Das ZDF hat in einer 45-minütigen Dokumentation rekonstruiert, wie die 56 Meter lange Superyacht „Bayesian“ im August 2024 vor Sizilien sank. Bei dem Unglück kamen sieben Menschen ums Leben, 15 konnten gerettet werden. Für BOOTE-Leser ist der Fall nicht nur wegen der Größe der Yacht relevant, sondern auch wegen der Fragen, die viele Skipper kennen: Wie entwickelt sich Starkwind vor Anker, welche Öffnungen müssen rechtzeitig geschlossen sein, und wie schnell kann aus Routine ein Notfall werden?
Die Autoren benutzen in der Rekonstruktion oft den Konjunktiv. Was nicht verwundert. Die betroffenen Parteien überzogen sich gegenseitig mit millionenschweren Klagen, auch andere Berichterstatter wurden wegen angeblicher Falschbehauptungen verklagt. Die bisherige Rekonstruktion der Ereignisse beruht vor allem auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten und Simulationen. Einen offiziellen Abschlussbericht gibt es noch nicht, Gerichtsprozesse laufen.
Die Doku ersetzt keinen Abschlussbericht. Die britische Marine Accident Investigation Branch hatte bereits einen Zwischenbericht veröffentlicht, der die Stabilität, das Wetter und die Wirkung des Windes auf die Yacht untersucht. Die italienischen Verfahren laufen parallel weiter, weshalb viele Details weiterhin vorsichtig formuliert werden müssen.
Nach Darstellung der Doku-Autoren hätten die beteiligten Parteien Gelegenheit bekommen, sich zu Details der Rekonstruktion zu äußern. Anwälte hätten dies demnach abgelehnt.
So gibt die Doku im Wesentlichen den bisher auch von der YACHT veröffentlichten und weiter unten im Artikel zusammengefassten Kenntnisstand wieder. Dennoch ist sie sehr sehenswert. Sie liefert aufwändig und dramatisch erzählt eine Rekonstruktion der Schreckensnacht.
Einziger Kritikpunkt: Die Frage in der Unterzeile der Titels der Doku, „warum sinken Schiffe“, wird nicht annähernd zufriedenstellend beantwortet. Die herangezogenen anderen Schiffsunglücke haben nichts bis wenig mit den Geschehnissen auf der „Bayesian“ zu tun. An diesem Punkt haben sich die Autoren ein zu hohes Ziel gesteckt.
Besonders interessant ist eine in der Doku gezeigte Modellierung spanischer Boots- und Schiffbauingenieure. Demnach könnten Rigg, Verstagung und Salingspaare bei starker Krängung erheblichen Windwiderstand erzeugt haben. Obwohl keine Segel gesetzt waren, hätte die „Bayesian“ aus Sicht des Windes also eine große Angriffsfläche geboten.
Für Motorbootfahrer ist dieser Punkt teilweise übertragbar, auch wenn ein Motorboot kein Rigg trägt. Große Aufbauten, Flybridge, Hardtop, Persenninge, Gerätebügel oder hohe Bordwände können bei Gewitterböen ebenfalls erhebliche Angriffsfläche bieten. Wer vor Anker liegt, sollte deshalb Wetterentwicklung, Schwojkreis und Ankeralarm nicht erst prüfen, wenn die Böenwalze bereits am Boot ist. Mehr Praxis dazu erklärt BOOTE im Ratgeber Gewitter auf dem Boot: Was man bei Blitzgefahr tun sollte.
Ebenfalls interessant sind die in der Doku widergegebenen spanischen Modellierungen zum Volllaufen der Yacht. Wenn, wie vermutet, Lüftungsöffnungen nicht geschlossen gewesen waren, hätte die Yacht bereits ab 35 Grad Lage (Kombüsenlüftung) Wasser aufgenommen. Wenn, wie ebenfalls vermutet wird, sich die Crew auf ein Ankermanöver vorbereitet, habe, hätten dafür die Lüftungsöffnungen für die Maschinen geöffnet gewesen sein müssen.
