Rettungsinsel trainierenWarum trockener Einstieg entscheidend ist

Fabian Boerger

 · 02.08.2026

Rettungsinsel trainieren: Warum trockener Einstieg entscheidend istFoto: Fabian Boerger
Mara Zapp leitet seit 2021 die Segelschule Well Sailing in Neustadt und Hamburg.
​Niemand will rein, doch wer es muss und kann, überlebt eher. Was beim Einstieg in die Rettungsinsel wirklich zählt und wie man sich auf den Ernstfall vorbereiten kann. Ein Interview mit der Expertin und Leiterin der Segelschule Well Sailing, Mara Zapp.

Themen in diesem Artikel

​”Die Rettungsinsel ist kein schöner Ort.“ Mara Zapp sagt das ohne Umschweife. Als Leiterin der Segelschule Well Sailing weiß sie, wie Menschen auf eine aufgeblasene Rettungsinsel reagieren – und wie wenig viele Segler über das Gerät Bescheid wissen, das im schlimmsten Fall ihr Leben retten soll.

Beim Trans-Ocean-Sommertreffen auf Fehmarn trainierte sie mit Vereinsmitgliedern ebenjenen Ernstfall. Im Interview erläutert die Ausbilderin, worauf es dabei ankommt. Ihr zentrales Credo: Trocken in die Insel kommen, Ruhe bewahren und stets kreativ bleiben. Denn kein Ernstfall gleicht dem anderen. Außerdem: Wer eine Rettungsinsel hat, sollte wissen, wie sie funktioniert.

YACHT: Der Schritt in die Rettungsinsel – ein Manöver, das Segler scheuen. Eine absolute Ausnahmesituation. Lässt sich so etwas überhaupt trainieren?

​Mara Zapp: Natürlich kann man das! Wir merken allerdings selbst im Training, dass sich jeder Fall vom nächsten unterscheidet. Das Training hilft, und für den Ernstfall ist man mit Sicherheit besser vorbereitet. Aber klar, irgendwas ist immer anders. Eine Kleinigkeit, die man neu und kreativ bearbeiten muss. Wichtig ist, offen zu bleiben und zu schauen, was man wie lösen kann.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

​Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Hier beim Trans-Ocean-Sommertreffen hatten wir eine Insel, bei der jemand die Reißleine sehr merkwürdig gepackt hatte. Dadurch mussten wir sie völlig anders befestigen als normalerweise. Normal wäre: Reißleine weit herausziehen, dann auf der Klampe belegen. Diesmal hatten wir plötzlich eine Schlaufe, aber kein Ende. Das Problem: Wenn ich nicht weiß, wann das Ende kommt, kann ich auch die Klampe nicht belegen. Wir überlegten uns dann mithilfe einer Lifeline eine Zwischenlösung. Das funktionierte, zeigte aber auch: Man muss immer kreativ bleiben.

Wer eine Rettungsinsel hat, sollte den Umgang kennen

Wie hoch ist die Nachfrage nach solchen Trainings?

Der Einstieg in die Rettungsinsel ist Bestandteil der Sicherheitstrainings, die Nachfrage sehr unterschiedlich. Viele Schulen bieten das im Schwimmbad an, dort müssen die Teilnehmer häufig aus dem Wasser mühsam in die Insel klettern. Wir trainieren hingegen den Einstieg vom Boot in die Insel. Das steht bei uns im Vordergrund, denn das ist im Ernstfall hoffentlich das, was machbar ist.

Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, eine Rettungsinsel an Bord zu haben?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Klar ist: Jeder hat ein unterschiedliches Sicherheitsbedürfnis. Der eine sagt, ich möchte die Insel schon in der Kieler Förde dabeihaben. Ein anderer kann völlig darauf verzichten. Aber: Wenn man schon eine Rettungsinsel an Bord hat, sollte man auch wissen, wie sie funktioniert.

Was ist in der Regel das Vorwissen bei Kursteilnehmern?

Das Thema Rettungsinsel behandeln Segelschulen selten. Von daher geht es zunächst immer darum, ein gewisses Grundwissen aufzubauen. Das ist überschaubar und sitzt bei vielen schnell: Insel vorher festbinden, rausschmeißen, einsteigen. Welche Kniffe und Tricks es am Ende gibt – das kommt obendrauf.

Das Ausprobieren macht am Ende den Unterschied. Kaum einer hat so ein Ding jemals gezogen. Wozu auch? Die Wartung ist schließlich schweineteuer. Außerhalb solcher Trainings hat man also kaum eine Möglichkeit, eine Rettungsinsel auch mal zu ziehen.

Stichwort Kniffe und Tricks: Worauf sollte man besonders achten?

Mir ist wichtig, dass die Teilnehmer trocken in die Insel kommen. Das ist entscheidend, weil das die Überlebenschancen drastisch erhöht. Deswegen achte ich darauf, dass die Teilnehmer gut gesichert einsteigen.

