„Wir wollten nicht den richtigen Augenblick verpassen.“ Für Karin Heijboer und ihren Lebenspartner Bart Mornout, beide 60 Jahre alt, hat im April ein neues Kapitel begonnen. Nach weit über zwei Jahrzehnten, in denen sie als Segler in Zeeland im Süden der Niederlande unterwegs waren, haben sie sich als vierte Yacht nun ein stählernes Motorboot bauen lassen. Direkt nach der Übernahme traten sie mit ihrer neuen „Dirk Pitt“ die erste Reise über die Kanäle Südhollands an. Dem großen Schnitt waren drei Jahre vorausgegangen, in denen sich das Paar der Entscheidung schrittweise genähert hatte. „Wir haben im Hafen Nachbarn gesehen, die zu lange gewartet haben und für den Umstieg irgendwann zu alt oder zu krank waren“, erklärt Heijboer. Das wollten sie besser machen.
Beide bekennen, dass auch ihre eigene Gesundheit nicht besser wird und ihnen die körperliche Belastung des Segelsports zu schaffen macht. Nicht umsonst hatten sie vor wenigen Jahren noch ein neues, kleineres Vorsegel angeschafft, weil der Eignerin die Kraft schwand. Der Verzicht auf Rigg und Trimmleinen ist für sie selbst keine Kapitulation, sondern eine rechtzeitige Vorsorgeentscheidung. Sie haben sich weniger gegen das Segeln entschieden als vielmehr für neue Optionen und Horizonte. Mehrmals bereits hatten sie in den letzten Jahren Motorboote gechartert, um „die andere Seite“ kennenzulernen, etwa in Friesland, Frankreich oder auf der Müritz. Schon dabei entdeckten sie passende Bootstypen und schlossen andere systematisch für sich aus. Dann folgten die obligatorischen Besuche auf Bootsmessen, Gespräche mit erfahrenen Motorbooteignern und erste Werftbesuche.
Besonders wichtig waren vor allem zwei Faktoren: die lichte Brückenhöhe des künftigen Boots und eine offene Bauweise. Bart träumt von einer Reise durch Frankreich bis ins Mittelmeer, Karin zieht es gen Dänemark. Und auch für die holländischen Flüsse und Kanäle mit ihren unzähligen Brücken sind voluminöse Modelle mit hohen Aufbauten oder gar mehreren Decks untauglich. Zugleich wünschten sie sich ein Boot, auf dem das Leben tagsüber an Deck stattfinden kann. „Wir wollen aufs Wasser schauen, nicht darüber hinweg“, so Bart Mornout. Wetter, Wasser und die Umgebung sollten unmittelbar erlebbar bleiben. Alles so wie auf einer Segelyacht. Das perfekte Boot fanden sie dann in Ter Aar, einem kleinen Ort zwischen Gouda und Amsterdam, bei der Werft Vedette Jachtbouw, die in Semi-Custom-Kleinserien Stahlmotoryachten fertigt.
Das Paar hatte erst vergleichsweise spät zum Segelsport gefunden. Mit Mitte dreißig war nach Jahren harter und langer Arbeit eine Korrektur der Prioritäten im Leben fällig. „Wir haben beide 60 Stunden pro Woche gearbeitet, auch an den Wochenenden.“ Sie merkten, dass sie einen Ausgleich brauchten. Beinahe wäre es statt des ersten Segelboots ein Häuschen in Portugal geworden, am Ende machte aber doch eine kleine Comet das Rennen, die damals nur wenige Kilometer vom Wohnort entfernt lag.
Für die neue Lebensplanung fehlte allerdings ein entscheidendes Detail: Ahnung vom Segeln. Nach drei intensiven Wochen Segeltrainings war auch das erledigt, und das Leben auf dem Wasser begann. Nach der Comet nannten sie eine Saison lang eine Etap 28 ihr Eigen, anschließend eine Sun Odyssey 32 und zuletzt eine Catalina 375. Diese war zum Zeitpunkt des Kaufs praktisch ein Neuschiff, der deutsche Händler hatte sie in der Wirtschaftskrise 2008 nur kurz selber genutzt und dann weitergegeben. Vom Heimathafen Bruinisse am Grevelingen aus unternahm das Paar kurze Reisen, blieb meist binnen in Zeeland. Der Genuss der Freizeit auf dem Wasser war ihnen immer wichtiger als der lange Schlag über die Nordsee. Sie waren fast jedes Wochenende auf dem Boot, inklusive der Sommerurlaube.