Laut der in der Doku wiedergegebenen Modellierung hätten bestimmte Lüftungsöffnungen bei starker Lage früh Wasser aufnehmen können. Besonders kritisch wären demnach geöffnete Lüftungen für den Maschinenbereich gewesen. Ob diese Öffnungen tatsächlich offen waren, wie viel Wasser auf welchem Weg eindrang und ob daraus ein Fehlverhalten abgeleitet werden kann, ist Gegenstand laufender Untersuchungen und Verfahren.
Der Fall zeigt, warum scheinbar einfache Punkte auf der Sicherheitsliste entscheidend sein können: Wetter beobachten, Ankerposition kontrollieren, Öffnungen prüfen, Maschinenbereitschaft planen und früh entscheiden, ob ein Ankerplatz noch sicher ist. Grundlagen dazu finden sich im BOOTE-Ratgeber Alles rund ums Ankern.
Sieben Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. Ihre Leichen wurden Tage später nacheinander von Tauchern geborgen. Zu den Umständen, in denen sie gefunden wurden und die zu vielen Spekulationen führten, etwa in welchen Kabinen und in welchem Zustand, äußern sich die Doku-Autoren nicht.
Erstmals griff BOOTE den Untergang der „Bayesian“ am 20. August 2024 auf. Die 56 Meter lange Superyacht lag in der Nacht vom 18. auf den 19. August 2024 vor Porticello an der Nordküste Siziliens vor Anker, als sie in ein heftiges Unwetter geriet und innerhalb weniger Minuten sank. An Bord befanden sich 22 Menschen. 15 Personen wurden gerettet, sieben Menschen kamen ums Leben. In unserem ersten Bericht „56-Meter-Yacht von Tech-Milliardär sinkt nach Wasserhose vor Sizilien“ stand zunächst die dramatische Suche nach Vermissten im Mittelpunkt.
Eine wichtige Rolle spielte von Beginn an die in der Nähe ankernde „Sir Robert Baden Powell“. Wir schilderten, dass Kapitän Karsten Börner und seine Crew nach der Havarie eine Rettungsinsel entdeckten und Überlebende aufnahmen. In den ersten Stunden und Tagen nach dem Unglück wurde vor allem über eine Wasserhose, extreme Böen, offene Luken, den hohen Mast und die Stellung des Kiels als mögliche Faktoren diskutiert.
Am 22. August 2024 meldeten wir, dass „Bayesian“-Eigner Mike Lynch tot aus dem Wrack geborgen worden war. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehrere Vermisste gefunden, die Suche nach Lynchs Tochter Hannah dauerte weiter an. Zugleich wurden die technischen Fragen dringlicher: Warum konnte eine moderne, große Superyacht so schnell sinken? Welche Rolle spielten Windangriffsfläche, Stabilität, Flutungswege und der Liftkiel?
Im März 2025 stand die geplante Bergung im Fokus. Die Bergung der „Bayesian“ war für den 20. April 2025 vorgesehen. Das Wrack lag zu diesem Zeitpunkt seit Monaten in rund 50 Metern Tiefe vor Sizilien. Von der Hebung erhofften sich Ermittler und Sachverständige entscheidende Hinweise auf Kielstellung, mögliche Wassereintrittsstellen und den tatsächlichen Zustand des Schiffes nach der Kenterung.
Die Bergung erwies sich als technisch schwierig und wurde von einem weiteren Todesfall überschattet. Am 12. Mai 2025 berichteten wir, dass ein niederländischer Taucher bei den Arbeiten am Wrack gestorben war. Die Ursache dieses Unglücks war zunächst unklar. Zugleich wurde deutlich, wie aufwendig die Operation war: Das Gebiet wurde gesichert, das Wrack vorbereitet, der Mast sollte getrennt und der Rumpf später mit einem Schwimmkran gehoben werden.
