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Reportage: Klassentreffen Grand Banks

Jill Grigoleit

 · 09.07.2022

Reportage: Klassentreffen Grand BanksFoto: Thorsten Baering

Familientreffen auf der Schlei: Nach zwei Jahren Zwangspause durch die Pandemie fand zu Pfingsten endlich das lange geplante Treffen des Grand Banks Baltic Club in Schleswig-Holstein statt. Die Freude über das Wiedersehen war groß

Langsam heben sich die Flügel der Klappbrücke, die das Angelner mit dem Schwansener Ufer in Kappeln verbindet. Genau zwei Minuten dauert es, bis die Brückenhälften mit den vier Fahrspuren senkrecht stehen. Dann springen die Doppelsignalleuchten auf Weiß-Grün-Grün. Das Signal, auf das 20 Grand-Banks-Crews gewartet haben – seit drei Jahren, könnte man sagen. Denn nach zwei Jahren Corona-Pause findet dieses Pfingstwochenende endlich wieder ihr alljährliches „Familientreffen“ statt. Seit über 30 Jahren ist die Zusammenkunft der „Grand Banker“, wie sie sich selbst nennen, Tradition. Die Liebe zu den soliden, stäbigen Trawlern, die für viele zum Synonym für romantische und luxuriöse Langstrecken-Törns geworden sind, vereint sie.

Die weiße Formation gleitet durch die geöffnete Brücke, vorbei am Museumshafen Kappeln in Richtung Süden. Dieses Jahr findet die Geschwaderfahrt auf der Schlei statt. Und der 42 Kilometer lange Meeresarm der Ostsee präsentiert sich bei fast wolkenlosem Himmel von seiner besten Seite. Den Mitgliedern ist die Freude über das Wiedersehen anzusehen. Wohin man guckt, sieht man winkende Besatzungsmitglieder auf den Flybridges stehen.

Über die Toppen geflaggt, liegen die Teilnehmer kurz nach der Ankunft im Schleswiger Stadthafen im PäckchenFoto: Thorsten Baering
Über die Toppen geflaggt, liegen die Teilnehmer kurz nach der Ankunft im Schleswiger Stadthafen im Päckchen

An Bord der „Chi“ steht Monika Gehrlein am Steuer. Der Name bedeutet positive Energie. Und die ist an Bord der Gehrleins spürbar. Routiniert manövriert Monika „Chi“ an die Spitze des Geschwaders und genießt den Anblick der im Sonnenlicht glitzernden Schlei, während ihr Mann Markus ihr den Kaffee reicht. Die beiden kennen sich seit der Jugend und sind ein eingespieltes Team.

Die Leidenschaft zum Bootfahren wurde ihr im Gegensatz zu ihrem Mann, der schon mit Booten aufgewachsen ist, nicht in die Wiege gelegt. „Das fing peu à peu an. Als unsere Kinder klein waren, hatten wir ein kleines Boot, mit dem wir in den Urlaub an den Comer See und an die Côte d’Azur gefahren sind. Mit der Zeit wuchs der Wunsch nach einem größeren Boot, mit dem wir längere Touren machen können.“ Jedes Jahr standen die Gehrleins auf der Bootsmesse in Düsseldorf vor den Trawler-Yachten, die mit ihren breiten Rümpfen und hohen Deckshäusern mit steilen Frontscheiben an die traditionellen Fischkutter der nordamerikanischen Atlantikküste erinnern. Die Symbiose aus klassischen Linien, Seetüchtigkeit und zeitloser Eleganz hatte es vor allem Markus Gehrlein schon immer angetan. „Auch wenn sie über die Jahre immer wieder an die neueste Technik angepasst wurden, sind sie im Prinzip vom Charakter gleich geblieben. Das Design ist unverwechselbar“, schwärmt er. Vor 23 Jahren war es dann so weit, und sie erfüllten sich mit der Grand Banks 42 Europa ihren Traum. Bis heute sind sie ihr treu geblieben. Mit Anfang vierzig waren sie damals in der Grand-Banks-Gemeinde eher die Ausnahme: „Viele kaufen sich erst ein solches Boot, um ihren Ruhestand darauf zu genießen. Das macht sich im Club natürlich bemerkbar. Umso mehr freue ich mich, dass wir dieses Jahr auch junge Familien dabeihaben“, erzählt Markus Gehrlein.

