SAREx-ÜbungSeenotretter proben vor Wilhelmshaven den Ernstfall

Ursula Meer

 · 21.04.2026

Gleich vier Einheiten der Seenotretter begeben sich zum Mehrzweckschiff "Odin" des LKN SH. Das Szenario: Mehrere Verletzte müssen versorgt werden. Ein NH90-Rettungshubschrauber der Deutschen Marine fliegt eine Person aus. Das Bild zeigt eine Übung aus dem letzten Jahr
Foto: Die Seenotretter - DGzRS/Alexander Krüger
​Action auf der Jade: Ab morgen trainieren sieben Rettungseinheiten der DGzRS den Einsatz bei Havarien und Notfällen auf der Nordsee. Welche Szenarien geprobt werden, bleibt bis zur Alarmierung geheim – so läuft die Übung so realistisch wie möglich ab. Auch SAR-Helikopter sowie weitere Schiffe sind in die Übung eingebunden.

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​Wenn in den nächsten Tagen vor Wilhelmshaven mehrere Rettungsschiffe ausrücken und Hubschrauber am Himmel kreisen, besteht kein Anlass zur Sorge. Vom 22. bis 26. April läuft die „SAREx Wilhelmshaven 2026“ – eine groß angelegte Such- und Rettungsübung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Daran beteiligen sich sieben Rettungseinheiten sowie weitere externe Schiffe und Hubschrauber. Für Wilhelmshaven ist es bereits das sechste Mal als Gastgeber einer SAREx.

Das Besondere: Welche Szenarien geprobt werden, erfahren die Crews erst mit der jeweiligen „Alarmierung“. So entstehen möglichst realistische Einsatzlagen.

Realistische Trainingsszenarien auf dem Wasser

Schiffbrüchige suchen und retten, Verletzte versorgen und Havaristen schleppen: Das sind einige der Herausforderungen für die Seenotretter bei der SAREx (Search and Rescue Exercise, Such- und Rettungsübung). Auch die medizinische Erstversorgung und der Verletztentransport sind Bestandteile der geplanten Trainings an den Kernübungstagen Donnerstag, Freitag und Samstag.

„Wo genau die Übungen stattfinden, wissen die Teilnehmenden vorher nicht", erklärt Ralf Baur von der DGzRS-Pressestelle. Das Gezeitenrevier von Jade und Nordsee kann genutzt werden, aber die konkreten Positionen und Szenarien bleiben geheim. „Damit die Teilnehmenden sich nicht vorher darauf vorbereiten können und die Situation so realistisch wie möglich bleibt."

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Unterstützt wird die SAREx durch Verletztendarsteller der Emergency Training Group (ETG, Notfall-Trainingsgruppe) von I.S.A.R. Germany. I.S.A.R. Germany ist eine gemeinnützige Hilfsorganisation, die weltweit in Katastrophengebieten tätig ist. Mit rund 170 Freiwilligen aus den Bereichen Brandbekämpfung, Notfallmedizin, technischer Rettung und Katastrophenkoordination sorgt das Team bei der Übung für realistische Notfalldarstellungen – von Verletzten mit Wunden bis zu Personen unter Schock.

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Intensives Trainingsprogramm an Land und auf See

Am Donnerstag und Freitag trainieren die beteiligten Besatzungen im Wechsel wichtige Handgriffe und Fertigkeiten im Hafen an Bord und an Land, darunter die Übergabe Schiffbrüchiger von Schiff zu Schiff, die Rettung aus engen Schiffsinnenräumen, international einheitliche SAR-Einsatzverfahren wie Suchmuster und Führungsaufgaben sowie technische Navigation.

Die Seenotretter auf Nord- und Ostsee und ihre fliegenden Partner trainieren ständig die Zusammenarbeit, um im Ernstfall Leben zu retten. Bei solchen Übungen lernen die Besatzungen, mit vielen Beteiligten zu kommunizieren und komplexe Lagen zu bewältigen.

So läuft eine SAREx ab: Von der Ostereier-Suche bis zur Großhavarie

Bevor es für die Beteiligten auf See ernst wird, steht an Land eine Stationsausbildung auf dem Programm. „Das dient der Vorbereitung auf die möglichen Lagen und der Auffrischung des SAR-Verfahrens", erklärt Timo Jordt, Leiter der Seenotretter-Akademie. Am ersten Übungstag durchlaufen die Crews im Hafen verschiedene Übungsstationen: Übergabe von Schiff zu Schiff mit einem speziellen Seilzug-System, das auch bei unterschiedlich hohen Bordwänden funktioniert, die Bergung Verletzter aus engen Schiffsräumen mit flexiblen Kompakt-Tragen und die Auffrischung der Navigation.

