ReviereNiederlande-Journal: Groningen und Friesland

Jürgen Strassburger

 · 9/1/2021

Niederlande-Journal: Groningen und FrieslandFoto: Jürgen Straßburger

Nix zu meckern: Plattes Land, so weit das Auge reicht. Darin eine Handvoll attraktiver Städte und Städtchen, verbunden durch Wasserstraßen. Eine Rundfahrt durch die niederländischen Provinzen Groningen und Friesland

Mein Skipper Manni, der von der Me­cker­ecke, ist nicht als Schönschnacker bekannt. Wenn sein Fazit zu unserem Törn aber lautet: „Da gibt’s nix zu meckern“, ist das eine Eins mit Sternchen und deshalb auch eine Titelzeile wert. Jetzt denkt er sogar darüber nach, den gleichen Törn mit seinen Töchtern noch einmal zu machen!

Also: Nix zu meckern. Schon der Charterstützpunkt ist ideal. Gerade noch in der Provinz Groningen in Zoutkamp am Nordufer des Reitdiep gelegen, liegen die Boote von DHW-Charter „Heck zum Kai“ klar zum Ablegen unmittelbar vor den Werkshallen der Gruno-Werft. Das eigene Auto kommt zum Entladen bis auf wenige Meter ans Heck des Bootes heran. Der Einkauf im nur 200 Meter entfernten Spar-Markt in der Dorpsstraat darf also ruhig etwas üppiger ausfallen. Alles ist ruck, zuck an Bord.

Nach der in den Niederlanden unverzichtbaren kopje koffie met gebak geht’s an die Bootsübernahme. Diether Wilhelms, deutscher Eigentümer von DHW-Charter, präsentiert uns „Arielle“, eine Gruno 33 S Explorer, der man die gut 1400 Motorbetriebsstunden an keiner Stelle ansieht: Eine so perfekt gepflegte Lady habe ich im niederländischen Charterbusiness bisher selten gesehen. Manni checkt die Technik und ist ebenfalls zufrieden: „Nix zu meckern.“

	Hektik sucht man hier vergebens: gemeinsam gemütlich unterwegs auf dem Dokkumer Ee nach LeeuwardenFoto: Jürgen Straßburger
Hektik sucht man hier vergebens: gemeinsam gemütlich unterwegs auf dem Dokkumer Ee nach Leeuwarden

Fischfang ist seit Jahrhunderten einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Städtchens. Klar: Zoutkamp lag direkt am Meer, die Lauwerszee war eine Nordseebucht. Erst durch deren Eindeichung entstand 1969 das tidenfreie Lauwersmeer, das über die ehemaligen Meeresarme Zoutkamperril und Reitdiep mit der Stadt verbunden ist.

Besonders der Alte Hafen, nur wenige Schritte von unserem Liegeplatz entfernt, zieht uns in seinen Bann. Ein nach Südwesten offenes Hafenbecken, durch einen 160 Meter langen Damm dem Reitdiep abgetrotzt, bietet heute herrliche Liegeplätze für Sportboote. Mehrere Restaurants mit Blick zum Hafen findet man an der Reitdiepskade, der landseitigen Begrenzung des Hafens. Mittendrin ein kleines Fischereimuseum, das die einstigen Lebensgrundlagen dieses Städtchens lebendig werden lässt.

Strahlender Sonnenschein an unserem ersten Törntag, Samstag, 4. September 2021. Dass es nun eine ganze Woche so bleiben soll, ist wohl die verspätete Wiedergutmachung für einen verkorksten „Sommer“ im hohen Norden. Also auch an dieser Front: Nichts zu meckern!

Die erste, aber wahrlich nicht letzte bewegliche Brücke unseres Törns Richtung Lauwersmeer ist die Reitdiepbrug. Da sie geschlossen nur 3 ,55 Meter hoch ist (wir haben 4,20 Meter), müssen wir den Meldepunkt am Leitwerk ansteuern und durch Knopfdruck die Öffnung anfordern. Die erfolgt nach wenigen Minuten wie durch Geisterhand. Gut zu wissen, wie es geht und dass es geht, denn dieses Spielchen werden wir noch mehrfach erleben. Über die gut betonnte Fahrrinne des Zoutkamperril erreichen wir so den südlichen Teil des Lauwersmeers. Ein paar Wassersportler und ein Großsegler der „braunen Flotte“ sind unterwegs.

