Legerwall entsteht, wenn ein Schiff von auflandigem Wind, Grundseen oder starker Strömung immer näher an eine Lee-Küste oder ein Hindernis gedrückt wird, ohne aus eigener Kraft noch Abstand gewinnen zu können.
Für Motorbootfahrer ist das Risiko, in eine Legerwallsituation zu geraten, besonders hoch. Segler haben zumindest noch die Chance, Segel zu setzen und zu versuchen, sich mühsam, aber vielleicht gerade noch rechtzeitig freizukreuzen. Der Motorbootfahrer ist allein auf seinen maschinellen Antrieb angewiesen. Fällt dieser aus, sei es wegen eines Motor oder Getriebeschadens, Kraftstoffmangel oder eines nicht mehr arbeitenden Propellers oder wegen anderer Ursachen, treibt das Boot unkontrolliert ab. Letzte Chance ist dann nur noch ein rasch geworfener Anker. Hält dieser jedoch nicht, endet die Fahrt vor der nächsten Buhne, dem nächsten Felsvorsprung, auf dem Sandstrand oder im Schilf.
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Auch ohne Antriebsausfall können Motorbootfahrer in eine Legerwallsituation geraten, etwa wegen schleichenden Versatzes. Er entsteht in strömenden Gewässern, wenn sich der Steuermann an festen Marken orientiert, wie Fahrwassertonnen oder Landmarken. Wind und Strom können das Boot dann Stück für Stück aus dem Kurs oder dem Fahrwasser herausschieben, ohne dass es bemerkt wird. Der Steuermann hat das Gefühl, immer noch auf Kurs zu sein, weil der angepeilte Fixpunkt immer noch genau voraus liegt, merkt aber vielleicht nicht, dass sich der tatsächliche Kompasskurs des Bootes schleichend verändert. Das nennt man eine „Hundekurve": Das Schiff läuft auf einem Bogen statt Strich und es kann sein, dass sich der Skipper wegen der Vorauspeilung noch auf Kurs wähnt, etwa im Fahrwasser, sich tatsächlich aber schon daneben befindet.
Der Begriff “Hundekurve” ist übrigens wörtlich gemeint. Man stelle sich einen breiteren Fluss mit Strömung vor: Am einen Ufer steht Frauchen mit dem Hund, am anderen Herrchen. Von der Leine gelassen springt der Hund ins Wasser und will zum Herrchen schwimmen. Seine Schnauze zeigt immer direkt auf ihn. Die Strömung nimmt ihn jedoch mit, sodass sein Kurs immer mehr gegen die Strömung zeigen wird, bis er zuletzt, je nach Strömungsstärke, direkt gegen an schwimmt und vielleicht nie ankommt. Sein Weg vom Frauchen zum Herrchen war keine Linie, sondern eine Kurve. Hätte er sein Ziel gleich stromaufwärts vom Herrchen angepeilt, wäre er auf direktem Weg angekommen. Das nennt man vorhalten.
Vorhalten bedeutet, das gewünschte Ziel nicht direkt anzusteuern, sondern in einem bestimmten Winkel gegen den Versatz. Wie groß dieser Winkel sein muss, kann auf unterschiedliche Weise ermittelt werden.
Dazu hilft ein Blick auf den Plotter mit der Kontrolle der tatsächlichen Position. Befindet sich diese außerhalb der zuvor festgelegten Kurslinie, wurde das Boot versetzt. Dann sollte so schnell wie möglich auf die Kurslinie zurückgekehrt werden, auf kürzestem Wege. Dann erneut das Ziel ansteuern und ständig die Position vergleichen. Wandert diese wieder aus der Kurslinie, einen Kurs wählen, der mehr in Richtung der Versatzursache, also mehr zum Wind oder zur Strömung liegt. Wie groß dieser Vorhaltewinkel sein muss, lässt sich nur mittels ständiger Positionskontrolle ermitteln. Wird das Boot trotz Vorhaltens aus dem Kurs versetzt, muss noch mehr vorgehalten werden.
Eine Hundekurve, auch als Bananenkurs bezeichnet, lässt sich aber auch recht einfach ohne Elektronik vermeiden. Ein regelmäßiger Blick achteraus verrät, ob die Peilung über das Heck immer noch auf den vorherigen Bezugspunkt zeigt. Das kann die zuletzt passierte Fahrwassertonne sein oder auch der verlassene Hafen oder ein anderer Bezugspunkt, der zuvor passiert wurde. Steht diese Peilung noch, befindet sich das Boot auf der gewünschten Kurslinie.
Zeigt die Peilung über das Heck jedoch eine größere Abweichung von diesem Punkt, wurde das Boot versetzt. Zur Korrektur gegen den Wind oder Strom zurück zur ursprünglichen Kurslinie fahren, bis die Peilung wieder steht. Dazu immer wieder den Bug auf das Ziel zeigen lassen und über das Heck peilen, bis sich die vorherige Marke wieder in Peilung befindet. Ist diese Position erreicht, zunächst einen leichten Vorhaltewinkel zum Ziel wählen. Auch diesen mittels derselben Methode immer wieder kontrollieren, also den Bug auf das Ziel ausrichten und achteraus peilen, wenn nötig den Vorhaltewinkel korrigieren. Der Kurs wird so eher einer Schlangenlinie ähneln als einer Geraden.
Beonders in Fahrwassern sollte die Achterauspeilung zur vorherigen Tonne zur ständigen Routine gehören.
