Und wieder ein Wochenende in der Saison an der wunderschönen Müritz. Heute sind da: der stets schlecht gelaunte Schnupsi, seine anglophile Frau Andrea, die alle die Wochenändi nennen, der elfjährige Klugscheißer Lenni und natürlich auch wieder Anni und Sven, die Neuen im Hafen mit ihrem geerbten Boot. Die machen bei einer Ausfahrt mit den anderen auf ihrer „Späten Liebe“ Bekanntschaft mit dem Feind in Form eines Segelboots. Aber der Reihe nach …
„Heute machen wir eine Ausfahrt mit eurer ‚Späten Liebe‘, und dann ankern wir, okay?“ Die Wochenändi wedelt mit einem Strohhut, als wäre sie Animateurin auf einem Kreuzfahrtschiff. „Zusammen is more fun!“
„Was für eine schöne Idee!“, freut sich Anni, während Sven die Augen verdreht. Gerade hat er noch zwei Patienten einer Zahnreinigung unterzogen. Weil die Wochenändi einfach seine Zahnarztdienste hier im Hafen mittels Aushang angeboten hat, das muss man sich mal vorstellen!
„Hallo!“ Da steht Lenni, die wandelnde Wikipedia. „Soll ich euch helfen? Ihr seid ja noch nicht so geübt. Meinen Eltern ist es recht.“ Ernst und wissend schaut er zu ihnen hoch. Sven weiß, was jetzt kommt. Lennis eingebaute KI meldet sich: „Effektives Üben erfordert mehr Regelmäßigkeit als reine Dauer. Für nachhaltiges Lernen empfiehlt sich, Inhalte nach einer Stunde, einem Tag, einer Woche und einem Monat zu wiederholen. Tägliches, fokussiertes Üben ist der Schlüssel zum Erfolg.“ Sven resigniert und sagt nur: „Da sagst du was.“ Und denkt im Stillen: Soll er halt machen.
Nachdem die Wochenändi und Schnupsi an Bord sind, bugsiert Lenni die „Späte Liebe“ aus dem Hafen. Schnupsi ist wie immer schlecht gelaunt; sein T-Shirt heute verkündet, dass er Lust auf ein Zwiebelmettbrötchen hat, aber zackig.
„Great, great!“, ruft die Wochenändi und klatscht mal wieder sinnfrei in die Hände. Da taucht – wie aus dem Nichts – ein ungefähr acht Meter langer Kleinkreuzer voraus auf. Elegant. Lautlos. Und nun dieser Blick des Menschen, der sich darauf befindet. Segler, so stellt Anni gerade fest, gucken ziemlich besonders. So ein Blick sagt: Ich nutze Naturkräfte. Du jedoch verbrennst fossile Ressourcen für Vorwärtsbewegung und Angstschweiß. Du Versager, du. Geh mir weg mit deinem Stinker. Mach Platz denen, die die See ehren! Wahrschau!
Der Segler kommt näher. Der Mann mit wettergegerbtem und bösem Gesicht steht am Rad und ruft: „Ihr habt mir den Wind genommen!“ Schnupsi ruft schlagfertig zurück: „Du fährst doch freiwillig langsam. Mit dem Lappen da am Schiff. Da musst du dich nicht beschweren, wenn’s nicht vorwärtsgeht.“ Der Segler wird rot vor Zorn. „Das ist nicht langsam, das ist effizient!“, kommt es empört zurück. „Mit Wind wäre es allerdings noch besser!“
„Segler sind so böse Menschen“, klagt die Wochenändi. „Sie mögen uns nicht. Sie behaupten, wir würden die ganze Zeit den Motor anlassen.“ Sven denkt kurz nach und sagt dann: „Das stimmt ja auch.“ Also wirklich.
Die Wochenändi ficht das alles nicht an. Sie ist voller Tatendrang und steht kurz darauf im Bikini da. „Lasst uns ankern und baden!“ Gesagt, getan. Anni und Sven springen ins Wasser. Es ist kühl, klar, perfekt. „Hier schreit wenigstens keiner. Und hier will auch niemand eine Prophylaxe. Ich bleibe am besten im kühlen Nass. Für immer“, raunt Sven seiner Frau theatralisch zu.
