Thorsten Trojan
· 06.03.2026
Manchmal entstehen die besten Geschichten aus einer einzigen, leicht irrwitzigen Idee. Stell dir vor, du nimmst ein kompromissloses Angelgerät – ein modernes Bassboot – und machst daraus ein Zuhause auf Zeit. Kein Hausboot-Feeling, kein Kajütchen, kein WC, kein „mal eben unter Deck“. Stattdessen: Stauraumklappen, Rutenfächer, Kühlbox, Elektronik – und darüber ein Zelt, das im Wind mehr „Haltung-Bewahren“ als „Wohlfühlen“ bedeutet.
Dustin Schöne, YouTube-Star, Angel-Influencer und Bassboot-Freak, und sein Angelbuddy Felix „Wecky“ Weckesser sind genau die Sorte Menschen, die bei „geht nicht“ eher ein „dann erst recht“ hören. Begleitet werden sie von Kameramann Marcus Gelhard – und damit von der dritten Perspektive, die das Ganze erst komplett macht. Denn einer muss ja filmen, wenn die anderen zwei gerade versuchen, aus einem Staufach gleichzeitig Brot, Sonnencreme und eine Isomatte zu ziehen. Und dann steht da dieses Boot: Nitro Z21 XL. Ein Bassboot, das normalerweise für schnelle Spotwechsel und lange Angeltage gebaut ist. Viel Deckfläche, viel Stauraum, brutal effizient – aber eben nicht, um darauf mehrere Tage zu leben.
Das Verrückte: Die Idee ist nicht „ein bisschen Camping“, sondern ein echter Flusstrip. Kilometer fressen. Länder wechseln. Durchhalten. Und dabei noch fischen. Nicht Szene für Szene – sondern als große, zusammenhängende Reise. Eine, die sich anfühlt wie ein Roadtrip – nur eben ohne Straße.
Jeder Zentimeter Stauraum ist Gold wert. Der Start ist selten glamourös. Er ist eher: drei Stunden packen, obwohl man eigentlich um sieben Uhr loswollte. Und plötzlich wird aus jedem Staufach ein Puzzle. Jeder Zentimeter zählt, jedes Teil wird diskutiert. Was muss mit? Was kann weg? Was ist eher nice to have – und was rettet dir später den Tag?
Dann gleich das erste Signal, dass diese Tour kein Spaziergang wird: Eine nagelneue Brille wird in den ersten Momenten geschrottet. 400 Euro, zwei Tage alt, einmal draufgetreten – Ende. Man lacht kurz, weil man sonst heulen müsste. Und genau diese Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch die Reise: Improvisieren, weiter. Dann der Moment, der jedes Abenteuer offiziell macht: Abschied am Steg, Motor an, Blick nach vorn. „Bis in 1.000 Kilometern!“ So sagt man das nicht einfach. So sagt man das nur, wenn man es wirklich vorhat.
Start in Frankreich: Hitze, Schleusen, Zweifel – und der erste Fisch Frankreich empfängt die Crew – also Dustin Schöne und “Wecky” – nicht mit Postkartenromantik, sondern mit 35 Grad, spiegelndem Wasser und dem Gefühl, dass der Nacken trotz Sonnencreme brennt. Die ersten Würfe fallen irgendwo nahe Straßburg – „wir waren noch nie hier“. Alles sieht gut aus: Kanten, Kraut, Struktur. Und doch passiert erst mal … nichts. Und dann: Blaulicht.
Kontrolle. Gerade mal ein paar Hundert Meter der 1.000-Kilometer-Idee sind gefahren, da liegt schon ein Boot der Polizei längsseits. Der Moment ist typisch für so eine Tour. Du denkst: Oh nein, jetzt Stress! Und dann sind die Beamten freundlich, neugierig, geben sogar Tipps. Die Realität ist eben oft besser als die Sorge im Kopf.
