Mehr Mittendrin geht nicht. Espen Øino International sitzt am Molenkopf der Jetée Lucciana. Eine feine Adresse für ein Konstruktionsbüro, das EØI streng genommen ist. Der Ort macht den namensgebenden Norweger zu einer Art Torwächter des Port Hercule, des ohnehin mediterranen Mittelpunkts der Superyacht-Szene. Zur Monaco Yacht Show schieben sich die Massen selbst kurz vor Ende des Messetages am Büro vorbei. Espen Øino eilt von einem Vortrag über das Potenzial der Nuklearenergie in den Besprechungsraum. Eine nach außen verspiegelte Glasfront lässt auf die Docks blicken, zu einer Seite reichen Regale bis unter die hohe Decke. Darauf liegen Bücher und sonnen sich diverse Vollmodelle: Gigaformate von Lürssen, Oceanco und Feadship. Aus der Reihe fällt eines in der gleichen Größe, jedoch im Maßstab 1:7,5. Es ist ein Holz-Ruderboot seines Vaters, der in fünfter Generation Holzbootsbauer war.
Boote bestimmten die Kindheit in Norwegen. „Es ist eine unglaublich reichhaltige Küstenlinie mit über 100.000 Inseln und vielen Seen. Mittlerweile kommen auf fünf Millionen Einwohner eine Million Bootsregistrierungen“, so Øino über die Båtliv genannte Kultur des Bootsfahrens. „Ich hatte immer ein Interesse für Design und zeichnete andauernd. In unserem Sommerhaus war ich von Booten umgeben.“ Sein Faible für das maritime Metier heizte ein Landsmann an. Mit leuchtenden Augen fängt der 62-Jährige an, über den Helden seiner Jugend zu sprechen: „Mein Motivations-Guru war ein Mann namens Jan Herman Linge, ein Pionier während des Übergangs von Holz zu Glasfaser in den 1960er-Jahren. Ich wollte unbedingt für ihn arbeiten.“
Segler kennen Linge als Konstrukteur der einst olympischen Soling-Klasse, er entwarf aber auch die ersten Windys: Kabinenkreuzer ab 22 Fuß mit klaren Geometrien und selbstbewusst gesetzten Kanten. Øino holt ein Buch über Linge hervor, der wie er selbst Schiffbauingenieur gewesen ist, aber ebenso in die Formgebung vertieft war. Zu sehen sind Boote aus den 1970er-Jahren, in denen sich Øinos Linien und sein derzeitiger von Trapezen geprägter Stil wiederfinden lassen.
Obwohl es nie zu einer Zusammenarbeit mit Linge kam, blieb die Faszination für Windys bestehen. So musste die norwegische Motorboot-Marke Mitte der 2010er-Jahre nicht viel Überzeugungsarbeit leisten; für Espen Øino war es eine Herzensangelegenheit – zu einer Zeit, da sein Büro zur ersten Adresse für Yachtentwürfe jenseits von 100 Metern geworden war. Sorge wegen Verwässerung hatte er nicht. „Es ist eine große Ehre, in seine Fußstapfen zu treten“, betont Øino, der sich selbst eine Windy SR40 kaufte und die 13 Meter im Sommer regelmäßig für schnelle Transfers nach Capri nutzt. Für die bislang vier Windy-Modelle, die an Linges schnörkellose Formensprache der 60er- und 70er-Jahre anknüpfen, deckte das Studio aus Monaco neben der Formgebung auch konstruktive Aufgaben wie Rumpfberechnungen ab.
Persönlich entfernte sich Espen Øino mit 17 Jahren von seiner Heimat. In der Normandie machte er sein Abitur und weiter südlich wegweisende Entdeckungen: „Die Côte d’Azur öffnete meine Augen für die Welt der Yachten.“ Dennoch ging es wieder in den Norden, an die University of Strathclyde im schottischen Glasgow, wo er sich für Naval Architecture einschrieb und statt Yachten trockenem Ingenieurwesen begegnete. Der Studiengang gab ihm jenes technische Rüstzeug mit, das zum Fundament für die rationale Aura wurde, die ihn umgibt. „Ingenieure neigen zu logischem Denken und zu Formen, die vollständige Funktionen erfüllen. Ich liebe es, zu zeichnen und in der Lage zu sein, meine und nicht nur willkürliche Formen zu schaffen“, sagt der Weltenverbinder, dem eine zutiefst geometrische Formsprache zum Durchbruch verhalf.