Nach der Trockenübung folgt ein erstes Szenario auf dem Wasser. Bei vergangenen SAREx-Übungen wurde es „Ostereier-Suche" genannt: Auf dem Jadebusen wurden 15 Objekte verteilt, alle mit einem kleinen Sender ausgestattet. Die Größe reichte von kleinen 25-cm-Objekten bis hin zu menschlichen Dummys. Solche Flächensuchen trainieren die koordinierte Zusammenarbeit mehrerer Fahrzeuge.

Weil die langsame Steigerung der Realitätsnähe zum Konzept der SAREx gehört, folgt dann die größte Herausforderung: etwa eine Kollision zweier Schiffe mit Wassereinbruch und vielen Verletzten. Diese Informationen haben die Seenotretter nicht. „Sie werden alarmiert, danach ist alles offen. Die Retter wissen nicht, was sie erwartet. Sie müssen dann vor Ort sowohl die technische als auch die medizinische Rettung umsetzen."

Bei jeder Übung ist ein Beobachter mit an Bord, um später in einem Debriefing Feedback zu geben.

Wer spricht denn da? Funkverkehr mit Codewörtern

Wenn auf Kanal 16 in den nächsten Tagen ungewohnte Funkwörter zu hören sind, sind auch diese Teil der Übung. Denn ein besonderes Merkmal der SAREx sind spezielle Funkcodewörter, die Verwechslungen mit echten Notrufen vermeiden sollen. Statt „Mayday" oder „Pan Pan" hören Wassersportler auf Kanal 16 dann Durchsagen wie: „Junk, Junk, Junk, an alle Funkstellen, an alle Funkstellen, an alle Funkstellen, hier ist Exercise Rescue, Exercise Rescue, Exercise Rescue." Diese Codewörter machen auf den ersten Blick klar, dass es sich um eine Rettungsübung und nicht um einen möglichen Ernstfall handelt.

Hinweise für Wassersportler und Zuschauer

Für Wassersportler oder andere Wasserfahrzeuge gibt es keine expliziten Sperrungen im Übungsgebiet. „Man sollte die normalen Abstandsregeln beachten", empfiehlt Ralf Baur. Alle Regeln, die auf See gelten, sollten selbstverständlich auch während der Übung eingehalten werden.

Die Rettungseinheiten machen nach den Übungen im Fluthafen fest und werden dort morgens und abends voraussichtlich zu sehen sein, am Donnerstag und Freitag auch am Vormittag. Ein Open Ship findet allerdings nicht statt, und eine Mitfahrt auf den beteiligten Einheiten ist nicht möglich.

Diese Rettungseinheiten nehmen teil

Bei der SAREx Wilhelmshaven 2026 sind drei Seenotrettungskreuzer im Einsatz: die „Hans Hackmack“ (ohne feste Station), die „Eugen“ (Station Norderney) und die „Pidder Lüng“ (Station List). Von den Freiwilligen-Stationen beteiligen sich die Seenotrettungsboote „Peter Habig“ (Station Wilhelmshaven), „Wolfgang Paul Lorenz“ (Station Horumersiel), „Secretarius“ (Station Langeoog) und „Paul Neisse“ (Station Eiderdamm).

Partner in der Luft: Wenn Hubschrauber Leben retten

Neben den DGzRS-Einheiten sind das Zollschiff „Friesland", ein Such- und Rettungshubschrauber der Marineflieger, ein Rettungshubschrauber von NHC Northern Helicopter und ein ADAC-Rettungshubschrauber an der Übung beteiligt. Für realistische Szenarien stehen mehrere Schiffe als Havaristendarsteller zur Verfügung, darunter der Schlepper „Fairplay 34" der Fairplay Towage Group.

