Robben im WattDas Rätsel auf der Sandbank

Ursula Meer

 · 31.05.2026

Robben im Watt: Das Rätsel auf der SandbankFoto: © Martin Stock / LKN.SH
Nicht jeder einsame Seehund am Strand ist ein hilfsbedürftiger „Heuler“. Robben ruhen sich hier auch einfach nur aus.
​Rekorde bei den Kegelrobben, rätselhafter Rückgang bei den Seehunden: Im Wattenmeer gerät das Gleichgewicht der Meeressäuger gerade aus dem Takt. Warum die kommenden Wochen besonders kritisch sind – und wo sich die Tiere am besten beobachten lassen.

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Wer in diesem Sommer durchs Wattenmeer fährt, wird sie entdecken: Robben auf den Sandbänken, die sich in der Sonne ausruhen, oder neugierige Schnauzen, die aus dem Wasser auftauchen. Was wie eine unbeschwerte Idylle wirkt, ist in Wirklichkeit ein Ökosystem im Wandel. Während Kegelrobben eine nie dagewesene Rückkehr erleben und inzwischen zu Tausenden im deutschen Wattenmeer leben, bleiben die Bestände der Seehunde trotz Rekordzahlen bei den Jungtieren nahezu stabil. Forschende stehen vor einem Rätsel, und für Sportbootfahrer heißt die Lage vor allem eines: In den kommenden Wochen ist besondere Aufmerksamkeit gefragt. Denn von Anfang Juni bis Mitte Juli kommen mehr als 7.000 Seehunde zur Welt – und jede Störung kann für die Jungtiere lebensgefährlich sein. Ein Überblick über die Situation im UNESCO-Weltnaturerbe.

Die Riesen sind zurück

Es ist eine der zugleich größten und unbekanntesten Erfolgsgeschichten des deutschen Artenschutzes: Kegelrobben waren hierzulande vor hundert Jahren praktisch ausgerottet - gejagt und vertrieben. Heute tummeln sich wieder rund 12.000 dieser imposanten Tiere im Wattenmeer und der Nordsee zwischen den Niederlanden und Dänemark. Allein im niedersächsischen Teil des UNESCO-Weltnaturerbes wurden im Winter 2025/26 insgesamt 1.692 Kegelrobben gezählt, darunter 575 Jungtiere – 136 mehr als im Vorjahr. Das sind Rekordzahlen.

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Helgoland ist dabei zur deutschen Kegelrobben-Hochburg geworden. Seit 1996 kommen hier wieder Robbenbabys zur Welt, und die Zahlen steigen Jahr für Jahr. In der letzten Wintersaison waren es 971 Jungtiere, und laut Angaben der Gemeinde Helgoland dürfte in der Saison 2024/25 erstmals die magische Marke von 1.000 geknackt worden sein. Besonders, wer im Winter zu der Hochseeinsel fährt, erlebt ein einzigartiges Schauspiel: weiße Robbenbabys mit großen Kulleraugen, die auf der Düne liegen, während ihre Mütter im Wasser nach Fischen jagen.

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Das zweitwichtigste Gebiet für Kegelrobben ist die Kachelotplate zwischen Juist und Borkum. Diese riesige Sandbank, etwa 70 Fußballfelder groß, ist strengstens geschützt und darf nicht betreten werden. Genau das macht sie für die Robben so attraktiv: keine Menschen, keine Störungen, genug Futter.

Das Seehund-Paradox

Während die Kegelrobben einen echten Baby-Boom erleben, zeigt sich bei den Seehunden ein anderes Bild. Im Sommer 2025 wurden im gesamten Wattenmeer mehr als 10.000 Seehund-Welpen gezählt – ein Plus von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eigentlich ein Grund zum Jubeln. Wären da nicht die Gesamtzahlen: Nur knapp 24.000 erwachsene Tiere wurden erfasst, gerade mal ein Prozent mehr als 2024.

Regional gibt es große Unterschiede. In den Niederlanden schnellten sowohl Welpen- als auch Gesamtzahlen nach oben. In Dänemark hingegen ging die Population um 20 Prozent zurück, in Schleswig-Holstein um acht Prozent. Was läuft hier schief? Das Common Wadden Sea Secretariat - die gemeinsame Koordinierungsstelle der drei Wattenmeer-Anrainerstaaten, CWSS - vermutet, dass viele Jungtiere die kritische Phase nicht überleben. Klimaveränderungen, schwankende Fischbestände, mehr Zeit im Wasser bei der Nahrungssuche – all das kostet Energie. Möglich ist aber auch, dass die Tiere einfach häufiger unterwegs sind und deshalb bei den Zählungen vom Flugzeug aus weniger erfasst werden. Niemand weiß es so genau. In Deutschland ist das Bild gemischt, aber auf Helgoland spielen Seehunde kaum noch eine Rolle – gerade mal zwei Welpen wurden gezählt. Die Insel gehört den Kegelrobben.

