Christian Tiedt
· 06.08.2026
Der Bericht, in dem der “Schiffer Sala” (mit den stolzen Zusätzen M.Y.C.v.D.-C.M.Y.-St.Y.C.-Kr.-Abt. d. D.S. Vb.) von den Abenteuern der “Ingeborg 3” im Sommer 1926 berichtete, erschien noch im selben Jahr in unserem Schwestermagazin YACHT. Wir drucken ihn hier im Original mit der entsprechenden Rechtschreibung ab. Der Blick ins Archiv zeigt: So manches war anders vor 100 Jahren – aber vieles eben auch nicht. Im ersten Teil geht es die Weser abwärts Richtung Nordsee bis nach Bremerhaven.
Text: Schiffer Sala - M.Y.C.v.D.-C.M.Y.-St.Y.C.-Kr.-Abt. d. D.S. Vb.
Der schnittige Seekreuzer „Ingeborg 3", ein Fahrzeug von 14 Meter Länge, drei Meter Breite und einem Meter Tiefgang, war von der Bauwerft Vertens & Co. in Bremen-Hemelingen nach langem Winterschlaf und Überholung endlich am Mittwoch vor Ostern dieses Jahres zu Wasser gekommen, so daß er wenigstens schwamm, als wir am Gründonnerstag, von Berlin kommend, zur Überführung an Bord eintrafen. Es war aber noch viel mit Einräumen des Inventars zu tun.
Bis auf Kleinigkeiten und eine Verwechslung fand sich schließlich alles an, und da auch das Unterwasserschiff dicht stand, schien die Abfahrt im Bereich der Möglichkeit. Bangen Herzens erwarteten wir nun noch das Anspringen des 60-PS-B.M.W.-Motors, was nach einigen erst vergeblichen Mühen und nach Opferung nicht genau gezählter Schweißtropfen auch vor sich ging. Eine kurze Probefahrt und gewissenhaftes Einregulieren gab uns nun die letzte Zuversicht, daß der Start am Freitag (ausgerechnet!) gesichert sei.
Der Donnerstag-Nachmittag wurde noch zur Beschaffung des Proviantes für große Fahrt und 6 Mann Besatzung (einschließlich der Frau des älteren der beiden brüderlichen Eigner, die als Köksch, Stuardesse und Abwaschfee angeheuert war) benutzt.
Durch die lange Trennung vom Wassersport im allgemeinen und von unserem geliebten Fahrzeug im besonderen wurde der erste Abend recht ausgedehnt an Bord, Auch die bevorstehenden Ereignisse ließen ein endloses Seemannsgarn spinnen, das beim Badeengel anfing und beim Seeteufel endete, ohne der Werften zu vergessen, auf die ein Loblied und zehn Flüche kamen. Dabei prasselte im Herd ein lustiges Feuer, welches die Unterdecktemperatur auf 20°, uns selbst auf 40° und die Grocks sogar auf 80° über Außentemperatur brachte.
Dem ersten Tag und Abend folgte die erste Nacht, die geeignet gewesen wäre, uns aus der Taufe zu heben. Der unruhige Schlaf von Kapitän und Mannschaft ließen ersteren um 3 Uhr morgens aufstehen, da irgendetwas nicht in Ordnung schien. Einem leise plätschernden Geräusch wurde nachgegangen und mit Schrecken festgestellt, daß die Benzinrohrleitung gebrochen war.
Der Gedanke, daß der Tank 700 l. dieses feuergefährlichen Stoffes enthielt, wovon vielleicht der größte Teil schon in der Bilge schwamm und im Herd eine heftige Glut lag, riet zum schnellen und kaltblütigen Handeln. Es wurde alles geweckt, Bulleys und Luken blieben zur Vermeidung von Frischluft dicht, worauf zunächst das Feuer im Herd vorsichtig abgelöscht wurde.
Nachdem alle Mann an Land waren, stellte ich fest, daß sich ungefähr 250 Liter Benzin in die Bilge ergossen hatten und diese von der Eignerkabine bis hinter den Maschinenraum anfüllten. Die Maschinenlenzpumpe konnte wegen der Gefahr eventueller Funkenbildung nicht angeworfen werden, und so mußte dann in stockdunkler Nacht mit Muskelkraft gelenzt werden.
Alles, was nicht mit Pumpen zu tun hatte, war an Land, freute sich seines mehr oder weniger köstlichen Daseins und huldigte der Cigarette, die dort nach dem ausgestandenen Schrecken ohne Gefahr und mit Genuß geraucht werden konnte. Nach behelfsmäßiger Abdichtung des Rohrbruches ging es zur Koje, um versäumten Schlaf nachzuholen.
Der nächste Vormittag wurde zur Übernahme von neuem Brennstoff benutzt, und nachdem auch die Rohrleitung gründlich überholt war, wurden gegen Mittag die Leinen losgeworfen. Mit langsamer Fahrt ging es durch die Schleuse und dann mit Vollgas, Wind, Strom und Ebbe weserabwärts, wohl mit 15 Meilen über Grund.
Nach herrlicher Fahrt und einem wunderschönen Vorfrühlingstage gingen wir bei einbrechender Dunkelheit in Bremerhaven längsseit eines Leichters, um nicht durch das durch die Tiden bedingte Nachsetzen der Leinen in Anspruch genommen zu werden. Einen Monteur der Werft, den wir vorsichtshalber noch an Bord genommen hatten, setzten wir hier an Land, faßten am nächsten Vormittag Trinkwasser und gingen gegen auflaufendes Wasser aus dem Hafen, um bei Hochwasser über die Watten die Elbemündung zu erreichen.

Ressortleiter Reise
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