Die Seenotretter unterhalten weder eigene Hubschrauber noch Flugzeuge. In vielen Fällen erhalten ihre Besatzungen im Einsatz jedoch Unterstützung bei Such- und Rettungsmaßnahmen aus der Luft. Die Deutsche Marine hält für Seenoteinsätze rund um die Uhr mindestens einen Hubschrauber an Nord- und Ostsee in Alarmbereitschaft. Die SAR-Hubschrauber der Marineflieger vom Typ NH90 „Sea Lion" sind speziell für die Seenotrettung ausgerüstet und können auch bei schwierigen Wetterbedingungen Personen aus dem Wasser oder von Schiffen bergen.

NHC Northern Helicopter, eine Tochtergesellschaft der DRF Luftrettung, betreibt Luftrettung für die Offshore-Windindustrie in Nord- und Ostsee sowie Ambulanzflugbetrieb an der Ostfriesischen Küste. In St. Peter-Ording hält NHC 365 Tage im Jahr rund um die Uhr einen Rettungshubschrauber mit Notarzt und Notfallsanitäter, Winde und Windenführer sowie zwei Piloten in Alarmbereitschaft. Es ist der einzige derart ausgerüstete Hubschrauber in Schleswig-Holstein.

Der ADAC-Rettungshubschrauber „Christoph 26" aus Sanderbusch ist aufgrund seines Nordsee-nahen Standorts mit einer Rettungswinde ausgestattet und stellt mit seiner 24/7-Einsatzbereitschaft auch die medizinische Versorgung für die ostfriesischen Inseln sicher.

Warum die Zusammenarbeit so wichtig ist

Im Oktober letzten Jahres kam die Crew eines sieben Meter langen Bootes im Seegatt zwischen Wangerooge und Spiekeroog fest. Das Rettungsboot der Station Wangerooge konnte strömungs- und wasserstandsbedingt nicht zu ihnen gelangen. Ihr Boot sank, Hilfe kam gerade noch rechtzeitig: Die Besatzung eines Marinehubschraubers hat die zwei Männer retten können.

Im August 2025 retteten die Seenotretter und ein ADAC-Rettungshubschrauber zwei Wassersportler aus akuter Lebensgefahr vor der unbewohnten Insel Mellum. Nach einem Ruderschaden war die Yacht in die gefährliche Brandungszone einer Sandbank geraten. Während der Hubschrauber einen Notarzt und Notfallsanitäter absetzte, kümmerten sich die Seenotretter um die Bergung der stark unterkühlten Personen. Im Juli 2025 wurde ein Mann mit einem medizinischen Notfall im Spiekerooger Wattenmeer nur durch das koordinierte Zusammenspiel von Seenotrettern und einem NHC-Rettungshubschrauber gerettet.

Es sind Fälle wie diese, die zeigen, dass die Rettung allein vom Wasser aus an ihre Grenzen gelangen kann. Für den maritimen SAR-Dienst trägt die DGzRS die Verantwortung. Für den aeronautischen SAR-Dienst sind die Marineflieger mit ihren Such- und Rettungshubschraubern zuständig. Beide Teile der SAR-Familie unterstützen sich gegenseitig und trainieren ständig die Zusammenarbeit auf und über See.

„Bernhard Gruben“ hält in Hooksiel die Stellung

Der Seenotrettungskreuzer „Bernhard Gruben“ aus dem benachbarten Hooksiel nimmt bewusst nicht an der Übung teil. „Wir können ja immer nur einen Teil der Schiffe aus bestimmten Bereichen abziehen", erklärt Ralf Baur. Der Grund: Im Ernstfall müssen auch während der Übung noch Rettungseinheiten verfügbar sein. Die teilnehmenden Schiffe müssten erst aus dem Übungsszenario heraus, um zu einem echten Einsatz zu fahren – das könnte zu lange dauern. Deshalb bleiben punktuell Stationen außerhalb der Übung.

Zweimal jährlich: SAREx als fester Bestandteil der Ausbildung

Die DGzRS organisiert die SAREx in der Regel zweimal jährlich – einmal auf der Nordsee und einmal auf der Ostsee. Seit 2012 gehören diese umfassenden Übungen zum festen Bestandteil des Trainingskonzepts der Seenotretter. Größere Übungen dieser Art fanden in den vergangenen Jahren auch vor Rügen, in der Eckernförder Bucht, in der Lübecker Bucht, vor Büsum und Wilhelmshaven statt. Zuletzt wurde im September 2025 vor Neustadt der Ernstfall geprobt.

Die SAREx wird von der Seenotretter-Akademie der DGzRS geleitet. Die Akademie hat ihren Sitz in Bremen und bildet die Seenotretter aus.

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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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