Der Betrieb der zahlreichen beweglichen Brücken läuft meist reibungslos, hier an der Zuidergracht in DokkumFoto: Jürgen Straßburger
Der Betrieb der zahlreichen beweglichen Brücken läuft meist reibungslos, hier an der Zuidergracht in Dokkum

Im Grenzrevier zwischen den Provinzen Groningen und Friesland treffen wir nach rund vier Kilometern auf die gut betonnte, nach Süden abzweigende Einfahrt in das Dokkumer Diep und sind jetzt in Friesland. In Dokkumer Nieuwe Zijlen bietet der Yachthafen Lunegat komfortable Liegeplätze im Nirgendwo. Unsere Aufmerksamkeit gilt der Willem-Loré-Schleuse, die bis zur Eindeichung der Lauwerszee Seeschleuse war und den Schiffsverkehr vom und zum Wattenmeer ermöglichte. Unterhalb der Schleuse fahren wir bei „Wochenend und Sonnenschein“ auf dem Dokkumer Grootdiep. Entsprechend munter ist der Sportbootverkehr. Vor allem die hier so beliebten Sloepen haben bei diesem Wetter Hochkonjunktur und werden in edelsten Ausführungen von ihren Eignern präsentiert.

Nach knapp fünf Stunden Fahrt liegt Dokkum vor uns. Das quirlige Städtchen ist komplett von Grachten umzingelt und durchzogen. Wir halten uns südlich und steuern die Zuidergracht an. Hier kann man beidseits am befestigten Ufer vor Wasser- und Stromanschlüssen festmachen. Doch Achtung: Die Nordseite ist für Segelboote mit größerem Tiefgang reserviert. Wir müssen ans Südufer und machen hundert Meter vor der Woudpoortbrug fest. Von hier sind es nur 250 Meter zu einem der schönsten Plätze im Zentrum der Stadt: die zu einer Aussichts- und Relaxplattform verbreiterte Brücke zwischen dem Groot- und dem Kleindiep. Hier lassen nicht nur wir die Seele baumeln.

200 Meter südwestlich der Woudpoortbrug ein weiteres optisches Highlight der Stadt: am Übergang zwischen Zuider- und Baantjegracht die Kornmühle De Hoop, im Hintergrund am Auslauf der Baantjegracht in den Dokkumer Ee die Mühle Zeldenrust. Dazwischen jede Menge Bootsliegeplätze. Schöner geht’s kaum, und mehr Postkarte ist nicht drin. Corona macht erfinderisch: Das Hafengeld von 13,25 Euro kann nur mit Karte bezahlt werden. Der Hafenmeister hat das Lesegerät an einem rund 1,50 Meter langen Brett montiert, das er dem Zahlenden entgegen- und diesen somit auf Abstand hält. So läuft’s in Pandemiezeiten übrigens in allen von uns besuchten Häfen.

Altenabrêge heißt die erste Brücke im Dokkumer Ee. An dieser hochmodernen Klappbrücke werden fünf Euro fällig, die ganz traditionell mit dem Klompen (Holzschuh) kassiert werden. Damit sind alle Brücken in Dokkum bezahlt. Klappbrücke, Windmühle, Klappbrücke, Kirche: Schnurgerade zieht sich der Dokkumer Ee durch das Örtchen Burdaard und gibt so einen neuerlichen Postkartenblick frei. Auf der Mühlenseite jede Menge Liegeplätze längsseits zum Ufer. Im Hintergrund schnuckelige Bürgerhäuser. Auch hier würde man gern länger bleiben.

	Morgenstimmung auf einem schnurgeraden Abschnitt des Van Starkenborghkanaal in Richtung GroningenFoto: Jürgen Straßburger
Morgenstimmung auf einem schnurgeraden Abschnitt des Van Starkenborghkanaal in Richtung Groningen

Zwei Stunden später sind wir in Leeuwarden, Hauptstadt der Provinz Friesland und Kulturhauptstadt Europas 2018. Eigentlich eine Schande, für diese Stadt nur einen Nachmittag und einen Abend zu haben. Auf dem Dokkumer Ee von Norden kommend, erstreckt sich der städtische „Hafen“ von der Noorderbrug bis südlich der Vrouwenpoortsbrug über eine Strecke von gut einem Kilometer. „Hafen“ in „Tüddeln“, weil er eigentlich keiner ist, sondern die Noorder Stadsgracht, auf der an beiden Seiten am befestigten Ufern angelegt werden kann. Wenn erforderlich, kann man in der Nähe eines Wasser- und Stromanschlusses längsseits gehen. Die auch hier „mit Brett“ kassierten Gebühren von 19,10 Euro sind für diese Lage ein Schnäppchen.

Auf der Gracht ist der Teufel los. Es scheint, als hätten alle Eigner der Stadt ihre Boote wegen des traumhaften Spätsommertages noch einmal flottgemacht. Auch viele Mietsloepen sind unterwegs. Partystimmung rundum.