Mit gegebenen Mitteln für Aufsehen zu sorgen lautete der vermeintlich simple Auftrag von Charles Simonyi. Wieder greift der Wahlmonegasse zu einem Buch. Es erschien in kleiner Privatauflage und enthält einen Tagebucheintrag aus dem Jahr 1999, geschrieben während eines Flugs von Seattle nach London: „Ich habe C. S. auf seinem unglaublichen Grundstück am Lake Washington getroffen, und wir führten Gespräche über das, was bald als Projekt 9906 bekannt werden würde. Ich war verwirrt und fasziniert zugleich.“
In Kontakt mit Simonyi, dem Architekten von Excel und Word, brachte ihn dessen Microsoft-Kollege Paul Allen, der ihn zuvor für „Octopus“ verpflichtet hatte. Øino liest weiter: „Die bislang größte Herausforderung meiner beruflichen Karriere entwickelte sich zum unglaublichsten, interessantesten und herausragendsten Projekt. Das Endergebnis scheint nur wenige Menschen gleichgültig zurückzulassen, und das ist wohl das beste Kompliment für den Kunden und die Yacht.“ Gemeint ist die 71 Meter lange „Skat“, die Lürssen 2002 lieferte. Der ungarischstämmige Mathematiker benamste mit dem norwegischen Wort für Schatz, auch gebräuchlich als Kosename. Die militärisch anmutende Zahl am Heck stand für den sechsten Auftrag des jungen Espen Øino.
„Er war in Bezug auf das Design viel mutiger und hatte sehr genaue Vorstellungen. Ihm war daran gelegen, die Baumaterialien zu respektieren. Er sah nicht ein, auf das Formen und Pressen von Platten und Profilen Energie zu verwenden.“ Exemplarisch dafür steht der Wintergarten des achterlichen Oberdecks, der auf einer vertikalen Linie aufbaut, von deren Enden jeweils diagonale Linien abgehen und ein offenes gleichschenkliges Trapez bilden. Darin enthalten ist eine Kombination aus Erkerfenstern und Oberlichtern, wie sie derselbe Eigner für „Norn“ (90 m) und ein anderer für „Bold“ wünschte. Dass zur Messe mit der Admiral Armani 72m eine enge Interpretation nur wenige Meter querab liegt, erfüllt Øino mit Stolz.
Bereits vor „Skat“ hatte er ähnliche Erfahrungen mit Fenstern gemacht, die nach außen ragten, aber rund waren. Von „Echo“ (später „Katana“, „Enigma“ und derzeit „Zeus“) überblickte er als Projektmanager sämtliche technischen Aspekte während seiner Zeit bei Martin Francis. Der Brite fand Inspiration für die 75 Meter, die Blohm+Voss 1991 lieferte, in den konvexen Frontscheiben Pariser Linienbusse der 1970er-Jahre. Bei Francis hatte er 1986 mit anderer Intention angeheuert:
„Martin designte Segelyachten, und das wollte ich auch.“ Espen Øino zaubert einen „Echo“-Magazinbericht von anno 1992 herbei und betont, dass es immer noch eine der coolsten Yachten und eines der besten Designs sei.
Auf eigene Rechnung startete der Francis-Eleve 1994 mit einem Büro in Antibes durch, das später hinter den Yacht Club de Monaco wanderte. Nach nur vier Jahren Selbstständigkeit gewann er die Ausschreibung für Paul Allens legendären 126-Meter-Explorer „Octopus“. Mit sieben Kollegen stemmte er ein „ziemlich komplexes Projekt mit vielen Anforderungen“. Auf der Liste standen – wohlgemerkt, kurz vor der Jahrtausendwende – eine Handvoll Tender, ein Flugzeug, ein Hubschrauber und ein Auto. Das Flugzeug wurde durch einen zweiten Helikopter ersetzt, der auch im Hangar parkte. Dazu kamen Tauchboot, Aufnahmestudio und Eisklasse-Anforderungen. Dem blauen Riesen hat Øino viel zu verdanken: „Wir arbeiten momentan an einem 130-Meter-Design für einen Kunden, der ‚Octopus‘ liebt. Für ihn ist sie eine der zeitlosesten Yachten.“
Gelegenheiten, bei denen er seine Vielseitigkeit unter Beweis stellen konnte, gab es einige. Kundenwünschen sei Dank: „Von zehn sind ein oder zwei bereit, etwas wirklich anderes zu machen.“ Mit der 38 Meter langen „Shooting Star“ schoss 2011 ein Open-Format über die Seiten dieser Publikation. Im Bericht hieß es: „Das geschwungene Heck beweist klar die Øino-Handschrift.“ Rund? Der Norweger gestaltete in seiner frühen Phase bedeutend kurviger. Die Richtung gab sein erstes Projekt 9408 vor, mit dem er auf Kundenfang ging.