Anni hört gar nicht hin. Stattdessen ruft sie Lenni zu: „Was ist, komm auch ins Wasser!“ Doch: „Nein“, kommt es entschieden von der „Späten Liebe“. „Einer muss an Bord bleiben. Ihr habt wohl nicht den Film ‚Open Water 2‘ geguckt.“
Schnupsi nickt bestätigend. „Da springen alle ins Wasser und die Badeleiter ist nicht unten. Nicht schön. Die kommen nicht wieder an Bord.“ Anni wendet zwar ein, dass die Leiter der „Späten Liebe“ aber doch unten sei. Trotzdem. „Man weiß nie, was passiert“, entgegnet Lenni und klingt dabei fast verschwörerisch. Schnupsi lässt sich nun mit einer Taucherbrille und Schnorchel ins Wasser gleiten und kommt angepaddelt, dicht gefolgt von der Wochenändi. Er steckt sich den Schnorchel in den Mund und taucht ab. „Was gibt es denn hier zu sehen?“, fragt Anni. „Schnupsi hat Angst vor Fischen. Deswegen schaut er immer, ob auch bloß keine Fische im Wasser sind“, erklärt ihr die Wochenändi. „Ach so. Gibt es hier überhaupt Fische?“
„Na sicher“, kommt es – natürlich – von Lenni. „Die Müritz ist bekannt für ihren exzellenten Fischbestand mit über 50 Fischarten!“, ruft er von Bord. „Sie gilt als Paradies für Angler. Besonders häufig vertreten sind Barsch, Zander, Hecht, Aal, Wels und Karpfen. Auch die Kleine Maräne, ein silberglänzender Schwarmfisch, ist in der Region als Spezialität bekannt.“
Zurück an Bord gibt es Weißwein und man sitzt gemütlich zusammen, gemütlich auch deswegen, weil die Wochenändi ein Nickerchen macht. „He!“, kommt es da, und alle drehen sich um. Der zornige Segler ist wieder da. „Hier ankere ich normalerweise. Fort! Fort!“ Dann geht der Mann auf den Bug seines Bootes und kurze Zeit später fällt sein Anker ins Wasser.
„Motorboote sollten verboten werden“, giftet er und zieht sich bis auf die Badehose aus, um dann in die Müritz zu hüpfen. „Ups.“ Die Wochenändi ist wach und klatscht ausnahmsweise mal nicht in die Hände. „Er hat die Badeleiter nicht ausgeklappt.“
Auch der Segler bemerkt kurz darauf seinen Fehler. „Hilfäää! Ich brauche Hiiiilfäää!“ Das lässt sich Schnupsi nicht entgehen. Böse ruft er: „Ach, von uns? Ich denke, Motorboote sollten verboten werden!“ Der Mann beschwichtigt: „Nein, natürlich nicht. So war das doch gar nicht gemeint. Motorboote sind total wichtig. Könnt ihr jetzt bitte …“ Sven will schon aufstehen, wird aber von Lenni zurückgehalten. „Wie wichtig sind denn Motorboote?“, fragt der Junge den Segler, der aufgeregt hin- und herschwimmt. „Sind die wichtiger als Segelboote?“ Der Mann kann einem fast leidtun. „Natürlich!“, kommt es zurück. „Sicher. Viel wichtiger.“ Bevor das so weitergeht, ruft Anni energisch: „Es reicht, jetzt helft ihm hoch!“
Schnupsi grummelt zwar noch ein wenig, klappt die Badeleiter der „Späten Liebe“ aber aus, und der Segler kommt an Bord. „Danke“, sagt er glücklich, „ihr habt mein Leben gerettet.“ – „Ja, wir sind ja auch die GmbH!“, ruft die Wochenändi fröhlich. „Sie meint DLRG“, erklärt Schnupsi.
„Nun denn, wer hat Lust auf einen schönen Wein? Wir müssen doch unsere neue Segler-Motorboot-Freundschaft feiern. Du kannst übrigens von Glück sagen, dass ich mein spezielles T-Shirt nicht anhabe“, sagt er zum Geretteten, der sich als „Toddy der Ältere“ vorstellt. „Ach, was steht denn da drauf?“, fragt er.
„Ich mach Hackfleisch aus dir“, sagt Schnupsi. Und bevor Lenni anfängt, über die korrekte Herstellung von Hack zu referieren, hebt er sein Glas: „Noch mal Glück gehabt – prost!“
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