Vor 100 JahrenAbenteuerlicher Sommer - mit der “Ingeborg 3”. Von der Weser zur Elbe.

Christian Tiedt

 · 10.08.2026

Vor 100 Jahren: Abenteuerlicher Sommer - mit der “Ingeborg 3”. Von der Weser zur Elbe.Foto: Verfasser, YACHT-Archiv
”Ingeborg 3” hoch und trocken zwischen Weser und Elbe.
Stolze Eigner und eine zu allem bereite Crew: Im Sommer 1926 ging der Motorseekreuzer “Ingeborg 3” auf große Fahrt im Norden Deutschlands. Teil 2/7: Über das Watt von der Weser zur Elbe. Schwere Schlagseite im doppelten Sinne.

Themen in diesem Artikel

Der Bericht, in dem der “Schiffer Sala” (mit den stolzen Zusätzen M.Y.C.v.D.-C.M.Y.-St.Y.C.-Kr.-Abt. d. D.S. Vb.) von den Abenteuern der “Ingeborg 3” im Sommer 1926 berichtete, erschien noch im selben Jahr in unserem Schwestermagazin YACHT. Wir drucken ihn hier im Original mit der entsprechenden Rechtschreibung ab. Der Blick ins Archiv zeigt: So manches war anders vor 100 Jahren – aber vieles eben auch nicht. Im zweiten Teil geht es von der Weser über das Watt zur Elbe nach Cuxhaven.

​Text: Schiffer Sala - M.Y.C.v.D.-C.M.Y.-St.Y.C.-Kr.-Abt. d. D.S. Vb.

Übers Watt zur Elbe

Der Motor hatte sich gut eingelaufen, wenn er auch manchmal noch etwas nieste, und da sich auch die See von der besten Seite zeigte, hatten wir hernach auf den Watten das Gefühl, mit einem gut gefederten Auto durch eine ebene Landschaft zu fahren.

Die Pricken und Bäumchen zeigten den Weg durch die Prielen, so daß wir eigentlich nur bei den Querstraßen achtzugeben hatten, nicht auf eine falsche Weiche zu geraten. Ab und zu war eine leichte Grundberührung nicht zu vermeiden, doch tat der weiche Schlick unserem Vorwärtsgang bei der starken Maschine keinen Abbruch.

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Der Motor will eine Pause

Stundenlang und in unendlichen Krümmungen waren wir diese Wasserchaussee gefahren, als unser Motor plötzlich sein wiederholt durch heftiges Niesen angedeutetes Ruhebedürfnis durchsetzte. Himmlisch war die Ruhe, und sanft setzte sich der Kahn außerhalb der sogenannten Fahrstraße auf den Dreck.

Hatte der verheiratete Eigner schon am ersten Tage festzustellen Gelegenheit gehabt, daß er neben seinen Pflichten als Kapitän und Ehemann auch den Bootsmann zu spielen habe, so konnte er sich jetzt davon überzeugen, dass auch der Maschinist dieselbe Person war.

Ärger im Tank

Also rein in den Monteuranzug und runter in den so lieblich nach Benzin und heißem Öl duftenden Maschinenraum. Vergaser auseinandernehmen und feststellen, daß der Brennstoff zu 10% aus Wasser bestand.

Da wir keine Dampfmaschine, sondern einen Verbrennungsmotor unter unseren Füßen hatten, eine angenehme Aussicht für die beträchtliche Entfernung, die uns von unserem Heimatshafen trennte, selbst wenn wir statt über die Ostsee den kürzeren Weg über Elbe und Havel wählten. Meinen Fl.., vielmehr die berechtigte kleine Reklamation, konnte ich wenigstens gleich drahtlos bei der Werft anbringen, da der Prokurist derselben zur Besatzung gehörte.

Das Wasser läuft davon

Eine Stunde und etwas war vergangen, als der Motor wieder ansprang. Langsam rückwärts, herunter vom Schlick, und vorwärts wieder die Bäumchenchaussee entlang. Bange Augen richteten wir auf das jetzt mit der Ebbe ablaufende Wasser, und circa 10 Seemeilen trennten uns noch vom tiefen Elbe-Fahrwasser.

Die Grundberührungen wurden immer häufiger, das Wasser lief immer schneller weg, und als wir uns schließlich in der Nähe von Neuwerk bis auf ungefähr 200 m an das tiefe Wasser heran-gelogen hatten, kam der Kahn so fest, daß weder vorwärts noch rückwärts zu kommen war. Also Maschine stopp!