Wer am Westufer festmacht, liegt direkt am Stadtpark (Prinsentuin), einem überaus beliebten Ausflugsziel für Wassersportler und Landtouristen. Am südwestlichen Rand des Parks steht das Wahrzeichen der Stadt: de Oldehove, sozusagen der „schiefe Turm von Leeuwarden“. Schon kurz nach Baubeginn im Jahr 1529 begann er abzusacken. So erlangte der eigentlich nicht sehr attraktive 39 Meter hohe Backsteinbau seine Berühmtheit. Aktuell ist er knapp zwei Meter aus dem Lot und damit schiefer als sein Leidensgefährte in Pisa. Im Sommer kann de Olde­hove über eine Treppe mit 183 Stufen bestiegen werden. Lohn der Mühe ist ein herrlicher Rundblick über die Stadt. Sehenswert ist das historische Stadtzentrum südlich vom Stadtpark bis zum Stadtkanal und der Nieuwestad.

	Mit dem gepackten Picknickkorb an Bord ins Grüne: Die beliebte Sloep ist dafür das perfekte AusflugsbootFoto: Jürgen Straßburger
Mit dem gepackten Picknickkorb an Bord ins Grüne: Die beliebte Sloep ist dafür das perfekte Ausflugsboot

Die Staande Mastroute (Stehende Mastroute) Richtung Lemmer (IJsselmeer), auf der wir uns schon seit Zoutkamp bewegen, verlässt Leeuwarden mit einem Hingucker der besonderen Art: An der Slauerhoffbrug über die Harlingervaart wird eine 15 mal 15 Meter große Straßenplatte in die Höhe geklappt und dabei gleichzeitig um 45 Grad gedreht. Das muss man sehen, um es zu verstehen. Ansonsten ist der Verlauf der Staande Mastroute in und um Leeuwarden etwas tricky, zum Glück aber mit Richtungsanzeigern perfekt ausgeschildert, sodass es kein Problem ist, stets dem richtigen Kanal zu folgen. Das Wetter ist immer noch traumhaft, aber das Wochenende ist vorbei, und so ziehen nur wenige Boote mit uns durch das flache Land gen Süden. Sehr erholsam nach dem Trubel in Leeuwarden.

Vorbei am Örtchen Warga (Wergea), erreichen wir über Wasserstraßen, deren Namen niemand kennt, das Dorf Grou. Am Pikmar gelegen und von mehreren Kanälen durchzogen, stellt sich die Frage: Wohin? Wir orientieren uns Richtung Kirche zum mutmaßlichen Zentrum des Ortes. Volltreffer: In der Kromme Grou nehmen wir an der Suderkade den letzten freien Liegeplatz in Beschlag, längsseits zum Steg unter dem Bugspriet eines Großseglers. Strom gibt es, Wasser an einer separaten Zapfstelle. Wenn hier nichts mehr geht, kann man in den Hafen im Pikmar (seenartige Er­weiterung des Prinses Margrietkanaal) ausweichen, der am Ostrand des Dorfes liegt. Zum zentralen Dorfplatz (Halbertsmaplein) ist es von dort nicht viel weiter als von unserem Platz an der Suderkade (300 beziehungsweise 200 Meter). Im Ort warten eine Handvoll netter Restaurants, einige sehr schöne Bürgerhäuser, vor allem aber viel Ruhe und Gemütlichkeit. Ein krasses Kontrastprogramm zu Leeuwarden.

Zwischen Grou und Groningen liegen 62 Kanalkilometer. Die wollen wir nicht an einem Tag fahren. Ein Blick auf die Gewässerkarte zeigt, dass die Hälfte der Strecke bei Stroobos-Gerkesklooster liegt, und so entscheiden wir, dort den Yachthafen und Campingplatz De 4 Elementen als Etappenziel anzusteuern. Eine zufällige, aber sehr glückliche Entscheidung. Der Hafen liegt in einem Seitenarm des Prinses Margrietkanaal und ist vor Sog und Wellenschlag des viel befahrenen Schifffahrtsweges gut geschützt. Man liegt einlaufend backbord am befestigten Ufer längsseits. Sofort fallen die extrem gepflegten Rasenflächen neben den Liegeplätzen auf. Was für ein schöner Park! Man befindet sich auf dem Gelände eines Landgutes, jetzt eine Stiftung von und für behinderte Menschen. Wasser und Stromanschlüsse gibt es direkt am Liegeplatz, gepflegte Sanitäranlagen im Park und im Hauptgebäude das Restaurant La Terra, das ebenfalls von der Stiftung betrieben wird. 17,50 Euro zahlen wir für Wasser, Strom und Sanitärbenutzung. Da kann man wahrlich nicht meckern.