Seit er vor zehn Jahren in den Vorruhestand gegangen ist, verbringt das Ehepaar jeden Sommer an Bord von „Chi“. Monatelang sind sie auf den nordeuropäischen Gewässern unterwegs, von England bis ins Baltikum, über den Polarkreis bis hoch zu den Lofoten. „Wir lieben es auch, wenn es dunkel wird und man die Heizung braucht. Genau dafür sind diese Schiffe gemacht. Es ist einfach wie ein gemütliches Zuhause, egal wo man gerade ist und wie das Wetter ist“, erzählt er. Seine Frau stimmt zu: „Ich bin zwar seefest, aber ich mag es eigentlich nicht kalt. Genau dann kommen die Vorteile einer Grand Banks zum Tragen. Und bei schönem Wetter können wir oben in der Sonne am Steuer sitzen. Ich persönlich steuere allerdings am liebsten unten, da habe ich einen besseren Überblick.“

Große Frontfenster und die Flybridge mit Schanzkleid gehören zu den Markenzeichen von GBFoto: Thorsten Baering
Große Frontfenster und die Flybridge mit Schanzkleid gehören zu den Markenzeichen von GB

Immer mit dabei ist der 13-jährige Bordhund Aick. Für einen Senior wie ihn sind die breiten Seitendecks und die großzügige Gestaltung des Innenraums ideal. Auf einer Grand Banks muss sich niemand vorbeiquetschen oder den Kopf einziehen. Der Labrador mit den ergrauten Lefzen liegt auf seinem angestammten Platz an der Schwelle zum großen Achterdeck und scheint eher unbeeindruckt von dem Spektakel, das sich ihm beim Blick über das Heck bietet: Wie weiße Perlen auf einer Schnur vor azurblauem Himmel haben sich die zwanzig Boote hintereinander aufgereiht. Mit gemütlichen sieben Knoten folgen sie einander auf dem ruhigen Wasser der Schlei. Der Vierbeiner ist genau wie die Schiffe und ihre Eigner rauere Gewässer gewohnt. Die Neufundlandbank, der die Grand-Banks-Schiffe ihren Namen verdanken, ist eine Gruppe von Unterwasserplateaus südöstlich von Neufundland. Das Gebiet ist bekannt für hohen Seegang. Hier treffen der kalte Labradorstrom und der warme Golfstrom aufeinander. Diese Bedingungen sorgen dafür, dass die Gegend zu den reichsten Fischgründen der Erde zählt, aber auch dafür, dass hier häufig Nebel auftritt. Dazu kommen Eisberge und der Verkehr der transatlantischen Schiffsrouten. Kein einfaches Fahrgebiet. Hier liegt der Ursprung der seegängigen Trawler von American Marine. Anfangs wurden die Rümpfe noch in Vollholz gebaut, komplett in Handarbeit aus hochwertigem Mahagoni, und das Deck mit Teak belegt.

Eines dieser woodies, wie die Grand Banker diese Urtypen nennen, ist die fünfzig Jahre alte „My Deer“ von Tom und Bea Nagel. Für Tom sind es ebenfalls die zwei am häufigsten genannten Merkmale, die den besonderen Charakter einer Grand Banks ausmachen: die Linien und die Robustheit. „Wir haben das Boot nach alten Plänen zum ursprünglichen Design zurückgeführt und dafür den Schnickschnack abgebaut, der über die Jahre hinzugekommen war wie zum Beispiel eine Galionsfigur. Aber was wirklich beeindruckend war: Bei einem Abschliff des Rumpfs hat die amerikanische Eiche nach 50 Jahren das erste Mal wieder Licht gesehen, und es war nichts dran – als wäre sie gerade erst vom Stapel gelaufen.“