Dann kommen sie, die großen Hürden des Flusses: Schleusen. Und nein, nicht die kleinen Sportboot-Schleusen – sondern die Realität des Verkehrs: Frachter, Strömung, Funk, Fender, Timing. Und dazu der Zeitdruck: Heute müssen Kilometer her, sonst verschiebt sich alles. Ein Bassboot kann schnell, aber der Fluss diktiert trotzdem den Rhythmus. Währenddessen sinkt die Moral beim Angeln. Stundenlang kein Fisch, nur kurze Bisse, Nachläufer. Ständig die Frage: War das Kraut oder ein Rapfen?
Die Tour startet zäh – und genau darin liegt die Wahrheit: Die besten Pläne nützen nichts, wenn die Bedingungen dagegen arbeiten. Und dann, kurz bevor Frankreich ohne Fisch zur Schande wird: Einschlag.
Ein Hecht. Endlich. Nicht klein, nicht riesig – aber groß genug, um eine Last von den Schultern zu nehmen. Es ist dieser Moment, der aus „wir fahren da lang“ ein echtes Abenteuer macht: Du merkst, wie sehr du dich an Kleinigkeiten klammerst, wenn alles andere wackelt.
Am Abend findet die Crew einen Schlafplatz: Inseln, ruhige Ecke, Ankern, Zeltaufbau im Dunkeln. Es wird improvisiert, schnell gekocht: Heißes Wasser, Tütengerichte, heute leider kein Catch and Cook. Das Bassboot wird zur schwimmenden Einzimmerwohnung – und niemand tut so, als wäre das bequem. Aber es ist echt.
Wer „200 Stunden auf einem Boot“ hört, denkt an Sitzbänke, Kabine, vielleicht an einen kleinen Kocher unter Deck. Hier ist es anders: Schlafen bedeutet, den Tag so zu verstauen, dass man überhaupt liegen kann. Das Zelt steht mehr schlecht als recht, die Isomatten sind dünn, die Nächte kurz. Morgens ist es schon wieder heiß. Und trotzdem: Irgendwann sitzt jeder Handgriff. Und ein Detail wird dabei zum heimlichen Gamechanger: Energie.
Set-ups mit cleverem Lademanagement sorgen dafür, dass die Batterien während der Fahrt wieder voll werden – selbst nach langen Tagen mit Elektronik, Echoloten und E-Motor. Das klingt nach Nebensatz, ist aber in der Realität genau das, was so eine Tour erst möglich macht. Ohne Strom keine Navigation, keine Technik, keine Kameras – und damit keine Story.
Und dann sind da diese Flussmomente, die du nicht planen kannst: Eine Mütze fliegt bei Tempo über Bord. Weg. Treibgut im Wasser, wo du kurz schluckst, weil ein Treffer nicht nur den Tag, sondern auch den Motor ruinieren könnte. Wellen von Frachtern, die plötzlich über das Boot rollen und alles nass machen – inklusive dem Bereich, auf dem du später schlafen willst. Der Fluss ist nicht bloß Kulisse. Er ist Gegenspieler und Bühne zugleich.
Am Rhein in Deutschland kippt das Wetter. Gewitter, Regen, Kälte – und dieser Moment, in dem du merkst: Auf dem Wasser willst du jetzt nicht sein. Also runter vom Fluss, irgendwo fest, Hauptsache sicher. Das Abenteuer ist ab jetzt nicht nur „Kilometer und Fische“, sondern auch Risikomanagement.
Und dann kommt ein Kniff, der die Story lebendig hält: Special Guests. Erst Marc, ein Local, der den Rhein kennt, Spots kennt, Strukturen liest. Mit ihm wird aus dem „wir probieren mal“ ein „hier steht er“. Zuerst ein Hecht, dann der lang ersehnte Wels – ein Traum wird wahr. Und weil Angeln am Rhein selten linear ist, kommt die nächste Szene wie ein Geschenk.
Ein dicker Barsch. 44 Zentimeter. Ein Statement-Fisch für den Rhein. Und einer dieser Fänge, die im Gedächtnis bleiben, weil sie nicht nur ein Fisch sind, sondern ein Beweis: Es geht doch. Man muss nur dranbleiben. Und dann das, was diese River-Tour zusätzlich besonders macht: Community. In Worms tauchen Leute auf, bringen Eis, Snacks, kühle Getränke. Spontan. Einfach so. Diese Begegnungen sind mehr als Fan-Momente – sie sind Teil der Reiserealität. Wenn du tagelang auf dem Wasser lebst, sind solche Stopps wie kleine Häfen fürs Gehirn. Es folgt ein zweiter Gast: Rheinexperte Birger.
