WetterextremHat der Dauer-Hochdruck im Norden bald ein Ende?

Pascal Schürmann

 · 15.06.2023

Wetterextrem: Hat der Dauer-Hochdruck im Norden bald ein Ende?Foto: BOOTE
Herrlichstes Wetter zum Boot fahren, und das schon seit bald drei Wochen. Bleibt das jetzt so?
Die Sonne scheint, die Luft ist warm und auch die Wassertemperaturen steigen kontinuierlich an. Meteorologisch gesehen ist Sommer, und das zeigt das Wetter auch. Doch warum ist diese Lage so außergewöhnlich? Meteorologe Sebastian Wache erklärt, was es mit der aktuellen Wetterlage auf sich hat

Einfach zusammengefasst erleben wir aktuell eine Hochsommerlage, obwohl wir noch gar nicht Hochsommer haben. Es ist Mitte Juni und auf dem Kalender sowie astronomisch startet der Sommer erst mit der Sommersonnenwende am 21.06. um 16.57 Uhr. Von Hochsommer sprechen wir erst im Juli und August.

Auch wenn wir in der Vergangenheit schon immer mal so sonniges und warmes Wetter im Mai oder Juni hatten, ist es gerade die Großwetterlage, die sich so ungewöhnlich zeigt. Denn seit Anfang April hat sich im Dunstkreis von Europa ein Hochruckkomplex aufgebaut, den wir bisher noch nicht so richtig losgeworden sind. Das Hoch lag seitdem immer mal woanders. Es pendelte zwischen Irland, Island, Schweden und Finnland immer hin und her. Somit lagen der Nordsee- und der Ostseebereich auch immer wieder an unterschiedlichen Seiten des Hochs.

Da der Wind auf der Nordhalbkugel um ein Hoch immer im Uhrzeigersinn weht, kam er zeitweise aus Nordwesten und auch mal aus Osten. Als wir zeitweise eine Nordwestwindlage hatten und die Nordsee nur 12 bis 14 Grad kalt war, reichte es auf den nordfriesischen Inseln auch nur für maximal diese Lufttemperaturen. Das fühlte sich noch wie Herbstwetter an, als die Ostseefahrer entlang der Küste zur selben Zeit mit ablandigen Winden bereits im T-Shirt und bei über 20 Grad unterwegs waren. Die Luft hatte über dem Land Zeit genug, sich dank der kräftigen Sonne bis zur Ostsee hin zu erwärmen.

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Ist das Hoch dann mit seinem Zentrum von Irland über Schottland nach Osten in Richtung Schweden gewandert, lagen Ostsee und Nordsee plötzlich auf seiner Südseite und damit in einem östlichen Wind. Die Luftmassen kamen somit nun aus dem Baltikum und strömten lange über die Ostsee, die zwar mittlerweile auch etwas wärmer ist, doch mehr als 21 bis 23 Grad haben wir hier zwischen der Flensburger Förde über die Lübecker Bucht bis Rügen nicht geschafft. Wohingegen es auf der Elbe und an der Nordseeküste bis gar 28 Grad reichte.

Somit haben die starken Temperaturunterschiede einmal die Küstenseite Norddeutschlands gewechselt. Und obwohl es bisher bis auf wenige Tage mit hochnebelartiger Bewölkung durchweg sonnig zuging, waren die Windverhältnisse immer andere. Hatte sich das Hoch im Norden etwas mehr nach Deutschland ausgedehnt, waren die Druckgegensätze so gering, dass es meist Thermik und damit Seewind war. Doch kurze Zeit später blies plötzlich der Wind um einige Stärken mehr, doch war es noch immer himmelblau und frei von Wolken?

Starkwind aus heiterem Himmel

Der Teufel steckt da meist im Detail, ohne markante Wetteränderung. Und wer sich mit Wetterkarten beschäftig, wird auch gesehen haben, dass es hin und wieder Tiefdruckgebiete aus dem Mittelmeerraum geschafft haben zumindest bis Polen und Ostdeutschland zu ziehen. Somit konnte sich mit der Annäherung dieser Tiefs der Gradient (Druckgegensatz) auf der Ostsee erhöhen - und damit wehte es plötzlich frisch bis stark. Am Nachmittag legte die Windstärke dann nochmal eine Schippe, in Böen auch zwei oben drauf, da hier zusätzlich die Thermik das Ganze verstärken konnte.
Somit ergab sich die Änderung eines Wetterparameters (Wind), ohne dass sich das Wetter als solches geändert hat.