Wenn Robben Robben räubern

Lange dachten Wissenschaftler, Kegelrobben würden sich ausschließlich von Fisch ernähren. Dann, vor gut zehn Jahren, wurden an deutschen und britischen Küsten immer wieder tote Seehunde mit merkwürdigen Verletzungen gefunden. Man vermutete Schiffspropeller als Ursache. Bis 2013 erstmals dokumentiert wurde, was vorher niemand für möglich gehalten hätte: Kegelrobben jagen Seehunde.

Mittlerweile ist klar: Die großen Robben sind Spitzenprädatoren, die nicht nur Fische fressen, sondern auch Seehunde, Schweinswale und sogar ihre eigenen Artgenossen. Forscher der Tierärztlichen Hochschule Hannover haben das Jagdverhalten sechs Jahre lang studiert. Sie beobachteten, wie Kegelrobben ihre Beute töten und bis zu 90 Minuten lang das Fett Stück für Stück fressen. Ein brutales, aber völlig natürliches Verhalten.

Ist das der Grund für den Seehund-Rückgang? Möglicherweise spielt es eine Rolle, aber die Situation ist komplexer. Nahrungskonkurrenz, Lebensraumverschlechterung, Lärmbelastung, Umweltgifte – all das wirkt zusammen. Interessant ist übrigens der Blick zurück: Im Mittelalter waren Kegelrobben und Seehunde etwa gleich häufig, vielleicht dominierten die Kegelrobben sogar. Was wir heute erleben, könnte also eine Rückkehr zu natürlichen Verhältnissen sein.

Wer taucht denn da auf?

Seehund oder Kegelrobbe? Vom Boot aus ist die Unterscheidung gar nicht so schwer - der Kopf verrät alles: Seehunde haben eine rundliche Kopfform mit V-förmigen Nasenlöchern, die eng beieinander liegen. Kegelrobben dagegen besitzen eine längliche "Pferdenase" mit parallelen Nasenlöchern – besonders ausgeprägt bei den Männchen.

Seehunde sind auch kleiner und schlanker als Kegelrobben, deren Männchen es auf mehr als zwei Meter Länge und bis zu 330 Kilogramm Gewicht bringen können. Damit sind sie das größte Raubtier Deutschlands, mit einem Gebiss wie ein Braunbär.

Beim Fell gibt es einen weiteren Unterschied: Seehunde sind auf dem Rücken dunkelgrau mit vielen Flecken, der Bauch ist hell. Bei den Kegelrobben sieht man den Geschlechtsunterschied deutlich – Männchen sind dunkel mit hellen Flecken, Weibchen hell mit dunklen Flecken. Die Jungtiere sind besonders leicht zu erkennen: Kegelrobben-Babys kommen im Winter mit weißem Fell zur Welt, Seehund-Welpen im Sommer bereits gefleckt.

Die besten Spots zum Robben gucken

Helgoland ist unangefochtene Nummer eins für alle, die Kegelrobben sehen wollen. Von November bis Januar ist Hochsaison, wenn die weißen Robbenbabys geboren werden. Aber auch im Sommer lohnt sich der Besuch, die Tiere liegen ganzjährig auf der Düne und einige sogar auf der Hauptinsel in der Nähe der Düne. Die Kachelotplate zwischen Juist und Borkum ist der zweite Hotspot, aber nur vom Wasser aus zu bewundern. Das Betreten ist streng verboten, sie gehört zur Ruhezone des Nationalparks.

​Im Juni und Juli kommt das Gros der Robbenbabys zur Welt. Bei Ebbe ziehen sich die Robben auf die Sandbänke zurück – das ist die beste Zeit für Beobachtungen, aber auch die sensibelste. Früh morgens oder spätnachmittags hat man die besten Chancen. Die Wattfahrwege führen stellenweise sehr dicht an den Seehundbänken vorbei.

Wer im Wattenmeer unterwegs ist, sollte sich aber an ein paar einfache Regeln halten. 300 Meter Abstand zu Robbenliegeplätzen sind Pflicht, nicht nur aus rechtlichen Gründen, sondern auch, weil die Tiere sonst ins Wasser flüchten. Eine Studie hat gezeigt, dass nur etwa jede fünfte Robbe innerhalb derselben Gezeitenperiode zu ihrem Ruheplatz zurückkehrt, wenn sie gestört wurde. Für säugende Muttertiere und Jungtiere kann dies zu einem kritischen Energieverlust führen. Kommt man beim passieren der Inseln dicht an den Robbenbänken vorbei, sollten plötzliche Geräusche und schnelle Manöver möglichst vermieden werden. Und ganz wichtig: immer seitlich an einer Robbengruppe vorbeifahren, nie direkt auf sie zu.

​Bestimmte Dinge sind ganz tabu: Sandbankanlandungen in der Nähe von Robbenliegeplätzen, Ankern in Schutzgebieten, hohe Geschwindigkeiten in flachen Wattengewässern. Auch SUP-Boards und Kajaks sind tückisch, weil sie sich sehr leise nähern und die Tiere erschrecken können.

Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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