Auch beim Ankern droht Legerwall. Dreht der Wind über Nacht auflandig und verstärkt sich im ungünstigsten Fall auch noch, kann aus einem sicher wirkenden Ankerplatz rasch eine gefährliche Lage werden, wenn der Anker ausbricht oder der Schwojbereich des Bootes nicht ausreichend einkalkuliert wurde. Dann hilft nur ein schnelles Starten der Maschine und ein Freifahren von der Küste.
Wer an Legerwall denkt, denkt meist an Küste und Seegatt. Das Grundprinzip gilt aber auf jedem Gewässer, also auch Flüssen. Dort können unter anderem Buhnen, an der Nordseeküste auch Stacks genannt, zu Legerwallsituationen führen. Motorbootfahrer kennen diese etwa von Rhein, Elbe und Mosel. Diese steinernen oder hölzernen Querverbauungen am Flussufer bündeln die Fahrrinne und schützen das Ufer vor Landabtrag. Ein Boot, das wegen Antriebsausfalls oder mangelnder Aufmerksamkeit aus der Fahrrinne gerät, kann bei laufender Strömung in Sekunden gegen eine Buhne gedrückt werden, mit deutlich weniger Reaktionszeit als auf offener See.
Noch gefährlicher sind Wehre. Oberhalb von Stauwehren erhöht sich die Strömungsgeschwindigkeit durch den Staueffekt. Wer in Wehrnähe auf Probleme stößt, hat möglicherweise nur Sekunden. Die Faustregel auf Fließgewässern lautet: Bei jedem technischen Problem in der Nähe eines Wehrs sofort ankern.
Auch die Zufahrtsbereiche von Schleusen erzeugen bei bestimmten Wasserständen erhebliche Querströmungen und Strudel. Motorausfall in diesem Bereich kann rasch unkontrollierbar werden. Bei Hochwasser addiert sich der erhöhte Fließstrom zu Wind und Wellengang: Ein zu kleiner Außenborder, ein leerer Tank oder ein technischer Defekt können dann genügen, um die Kontrolle zu verlieren.
Auf Seen ohne Fließstrom, ob Bodensee, Müritz oder Chiemsee, kann ein auflandiger Wind ein manövrierunfähiges Boot aber ebenso sicher auf Ufer oder Mole treiben.
Wer Legerwall vermeiden will, muss vorausschauend handeln. Wenn möglich die windabgewandte Küste wählen, bei breiten Flüssen oder Seen die Luvseite, wenn die Befahrensregeln dies zulassen. Bei knappen Passagen mit einem Hindernis in Lee einen klaren Abbruchpunkt festlegen. Damit ist ein zuvor festgelegter Zeitpunkt gemeint, an dem noch ausreichend Antriebsleistung und Manövrierraum zur Verfügung stehen, um abzubrechen und umzukehren. Dann muss eine Alternative zum ursprünglichen Plan entwickelt werden. Generell ist Planung besser als Überraschung. Strömungen, ob Tidenstrom auf See oder Fließstrom auf dem Fluss, müssen einkalkuliert werden, weil sie das Boot stetig abdriften lassen.
Zur Planung gehört auch, dass der Kraftstofftank ausreichend gefüllt ist, bei Elektroantrieben ausreichend Energiereserven vorhanden sind. Auf Fließgewässern mit Wehren oder Schleusen immer mit ausreichend Motorleistung fahren, um das Boot manövrierfähig zu halten und gegen die Strömung anfahren zu können. Leinen konsequent von Deck fernhalten oder sicher aufschießen: Gerät eine in den Propeller, entsteht aus einem kleinen Malheur innerhalb von Sekunden eine Legerwallsituation.
Den Anker griffbereit zu haben sollte eine Selbstverständlichkeit sein, nicht nur für Extremsituationen. Eine ausreichend lange Kette flacht den Zugwinkel ab und verbessert den Halt deutlich. Eine Leine als Verbindungsstück zwischen Kette und Boot kann als Ruckdämpfer dienen und lässt sich notfalls kappen.
Ein Funkspruch um Hilfe zu erbitten sollte früher passieren als gefühlt nötig. Lieber einmal früh auf See auf Kanal 16 rufen, als zu lange zu warten. Auf Binnenwasserstraßen ist Kanal 10 der Arbeitskanal der Wasserschutzpolizei. Andere Schiffe in der Nähe können mithören und helfen.
Alles zum Thema Funken lesen Sie in unserem Spezial.
Wer bei angesagtem, auflandigem Starkwind unzureichend reagiert und das Boot verliert, riskiert nicht nur das Schiff, sondern auch Ärger mit der Versicherung. Charterskipper können ihre Kaution verlieren und zusätzlich von der Bootskaskoversicherung des Vercharterers in Regress genommen werden. Eine Skipperhaftpflichtversicherung, die auch grobe Fahrlässigkeit einschließt, bietet in solchen Fällen Schutz.
Welche Versicherung Skipper benötigen, erfahren Sie in unserem Spezial.
Vor höherer Gewalt, wie einem unangekündigten Extremsturm, schützt auch gute Seemannschaft nur bedingt. Aber was beeinflussbar ist, sollte beeinflusst werden: Maschine und Antrieb regelmäßig warten, Wetterlage prüfen, sicheren Ankerplatz suchen, Ankergeschirr kontrollieren, Ankerwachen einteilen. Wer das tut, hat die beste Chance, dass Legerwall ein Begriff aus dem Lehrbuch bleibt.
Auf Binnenrevieren und Seen wird ein griffbereiter Anker oft als unnötig betrachtet. Zu Unrecht. Habt ihr euren Anker stets griffbereit, egal in welchem Revier? Schreibt es in die Kommentare!

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