Wenn aber irgendwo Hochs liegen und das für Wochen, müssen an anderer Stelle Tiefs auftauchen - und das mindestens genauso lange. Und das zeigt sich auch an den wiederkehrenden Unwetterlagen in Verbindung mit Tiefs in der Mittelmeerregion. Dort fällt damit in zu kurzer Zeit zu viel Regen.

Des einen Hoch, des anderen Tief

Unter den Hochs dagegen ist es mittlerweile nicht nur knochentrocken, sondern auch die Meere erwärmen sich derzeit sehr stark. Zwischen Riga und Seeland sehen wir bereits jetzt schon 4 Grad wärmeres Wasser, als zu der Jahreszeit üblich.

Wie lang wird das nun noch gehen? Für die Natur kann man nur hoffen, dass bald eine Änderung kommen mag. Und zumindest zeitweise sieht es danach auch aus. Die Hochs verlieren allmählich an Kraft, da die Zufuhr an Nachschub vom Azorenhoch abgeschnitten wird. Ein altes Tief über Polen kann so am Wochenende noch in der instabilen Luftmasse für lokale Schauer und Gewitter sorgen.

Etwas großflächiger deutet sich dann ein Wetterwechsel in Richtung Dienstag, den 20.6. bis Donnerstag, den 22.6. an: Ein Tief bei den britischen Inseln lässt Randtiefs über den BeNeLux entstehen und in Richtung Nord- und Ostsee ziehen. Dabei bringen die aus Süd aufkommenden Systeme zusätzlich heiße Luftmassen aus Südeuropa mit. Sollten die Tiefs sich dann mit ihren Fronten entladen, droht in der Luftmasse großes Unwetterpotenzial. Starke Schauer, schwere Gewitter und stürmische Böen sind dann möglich.

Spätestens hier sollte man sich mit Regen- und Gewitterradar frühzeitig darauf vorbereiten und die Lage genau im Blick behalten. Sind diese Tiefs dann durch, tendieren die Wettermodelle schon jetzt erkennbar erneut in Richtung neuer Hochs im Norden Europas und damit Tiefs im Süden. Es scheint also nur ein Tropfen auf den heißen Stein zu werden und zur nächsten Woche baut sich wohl erneut eine Hochdrucklage über Skandinavien und damit der Nord- und Ostsee auf.

Der verfrühte Hochsommer scheint also weitergehen zu wollen - und damit auch die außergewöhnliche Wetterlage mit ihren regional unterschiedlichen Wetterextremen.

Das Wetter immer im Blick: Sebastian WacheFoto: privatDas Wetter immer im Blick: Sebastian Wache

Der Autor

Sebastian Wache ist Diplom-Meteorologe; er arbeitet als Experte für Seewettervorhersagen und professionelles Wetter-Routing sowie als Törn- und Regattaberater bei der Wetterwelt GmbH in Kiel. Regelmäßig gibt er sein Wissen in Seminaren an Segler weiter, zudem präsentiert er gemeinsam mit Dr. Meeno Schrader die tägliche Vorhersage für Schleswig-Holstein im NDR-Fernsehen. Wache ist selbst begeisterter Segler und am liebsten auf Nord- und Ostsee unterwegs.


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Pascal Schürmann

Pascal Schürmann

Textchef YACHT

Pascal Schürmann hat 2001 bei der YACHT in Hamburg als Textchef angeheuert. Den Umgang mit Pinne und Schot lernte er als Jugendlicher in der Wanderjolle auf dem Sneeker Meer sowie auf dem Dickschiff auf dem IJsselmeer. Während und nach dem Studium folgten Törns auf der Ostsee und im Mittelmeer. Als gelernter Wirtschaftsjournalist kümmert er sich zudem um Bootsfinanzierungs- und Yachtversicherungsberichte, hegt aber auch ein Faible für Blauwasserthemen.

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