Ungeplant hoch und trocken

Schon nach wenigen Minuten hatte das Boot Schlagseite nach Steuerbord, die wir im letzten Augenblick noch durch Umtrimmen der Mannschaft und Stakenhilfe in solche nach Backbord verwandeln konnten, denn sonst wäre uns bei völligem Ablauf des Wassers und die dadurch bedingte Schlagseite die Feuerung aus dem auf Backbord stehenden Herde gefallen.

Es war wohl kaum eine halbe Stunde vergangen, als das Wasser gänzlich weggelaufen war, das Boot auf seiner Außenhaut lag und wir aussteigen konnten. Uns war die Situation absolut neu, doch so interessant, daß wir die gewaltsame Fahrtunterbrechung keinen Moment beklagten. Im Handumdrehen war die Mannschaft in alle Winde barfuß zerstoben.

Schlagseite im doppelten Sinne

Der eine photographierte, zwei andere fingen Krabben, der vierte suchte sich ein verschwiegenes Plätzchen hinter einem der zuletzt passierten Bäumchen, der Kapitän benutzte die seltene Gelegenheit zur Untersuchung von Außenhaut, Propeller und Ruder, während der letzte, dem Wasser und Schlick noch zu kalt waren, Peilungen machte, die infolge der zwar schiefen, aber selten ruhigen Bootslage sehr genau wurden.

Stunden vergingen so. Schließlich wurde es dunkel, und die Besatzung fand sich wieder an Bord zusammen. Nachdem diesmal das Souper infolge der Unbenutzbarkeit der Tische aus freier Hand eingenommen und eine Flasche Cognac lenzgepumpt war, wurden die geistvollsten Betrachtungen darüber angestellt, daß in dieser Lage sehr wohl luv die tieferliegende Seite des Bootes sein könnte, wenn der Wind nicht zufällig doch von der richtigen Luvseite gekommen wäre.

Mit der Flut wieder flott

Mit so tiefgründigen Problemen beschäftigt, kroch die Mannschaft bis auf eine Deckswache zur Koje, da vor Mitternacht kaum mit einem Flottwerden zu rechnen war. Unter Deck spielten sich dabei die originellsten Szenen ab, da die Bodenbretter durch die schiefe Lage ebenfalls ihre Zweckbestimmung verloren hatten. Man lief auf den seitlichen Stauräumen und Rücklehnen oder den darauf Ruhenden, und streng verboten war das Öffnen irgendwelcher Kästen oder Schränke zu luv.

Gegen 10 Uhr plätscherte das erste mit der Flut kommende Wasser gegen die Bordwand, das Boot richtete sich langsam auf, und um 11½ Uhr konnte der Motor angeworfen werden. Wenige Minuten später drehte das Fahrzeug in die Windrichtung - wir schwammen! Positionslampen gesetzt und mit langsamster Fahrt unter dauerndem Loten voraus. Nach einigen leichten Grundberührungen konnte ich um Mitternacht in der tiefen Hauptfahrwasserstraße Vollgas gegeben und Kurs auf Cuxhafen genommen werden.

Cuxhaven ist erreicht!

Bei herrlichstem Vollmondschein war ein flotter Wind und ein kurzer knuffiger Seegang aufgekommen und gestaltete die ereignisreiche Fahrt zu unvergeßlicher Schönheit. Noch bei Dunkelheit machten wir in Cuxhafen zwischen zwei Dalben fest, und die Besatzung ging zum zweitenmal in dieser Nacht zur Koje.

Teil 1 der Reise finden Sie hier.

Der dritteTeil folgt!

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Christian Tiedt

Christian Tiedt

Ressortleiter Reise

Christian Tiedt wurde in Hamburg geboren, blieb lange aber ohne direkten Zugang zum Wassersport. Nach der Berufsausbildung bot das Studium dann endlich die Gelegenheit, auf dem Wasser aktiv zu werden – und die entsprechenden Führerscheine zu machen. Zuerst beim Fahrtensegeln und dann, mit dem Einstieg bei BOOTE im Jahr 2004, auch mit Motorbooten aller Art. Christian konnte inzwischen fast ganz Europa (und einige weiter entfernte Destinationen) auf eigenem Kiel kennenlernen und teilt seine Erlebnisse und Erfahrungen für die YACHT und BOOTE am liebsten in Törnreportagen.

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