Außerdem sollen sie einen Plan haben, was genau sie tun. Dazu gehört: einen guten Abstand zwischen Insel und Boot herstellen, einpicken, vorsichtig übersteigen. Bei mehreren Personen gilt, dass man sich untereinander hilft. Zum Beispiel kann die erste Person den Fuß der zweiten Person leiten. Es sind Kleinigkeiten wie diese, die am Ende hilfreich sind, wenn es zu einem solchen Notfall kommt.

“So lange am Boot bleiben wie möglich”

Wann ist der richtige Moment, um in die Insel zu steigen?

Klar, das Boot ist immer der sicherste Platz. Daher gilt: So lange am Boot bleiben, bis es nicht mehr geht – zum Beispiel weil es untergeht. Das ist die Grundregel.

Die Insel muss vorher aufgebaut sein, schließlich muss sie im letzten Moment bereit sein. Wenn das Boot untergeht, muss man in der Rettungsinsel sitzen. Damit man die Verbindung kappen kann, liegt in der Rettungsinsel immer ein Messer.

Was kann bei dem Manöver alles schiefgehen?

Na ja, es können immer unvorhergesehene Dinge passieren. Es kann sein, dass nicht das ganze CO2 in die Insel strömt und diese sich nicht vollständig aufbläst. Außerdem kann sich die Reißleine irgendwo verhaken und bereits in der Luft auslösen. Beim Schritt in die Insel kann man ins Wasser fallen. Die Insel kann sich verkehrt herum aufblasen.

Bei Letzterem haben wir die Erfahrung gemacht: Solange man sich noch auf dem Boot befindet, haben wir gute Chancen, dass sich die Insel von allein aufrichtet. Es ist auch schon mal passiert, dass sich die Reißleine, also die letzte Verbindung zum Boot, zu früh gelöst hat. Zusammengefasst: Es können immer Dinge passieren, die man nicht haben möchte. Doch man sollte lernen, wie man damit umgeht.

Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung finden Sie hier.


​Was steckt in der Rettungsinsel?

Zur Grundausstattung gehören Signalmittel, Lampe, Messer, Paddel und ein Treibanker, der das Abdriften bremsen soll. Der Großteil der Ausrüstung besteht aus PVC – und riecht entsprechend.

Selbst die Notfalltasche mit Verpflegung kommt komplett in Kunststoff eingeschweißt daher. Wichtig ist: Die Ausstattung deckt nur das Nötigste ab und ersetzt keinesfalls einen eigenen, durchdachten Grab-Bag.


Wie kann man sich auf den Fall der Fälle vorbereiten, ohne die eigene Rettungsinsel zünden zu müssen?

Zum einen gibt es diverse Schulungsvarianten – von Videos über Vorträge bis hin zu Handbüchern. Und es gibt die Variante, wie zum Beispiel hier beim Trans Ocean, dass Vereine solche Trainings arrangieren. Ich kann das nur empfehlen, schließlich geht das, was man tut, in ein anderes Gedächtnis als das, was man nur liest oder sieht.

Beste Vorbereitung: Manöver gedanklich durchspielen

Gibt es etwas an Bord, das man vorbereiten kann?

Ja, natürlich. Es hilft allein, über Deck zu laufen und zu überlegen, ob die bestehende Lösung so funktioniert, wie man sich das vorstellt. Wo befestigt man die Reißleine? Wo pickt man sich ein? Wo steigt man über? Gibt es günstigere Positionen für die Insel? Kann auch eine schwächere Person, die Insel über die Reling heben? Ist sie bereits ans Boot gebunden? All das kann man wunderbar in Ruhe und im Voraus planen.

Was sollte man beim Thema Rettungsinsel immer im Kopf behalten?

Es hilft, wenn möglichst wenig Fahrt im Boot ist. Und: Es ist wirklich die letzte Maßnahme. Im Deutschen heißt es zwar „Rettungsinsel“, doch im Englischen sagt man nur „life raft“, also „-floß“. Ich finde, das ist der wesentlich passendere Begriff. Man sollte sich immer wieder vor Augen führen: Die Rettungsinsel ist kein schöner Ort!


Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Fabian Boerger

Fabian Boerger

Redakteur News & Panorama

Fabian Boerger ist an der Lübecker und Kieler Bucht zuhause – aufgewachsen in diversen Jollen und an Bord eines Folkeboots. Seit September 2024 arbeitet er als Redakteur im Panorama- und News-Ressort und verbindet dort seine Leidenschaften für das Segeln und den Journalismus. Vor seiner Zeit bei Delius Klasing studierte er Politikwissenschaften und Journalistik, arbeitete für den Norddeutschen Rundfunk und das ZDF. Sein Volontariat machte er bei der MADSACK Mediengruppe (LN, RND). Jetzt berichtet er über alle Themen, die die Segelwelt bewegen – mit dem Blick des Praktikers und der Präzision des Journalisten.

Meistgelesen in der Rubrik Special