Über die Jahre ist der Hersteller bei der Fertigung der Rümpfe modernere Wege gegangen, verließ aber nie das klassische Design eines robusten Arbeitsbootes. So unterschiedlich die Modelle in den Details ihrer Ausstattung sind, in den grundsätzlichen Eigenschaften sind sie alle gleich: beständige Bauweise, hochwertiges Interieur und zeitloses Design. Das findet auch Sohn Nick. Für ihn sind die alljährlichen Pfingsttreffen mit der Grand-Banks-Gemeinde Familientradition. Der 24-Jährige und seine Freundin Eva sind zur Freude der alteingesessenen Grand Banker nicht die Einzigen, die an diesem Wochenende den Altersdurchschnitt deutlich nach unten ziehen. Auch Ute und Christian Patzer von der „Strandhusen“ sind mit ihrer Tochter Lykka angereist. Für die 20-Jährige und ihre Eltern ist die Grand Banks vom Typ Classic das gemeinsame Familienhobby. Christian bezeichnet sie gar als Familienmitglied. Die emotionale Bindung zum Boot spiegelt sich auch in der Namensgebung wider. Die Großeltern hatten in einem Leuchtturm in Strandhusen gelebt. Seit Christian Ende der Siebzigerjahre „Der Weiße Hai“ gesehen hat, wollte er immer ein Boot wie die „Orca“ im berühmten Filmklassiker von Steven Spielberg. Gut vierzig Jahre später erfüllt er sich vom Erbe seiner Großeltern mit dem Kauf einer Grand Banks 36 Classic diesen Traum. „Wir verbringen jede freie Minute auf der „Strandhusen“. Wenn man eine Grand Banks kauft, ist klar, dass man keine anderen Urlaube mehr macht. Wer braucht ein Ferienhaus oder Hotel, wenn er überall unterwegs sein kann und immer alles dabei hat? Das war eine ganz bewusste, gemeinsame Familienentscheidung. Und auch im Winter verbindet uns das gemeinsame Hobby, denn genug zu tun ist natürlich immer an so einem Boot.“

Das Boot als (mindestens) zweite Heimat – für Familie Patzer von der „Strandhusen“ selbstverständlichFoto: Thorsten Baering
Das Boot als (mindestens) zweite Heimat – für Familie Patzer von der „Strandhusen“ selbstverständlich

Davon kann auch Markus Gehrlein ein Liedchen singen. Er pflegt und hegt in den Wintermonaten jeden Zentimeter seines in liebevoller Handarbeit reparierten Bootes. Die charakteristischen Holzapplikationen, vor allem am Heck, machen es zum Hingucker. „Das fällt schon auf, wenn wir in einen Hafen einfahren. Wir bekommen oft Komplimente.“ Das lässt das stolze Eignerherz natürlich höher schlagen.

Steuerbord lassen sie die Halb­insel Arnis hinter sich – mit knapp 300 Einwohnern und einer Fläche von rund sechzig Fußballfeldern die kleinste Stadt Deutschlands. Und Heimathafen der „Chi“. „Hier gehört unser Boot zum Stadtbild“, lacht Markus. Dieses Jahr waren die Gehrleins Gastgeber des Treffens, deshalb findet es in ihren Heimatgewässern statt. Seit der Gründung der Eigentümergemeinschaft haben sich die Grand Banker an vielen verschiedenen Standorten getroffen. „Die vergangenen zwei Jahre, in denen das Treffen wegen Corona nicht stattfinden konnte, haben wir überall in den Häfen Nordeuropas Akquise betrieben. Sobald wir eine Grand Banks gesehen haben, die wir nicht kannten, haben wir Kontaktdaten ausgetauscht und Werbung für unseren „Club“ gemacht. Dadurch ist von den zwanzig Booten heute gut die Hälfte das erste Mal dabei. Es ist einfach schön zu sehen, wie die Community wächst und weltweit vernetzt ist. Man hält sich gegenseitig auf dem Laufenden, wer gerade wo ist, und manchmal richtet man seine Reiseroute danach aus, anderen zu begegnen. Das ist das, was ,die Familie‘ ausmacht. Irgendwie ist man einfach vom gleichen Schlag.“