Und plötzlich passieren Dinge, die vorher noch unmöglich schienen. Zander? Tagsüber? In Frequenz? Und dann noch ein 47er Barsch? Das ist der Moment, wenn aus dem zähen Start eine Geschichte wird, die man später am Steg erzählt – mit dieser Mischung aus Unglauben und Grinsen. Was essen wir heute?
Zwischen all den Kilometern, Karten (für jeden Abschnitt ein anderer Schein), Tankstopps und Wetterfenstern passiert das, was den Trip menschlich macht: Essen. Nicht Restaurant. Nicht noch mal eben Döner. Sondern natürlich: Scotty an, Filet drauf, improvisieren. Es gibt Wels-Stulle. Zander mit Reis. Eier in der Regenpause. Avocado, halb gefroren. Sand im Fisch, weil der Rhein eben der Rhein ist. Und dazu diese ehrliche Küchenkritik, die unter Freunden immer am besten ist: „Ist okay.“ Was im Kontext von nassen Klamotten, Müdigkeit und Dauerwind eigentlich bedeutet: Das ist gerade purer Luxus. Der wichtigste Punkt: Hier wird nicht Food-Content gespielt. Hier wird gezeigt, was passiert, wenn du wirklich draußen bist. Nicht romantisch, sondern praktisch.
Spätestens in Köln wird klar, wie absurd – und gleichzeitig wie logisch – diese Tour ist: Ein Bassboot mitten in der Stadt. Kurzer Service-Check, ein bisschen Bergfestgefühl, ein Getränk im Biergarten, Domblick – und weiter. Und dann Düsseldorf: Community-Treffen. Eine Szene, die so viel erzählt: Schwimmwesten, GoPros, Grinsende Menschen am Ufer – und Honigflaschen als Running Gag, weil die Crew im Survival-Teil plötzlich merkt, dass selbst Honig „Gold“ sein kann.
Ab hier wird die Tour noch einmal verschärft. 48 Stunden nur das essen, was der Fluss hergibt: Fisch, Fisch und noch mal Fisch. Aber auch Wildkräuter und Pilze vom Ufer (natürlich mit Experten-Check, weil Abenteuer nicht gleich Leichtsinn bedeutet). Und während das Boot im Hintergrund leise tickt – Motor, Elektronik, Routine –, geht es immer weiter in Richtung niederländischer Grenze und Flussdelta. Die Nordsee wartet. Und mit ihr das Finale dieser ausgefallenen Idee: ein Bassboot, das sich Stück für Stück von einem Tagesangelgerät in ein echtes Expeditionsboot verwandelt – und zwar nicht durch einen Umbau, sondern durch drei Menschen, die es einfach machen.
Warum diese Tour mehr ist als ein YouTube-Trip Man kann diese River-Tour als verrücktes Social-Media-Projekt sehen. Als „die spinnen doch“. Aber wenn man genauer hinschaut, ist es vor allem eine moderne Form des Freizeitabenteuers: Freiheit, Strecke, Grenzen überwinden. Auf dem Wasser. Und zwar nicht nur im übertragenen Sinne, sondern auch buchstäblich.
Der Rhein ist dabei nicht nur ein Fluss. Er ist eine europäische Lebensader, die dir in wenigen Tagen mehr Landschaftswechsel und Eindrücke liefert als manche Küstenreise in mehreren Wochen: die unterschiedlichste Natur, Hitze und Flachwasser, Schleusen und Frachter, Burgen und Industrie, Gewitterfronten und Sonnenuntergänge, Häfen und Altarme, Community und Einsamkeit.
Und das Nitro Z21? Es bleibt ein Bassboot. Schnell, flach, kompromisslos fürs Angeln gebaut. Aber genau darin steckt der Reiz: Wenn etwas nicht dafür gedacht ist und trotzdem funktioniert, entsteht eine Geschichte.

Freier Autor, Angelexperte