Guido Krass gefiel der Stil, der deutsche Unternehmer vergab aber zunächst ein Refit an Espen Øino. Sie wurden Freunde und 2003 zu Partnern bei der westaustralischen Werft Hanseatic Marine. Unter der Marke SilverYachts lief vier Jahre später „Silver“ (74 m) vom Stapel, sportlich in Aussehen und Vorankommen, aber effizient im Verbrauch pro Seemeile. Eine großformatige Foto-Reproduktion der Schwester „Silver Fast“ zeugt im Büro von der Verbundenheit zur Werft und zu Krass, für den Øino mit „Bold“ (85 m) wieder ein neues Kapitel aufschlug: ein Alu-Explorer, der zügig wie ökonomisch und mit dem Aussehen einer Korvette mit ausgedünntem Steven durch die See schneidet. Mit Silver Yachts ging es danach wieder auf ein neues Terrain. Krass und Øino konzipierten den SilverCat, einen 36 Meter langen Katamaran mit dem Volumen eines 50-Meter-Monohulls.
Heute steht das Studio für seine Dominanz auf dem 100-Meter-plus-Markt. „Der Mann fürs Große“ titelte BOOTE EXCLUSIV im Jahr 2014, als er schon 15 Mitarbeitende hatte. Seine Weissagung, dass es „nach ‚Azzam‘ sicher eine 200-Meter-Yacht geben wird“, traf zwar noch nicht ein, doch hat er gegenwärtig 14 Gigayachten auf seinem Konto und allein mit Lürssen insgesamt 26 Yachten realisiert. Und „REV Ocean“ bringt ihn als Ersten seiner Gilde nah an das unmöglich Geglaubte. Wobei die 195 Meter als Yacht und Forschungsschiff konzipiert sind. Øino brachte den Hybrid-Bau 2016 mit dem norwegischen Eigner auf den Weg und verortet ihn in seiner Special Projects Division, die der Italiener Andrea Bonini leitet. In seine Verantwortung fallen auch das Vermessungsboot „Ocean Mapper“ und die Linienfindung von zwei Expeditionsschiffen für Hurtigruten, die seit 2019 für HX fahren.
Von den Referenzen des Studios zeugte bis September 2025 noch keine vollwertige Webseite. Nutzer steckten auf einer Homepage fest. Bis hier und nicht weiter. Die Nichtpräsenz konnte auch als skandinavische Diskretion oder eine Form von Werbung verstanden werden. Darüber erzeugt manche Marke zusätzlichen Zauber. „Aber jetzt konzentrieren wir uns mehr auf Produktdesign und Serienboote wie die von Windy. Wir dachten, es sei an der Zeit, uns zu öffnen und einen anderen Markt anzusprechen, also nicht nur Personen, die hinter maßgeschneiderten Yachten stehen“, erklärt Øino, während er per Leinwandprojektion über seine Webseite führt.
Das Siegel von EØI ziert Außenmöbel von Paola Lenti oder Siebensee, Tauchboote von Triton, Carbon-Zubehör für Tender von Tecwire oder Ski für den Yacht Club de Monaco, eine Kollaboration mit Black Crows aus Chamonix. Die Unternehmenssparte für die besonderen Projekte agiert in zusätzlich angemieteten Büroräumen einige Meter Richtung Ufer, zu denen man während der MYS nur Zugang über einen behelfsmäßigen Messestand erhält. Diesen musste Øino anmieten, damit seine Mitarbeitenden während der Show an ihre Arbeitsplätze kamen.