Weiter geht es vorbei an naturbelassenen Buchten und Vogelinseln. Die strömungsberuhigten Wasserflächen der Schlei bieten zahlreichen Vogelarten Brut- und Rastplätze. Bei dem gemächlichen Tempo kann man die Natur in Ruhe genießen. „Wer eine Grand Banks fährt, dem geht es nicht darum, schnell ans Ziel zu kommen“, erklärt Gehrlein. „Das wäre auch alles andere als ökonomisch. Dafür bieten die Tanks mit über 1000 Liter Frischwasser und knapp 2300 Liter Diesel aber genug Speicherkapazität, dass wir damit locker eine Woche unterwegs sein können.“

 Gemeinsames Warten auf die Passage der Klappbrücke in Kappeln zu Beginn der TourFoto: Thorsten Baering
Gemeinsames Warten auf die Passage der Klappbrücke in Kappeln zu Beginn der Tour

Nach einer Stunde sammelt sich das Geschwader vor der Brücke Lindaunis. Die knapp hundert Jahre alte Stahlfachwerkbrücke quert die Schlei an einer ihrer schmalsten Stellen. Weil es immer wieder zu Ausfällen der Klappbrücke kam, wurde entschieden, die alte Brücke Stück für Stück zurückzubauen und östlich davon eine neue zu errichten. Während der Bauarbeiten wird die Brücke nur viermal täglich geöffnet. Eine zusätzliche Herausforderung für das Organisationsteam des diesjährigen Rendezvous. Doch das Timing ist perfekt. Keine zehn Minuten später geht es schon weiter. Bei Missunde ist die Schlei so ­schmal wie ein Fluss, bevor sie sich kurz danach zur „Großen Breite“ öffnet, wo sie wie ein See vor einem liegt. Die Ufer­linie ist gesäumt mit weitläufigen Nooren, wie die Haffs und Strandseen in der Region genannt werden, und hier und da gesprenkelt von kleinen Häuschen, die sich hinter Schilf verstecken. Kurz nach der Stexwiger Enge kommt am West­ufer auch schon der Schleswiger Dom in Sicht. Der bald 900 Jahre alte Petri-Dom ist eines der bedeutendsten Bauwerke der norddeutschen Kirchengeschichte. Die Grand Banker nehmen bei seinem Anblick fast wehmütig zur Kenntnis, dass die Ausfahrt sich bereits dem Ende neigt. Ein Boot nach dem anderen läuft im Schleswiger Stadthafen ein. Es folgt ein kurzes Durcheinander. Immerhin wollen zwanzig Motoryachten sortiert werden.

Nach einem souveränen Anlegemanöver hat auch Monika mit der „Chi“ ihren Platz am 100 Meter langen Pier gefunden. Während Markus Leinen festmacht und entgegennimmt, begrüßt sie alte Freunde und heißt neue Bekanntschaften willkommen. In Dreierpäckchen haben es sich die Grand Banker gemütlich gemacht und schon nach kurzer Zeit Aufmerksamkeit erregt. Schaulustige zücken ihre Kameras. Die nächsten zwei Tage haben sie genügend Gelegenheit, sich die Boote ganz aus der Nähe anzuschauen. Währenddessen erwartet die Crews ein Kulturprogramm. Ein Besuch des Wikingerdorfs Haithabu und ein Rundgang durch die Schleswiger Altstadt stehen unter anderem auf dem Plan. Und zwischendurch ist genügend Zeit zum Klönen und Fachsimpeln. Nach dem abschließenden Captain’s Dinner sind so viele Törn-Verabredungen und Routen­tipps ausgetauscht worden, dass es für viele von ihnen kein Abschied bis zum nächsten Jahr bleiben wird.

Die Reportage “Familientreffen auf der Schlei” finden Sie in BOOTE-Ausgabe 08/2022 ab dem 13. Juli 2022 am Kiosk, online direkt im Delius-Klasing-Shop – und schon jetzt auf www.boote-magazin.de.

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