit dem Kauf wechselt übrigens nur das Bauwerk den Besitzer, nicht die umgebenden 710 Quadratmeter Wasserfläche. Diese werden vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) in Stralsund gepachtet. Das jährliche Pachtentgelt liegt bei gerade einmal 75 Euro.

Die Rechnung: Kaufpreis plus X

Auf die vergleichsweise niedrigen Kosten für den Erwerb der Insel und die jährliche Pacht dürften wesentlich höhere Sanierungskosten folgen: Die Plattform steht auf rund 600 Eichenpfählen, die seit über 70 Jahren den Elementen ausgesetzt sind. Bröckelnder Beton, durchgerostete Stahlkonstruktionen und zerstörte Fenster prägen den Zustand. Infrastruktur ist praktisch nicht vorhanden, Strom, Wasser, Abwasser – alles muss neu installiert, das Material per Boot herbeigeschafft werden. Bei Wind und Wellen im Bodden kann so jede Schraube zum Luxusartikel werden.

Geschichte des Scheiterns: Von Casino bis Künstlerkolonie

Die Plattform hat eine bemerkenswerte Erfolgsstatistik: Alle bisherigen Nutzungspläne sind gescheitert. Nach der Wende wollten mehr oder minder seriöse Interessenten ein Spielcasino, ein Ferien- und Freizeitobjekt, einen Erlebnis-Stützpunkt für Angler, eine Gaststätte für Wassersportler, eine Teststation für Windkraftanlagen oder gar ein Bordell errichten. Letzteres hätte zweifellos für Aufsehen gesorgt – eine Vergnügungsstätte auf Pfählen im Biosphärenreservat, mit Möwen als Zaungästen.

2001 kauften Maschinenbauingenieur Peer Wenmakers aus Bergen und der Düsseldorfer Architekt und Bühnenbildner Gerhard Benz die Plattform für 10.001 DM vom Bundesvermögensamt. Sie wollten einen Kultur- und Schaffenspunkt für Künstler etablieren, ein "Sanatorium für den Geist". Unmengen von Vogelkot wurden beseitigt und als Behelfsunterkunft ein Wohnwagen aufs Plateau gehievt. Doch auch dieses Projekt scheiterte an den enormen Kosten und logistischen Hürden.

Auf der Insel befindet sich - neben besagtem Wohnwagen - bis heute eine frei aufgestellte Skulptur des Architekten, eine etwa 1,3 Tonnen schwere Keramikglocke. Sie thront auf der verfallenen Plattform wie ein steinernes Mahnmal gescheiterter Träume und ist inzwischen ein beliebtes Fotomotiv für Drohnenpiloten und Seekajakfahrer – aber nicht im Kaufpreis enthalten.

Von der Volksmarine zum Lost Place

Für Segler im Greifswalder Bodden ist die Plattform seit Jahrzehnten ein bekannter Orientierungspunkt. Ursprünglich errichtet worden war die Anlage um 1954 für die Nationale Volksarmee der DDR. Über Kabelschleifen am Meeresboden wurden die Magnetfelder von Schiffen gemessen und reduziert, um sie vor Magnetminen und Torpedos mit Magnetzündern zu schützen. Die Plattform bestand aus einem Wohnhaus und einem Maschinenhaus. Meist waren drei Soldaten auf der Station, jeweils für ein oder zwei Wochen im Dienst. Alles, was sie brauchten, kam per Schiff. Ein einsamer Posten mitten im Bodden, umgeben von Wasser, Möwen und Militärgeheimnissen.

Nach der Wiedervereinigung hatte die Bundesmarine für die NVA-Anlage keine Verwendung – die Station blieb Wind, Wetter, Kormoranen und Plünderern überlassen.

Über die Jahre entwickelte die Plattform eine erstaunliche Medienpräsenz. Zahlreiche Reportagen und Fotostrecken dokumentieren den schleichenden Verfall. In Blogs und auf Youtube berichten Urban Explorer von heimlichen Besuchen, Drohnenvideos zeigen die rostigen Stahlträger aus der Vogelperspektive. Die Plattform ist längst Kult – ein Symbol für DDR-Militärtechnik, gescheiterte Wendeträume und die Macht der Natur.

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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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