Zum Team von Espen Øino International zählen 29 Personen aus neun Nationen, auch Deutsche. In die Räumlichkeiten auf der Mole ging es im Jahr 2016. Das Objekt stand leer, Øino – er ist seit 2006 Monegasse – hörte sich um, führte Gespräche und ergatterte einen Mietvertrag. Zum Standort sagt er: „Es ist am Ende des Docks, hier sind außerhalb der Messe nicht viele Menschen zu Fuß unterwegs. Für uns perfekt, denn es ist diskret. Wir haben erstaunliche Persönlichkeiten empfangen, allen gefiel es.“
Fotos von Interieurs wird es auf der neuen Internetseite nicht geben, schlicht aus dem Grund, dass die EØI-Equipe keine Innenräume ausgestaltet. Sehr wohl erstellen sie mit den GA-Plänen die Layouts und damit das elementare Gerüst – eine unabdingbare Projektvoraussetzung für den Gründer, der für Damen Yachting (Amels 60 und 80) und Benetti (LIFE, 85 m) auch den Semi-Custom-Markt bespielt. Im Zuge von offen und üppig gestalteten Außenbereichen beschäftigten Øino zwangsläufig auch Außenmöbel, über die er ein Interesse für Ergonomie und praktische Aspekte von Möbeln entwickelte: „Ich bin ein ziemlich aufmerksamer Mensch, in Hotels scanne ich sofort das Badezimmer daraufhin ab, ob alles an der richtigen Stelle ist. Alles dreht sich um Ergonomie. Ich bin von solchen Dingen geradezu besessen.“
Er sei schon immer der Meinung, dass sich das Leben an Bord einer Yacht die meiste Zeit draußen abspielt. Normalerweise würden die Wohnbereiche im Inneren viel zu wenig genutzt. Dennoch komme es ihm bei den großen Custom-Projekten auf die individuellen Nutzungsgewohnheiten an: „Kunden wissen oft besser, was sie nicht wollen. Es ist an mir, die richtigen Fragen zu stellen, ich versuche ihre Gedanken oder in ihren Augen zu lesen.“ Nicht verwunderlich, dass er in der frühen Phase für Präsentationen physische Treffen bevorzugt. „Wenn ihnen etwas nicht gefällt, trauen sich einige nicht, es zu sagen, aber man spürt es. Vor Ort kann ich schnell etwas skizzieren und nach ihren Wünschen abändern. So leisten sie einen Beitrag und haben das Gefühl, Teil davon zu sein“, so Øino, der nicht Designer genannt werden möchte, sondern sich als Ingenieur mit sehr logischer Denkweise sieht.
Auf die Frage hin, ob er jemals einen Auftrag nicht zu Ende gebracht habe, überlegt er kurz und verneint. „In einigen wenigen Fällen hatte ich im Vorfeld das Gefühl, dass wir keine Verbindung aufbauen konnten, und vermied die Zusammenarbeit.“ Es gehe ihm nicht um etwas Subjektives wie Schönheit. „Meine Aufgabe besteht vielmehr darin, die Kunden bei der Gestaltung ihres Bootes zu unterstützen.“
Besonders in Zeiten der Energiewende nimmt er eine wichtige Rolle als Berater für eine Klientel ein, die sich durchweg für zukunftssichere Designs interessiere: „Über alternative Kraftstoffe wird viel diskutiert, sei es Wasserstoff, Ammoniak oder LNG, und ob man diese in thermischen Verbrennungsmotoren verheizt oder ob man Brennstoffzellen mit Wasserstoff zur Stromerzeugung nutzt. Ich glaube, es ist noch völlig offen, wer dieses Rennen um das Null-Emissions-Ziel im Jahr 2050 gewinnen wird.“ Aus der nuklearen Option könnte eine Gelegenheit mit Øinos Konzept werden, das für 120 Meter zwei versiegelte Fünf-Megawatt-Mikroreaktoren vorsieht. Bei der Vorstellung zur MYS betonte er, dass es geleaste Module wären, damit Eigner und Crew nicht direkt mit Kernbrennstoffen zu tun hätten.
Stellt sich die Frage: Wie schafft es Espen Øino, mal nicht über Yachting nachzudenken, wann schaltet er ab? Im Sommer an Bord seiner Windy, im Winter beim Skifahren. Oder er reist nach Düsseldorf zur boot und nimmt den Preis für die SR40 als European Powerboat of the Year entgegen. Auf der Bühne stand dem Norweger eine jungenhafte Freude ins Gesicht geschrieben. Darüber, dass er nun ebenso erfolgreich mit kleinen Booten für die große Masse ist? Jan Herman Linge spielte sicher auch eine Rolle.

Stellvertretender Chefredakteur BOOTE EXCLUSIV