			Auch in Grou kann man nach dem Törntag auf dem Landgang gut ausspannen. Hier an der HoofdstraatFoto: Jürgen Straßburger
Auch in Grou kann man nach dem Törntag auf dem Landgang gut ausspannen. Hier an der Hoofdstraat

200 Meter östlich vom Hafen wird aus dem Prinses Margrietkanaal der Van Starkenborghkanaal. Wir sind wieder in der Provinz Groningen. Trotz Namensänderung bleibt der Kanal, wie er war: eine eintönig-zweckmäßige Wasserstraße für die Berufsschifffahrt. Zuidhorn ist der einzige nennenswerte Ort entlang der Strecke bis Groningen. Dort gibt es am abzweigenden Hoendiep sogar einen Hafen. Der aber ist geschlossen, lesen wir an der Zufahrt zum Hoendiep. Gut, dass wir uns für Stroobos entschieden hatten.

Der von West nach Ost verlaufende Van Starkenborghkanaal wird im Groninger Vorort Dorkwerd vom Reitdiep gekreuzt, das hier in Nord-Süd-Richtung verläuft. In nördlicher Richtung werden wir am nächsten Tag zu unserer Charterstation nach Zoutkamp zurückkehren. Heute aber steht Groningen auf dem Plan. Über die Schleuse Dorkwerd laufen wir in den südlichsten Teil des Reitdiep ein und steuern dem Zuiderhaven entgegen. Sechs Kilometer, die es in sich haben: zehn wie von Geisterhand bewegte Brücken, Wohnboote längsseits der Ufer. Trotz aller Enge und Fülle entspannt und freundlich grüßende Skipper auf Gegenkurs, grandiose Einblicke in die Straßenschluchten der City, vor Brückenschranken wartende Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer. Bei uns ist es nicht vorstellbar, dass zentrale Verkehrsadern einer Großstadt durch das Öffnen von Brücken zugunsten der Sportschifffahrt für alle anderen minutenlang stillgelegt werden. Und niemand der vielen Wartenden motzt. Das ist der kleine Unterschied, der den Wassersport bei unseren niederländischen Nachbarn so unbeschwert und selbstverständlich macht.

Im Zuiderhaven finden wir einen gediegenen Liegeplatz längsseits der Sluiskade. Hier sind wir nur einen Kilometer vom Stadtzentrum, dem Grote Markt, entfernt. Dort stehen mit den Martinitoren und dem Rathaus zwei der bekanntesten Gebäude der Stadt. Dienstags, freitags und samstags wird er zu einem lebhaften Warenmarkt für Fisch, Fleisch, Gemüse, Obst und Käse. Den vom Einkaufsbummel Ermüdeten bieten zahlreiche Straßencafés Gelegenheit zur Erholung.

	Die Fahrt auf dem Reitdiep gehört zu den Highlights der Reise. Der Wasserweg führt ins Zentrum GroningensFoto: Jürgen Straßburger
Die Fahrt auf dem Reitdiep gehört zu den Highlights der Reise. Der Wasserweg führt ins Zentrum Groningens

Dass wir den Südabschnitt des Reitdiep am nächsten Tag in Gegenrichtung noch einmal befahren dürfen, bestätigt meine alte These, dass Gegenkurse immer auch neue Einblicke und Perspektiven eröffnen. Also nicht: Kenn ich schon, sondern: Ach, hier war ich noch nicht! Auch der Nordabschnitt des Reitdiep von der Überquerung des Van Starkenborghkanaal bis Zoutkamp bringt neue Eindrücke: Nicht mehr „weiter Blick in plattes Land“, sondern Deiche, die die Aussicht zumindest für Bootsleute begrenzen, die keine Flybridge haben. Und warum die erhöhten Ufer? Vergessen? Bis vor 50 Jahren war das Reitdiep ein Meeresarm der Nordsee und somit den Gezeiten ausgesetzt. Da war es gut, dass das Brackwasser bei Flut nicht ständig auf den Wiesen stand. Zuletzt lockt noch das kleine Dorf Garnwerd mit einem gemütlichen Hafen, dem Terrassencafé Hanningh und der spektakulär am Deich postierten Windmühle De Meeuw. Leider bleibt keine Zeit mehr.

Da wird uns klar, dass es am Ende doch noch etwas zum Meckern gibt: Dieser Törn war viel zu kurz.

Anmerkung des Autors: Kurz nach dem Schreiben dieser Reportage verstarb Skipper Manni völlig überraschend im März dieses Jahres. Unsere gemeinsame Woche im Norden der Niederlande war sein letzter Törn. Der Text ist geblieben, wie er war – in Erinnerung an einen wunderbaren Kollegen.

Noch mehr Informationen? Die Reportage “Nix zu meckern” finden Sie im Rahmen des Niederlande-Journals mit weiteren Bildern und Serviceteil in BOOTE-Ausgabe 07/2022 – seit dem 15. Juni 2022 am Kiosk oder online direkt im Delius-Klasing-Shop.