Am 16. Mai 2025 werteten wir den ersten Untersuchungsbericht der britischen Marine Accident Investigation Branch ausführlich aus. Der Zwischenbericht rekonstruierte den Ablauf der Unglücksnacht deutlich genauer als die frühen Meldungen. Demnach krängte die „Bayesian“ in einer heftigen Bö innerhalb weniger Sekunden extrem stark nach Steuerbord, Generatoren fielen aus, Wasser drang über die Steuerbordreling und Treppenhäuser ins Schiff. Gegen 4.45 Uhr sank die Yacht.
Besonders brisant waren die Stabilitätsfragen. In unserer Einordnung des Zwischenberichts ging es auch um Modellierungen zur Wirkung von direktem Seitenwind auf die Yacht. Danach konnte die „Bayesian“ unter bestimmten Bedingungen in einen Bereich geraten, aus dem sie sich nicht mehr selbst aufrichten konnte. Der Bericht war jedoch ausdrücklich ein Zwischenbericht. Die Untersuchung des Wracks sollte weitere Erkenntnisse bringen.
Am 23. Juni 2025 folgte ein entscheidender Schritt: Die „Bayesian“ wurde aus rund 50 Metern Tiefe gehoben. Das Kranschiff „Hebo Lift 10“ brachte den Rumpf an die Oberfläche, anschließend sollte das Wrack stabilisiert und nach Termini Imerese gebracht werden. Damit konnten britische und italienische Experten die Untersuchung am geborgenen Schiff fortsetzen.
Zwei Tage später stellten wir die Frage, was nach Bergung und Ermittlungen aus der Yacht werden könnte. In unserem Beitrag „Gibt es eine Chance auf ein Superyacht-Schnäppchen?“ ging es um den technischen Zustand nach Monaten unter Wasser, mögliche Korrosionsschäden und die Frage, ob ein solches Wrack überhaupt noch wirtschaftlich instand gesetzt werden könnte. Klar war: Solange die „Bayesian“ Beweismittel ist, steht die forensische Untersuchung im Vordergrund.
Am 30. Juni 2025 zeigten wir erste Bilder aus dem Inneren des Wracks. Die Aufnahmen machten ein stark zerstörtes, von Schlamm und Ablagerungen bedecktes Interieur sichtbar. Salon, Niedergänge und Maschinenbereich waren erheblich beschädigt. Die Bilder zeigten, was zehn Monate auf dem Meeresgrund angerichtet hatten, beantworteten aber noch nicht die zentrale Frage nach dem ursprünglichen Flutungsweg.
Im Mai 2026 rückten neue Erkenntnisse der italienischen Staatsanwaltschaft in den Mittelpunkt. Ein meteorologisches Gutachten bewertete das Wetterereignis demnach anders als die frühe Darstellung einer unbeherrschbaren Naturkatastrophe. Nach dieser Einschätzung rückten Crew-Entscheidungen, Ankerlage, Reaktion auf das Wetter und technische Vorbereitung stärker in den Fokus.
Im Juli 2026 fassten wir den Stand der Verfahren erneut zusammen. Anlass war die durch eine BBC-Dokumentation neu entfachte Debatte über den Millionenstreit um Konstruktionsfehler oder Crewversagen. Auf der einen Seite stehen Fragen zur Stabilität, zum Stabilitätshandbuch und zur Konstruktion. Auf der anderen Seite prüfen italienische Ermittler mögliche Versäumnisse an Bord. Ein abschließender Untersuchungsbericht liegt weiterhin nicht vor.
Diese Chronologie zeigt, warum der Fall „Bayesian“ bis heute nicht abgeschlossen ist. Aus einer zunächst rätselhaften Havarie wurde ein komplexes Zusammenspiel aus Wetter, Stabilität, Technik, Bedienung, Bergung und juristischer Aufarbeitung. Für Skipper bleibt der Fall vor allem deshalb relevant, weil er zeigt, wie schnell sich ein Ankerplatz bei Starkwind in eine lebensgefährliche Umgebung verwandeln kann.
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