„Wenn wir weiterhin segeln würden, hätten wir dieses Boot nie verkauft“, sagt die Software-Expertin. „Aber wir haben uns entschieden und sind diesen Weg jetzt gegangen.“ Dennoch blieben beim Verkauf im Herbst 2025 nicht alle Augen trocken.
Nur ein halbes Jahr später begann das neue Kapitel: Kurz vor Ostern übernahmen sie die „Dirk Pitt“, eine Vedette Cabin Classic Line 41. Einen Tag nach der Taufe, an dem die üblichen kleinen Verbesserungen erledigt wurden, begann die erste einwöchige Reise – und gleichzeitig die Eingewöhnungsphase in einen veränderten Lebensstil auf dem Wasser.
Auch wenn „die Neue“ sich wie ein Segelboot anfühlen sollte, sind die Unterschiede doch enorm. „Es ist einfach alles auf dem Schiff. Wir brauchen keinen Landstrom, wir duschen an Bord, es gibt jederzeit Warmwasser, wir kochen mit Strom, der jederzeit verfügbar ist“, so Bart Mornout. „Das Boot ist konsequent auf Komfort ausgelegt.“ Auf den Segelyachten – die letzte war über einen halben Meter kürzer – war unter Deck fast alles enger, kleiner, reduzierter. Der Steuermann sitzt, anstatt zu stehen, und müsse im Manöver nicht mehr die Seiten wechseln, schmunzelt der Eigner.
Auch der Revierwechsel sei ein spürbarer Einschnitt – allerdings ein gewollter. „Wir sind nicht mehr auf den großen Meeren und den Mündungsarmen des Deltas unterwegs, sondern auf Flüssen und Kanälen“, ergänzt Karin Heijboer. Hier steht gemütliches Cruising im Vordergrund. Dies bedeute aber auch mehr vorausschauende Planung mit Blick auf die Bedienzeiten von Schleusen und die Durchfahrthöhen der Brücken. Das Funkgerät sei plötzlich das wichtigste Instrument an Bord.
Ein weiterer Unterschied ist die spürbar vorgezogene Position des Steuermanns: „Hinten ist mehr Boot, und es dreht anders als unsere Segelyacht“, berichtet Mornout. Die Investition in eine Heck-Kamera habe sich schon ausgezahlt. Gerade im Wartebereich vor Brücken. „Ich habe ständig im Blick, was achteraus passiert.“
Beim ersten Besuch an Bord, keine Woche nach der Übergabe, zeigen sich die Eigner in jeder Hinsicht zufrieden und glücklich. Sie sind eindeutig angekommen. Der Weg dorthin war ebenfalls ein neues Erlebnis. „Wir mussten so unglaublich viele Entscheidungen treffen“, lacht Karin Heijboer. Die Wahlfreiheit der Eigner im Semi-Custom-Bootsbau kann mitunter fast schon zur Qual werden.
Die Vedette-Werft baut in Kleinstserie und bietet ihren Kunden größtmögliche Mitsprache in jedem Detail, von der Position und Form der Aufbaufenster über die Lage und Anzahl der Decksluken, das Holz und die Farbe des Innenausbaus, die Polster und Vorhänge bis hin zur Form und Größe der Pantryzeile oder dem Abfluss der Dusche. Selbst die Seite des Steuerstands ist Eignerentscheidung oder die Auswahl und Anordnung der Instrumente auf dem Armaturenbrett. „Hier haben wir uns auf das Wesentliche konzentriert“, erklärt Heijboer, „und das Design habe ich dann zu Hause am PC festgelegt“.
Genau diese Möglichkeit, das Boot von vorne bis hinten auf den eigenen Geschmack und die eigenen Bedürfnisse hin zu konfigurieren, war auch der Grund, kein Gebrauchtboot zu kaufen. „Die Preisunterschiede sind eher gering“, insbesondere wenn man die Refit-Kosten für eine Anpassung an die eigenen Bedürfnisse mit betrachte, so Mornout. „Dieses Boot ist jetzt in jedem Detail unser Boot.“
Tatsächlich sind unzählige Eignerwünsche in den Bau der „Dirk Pitt“ eingeflossen. Am augenscheinlichsten im Salon: Erst stand ein Ausbau in Teak im Raum, der aber angesichts eines Aufpreises von 18.000 Euro doch zugunsten von Eiche mit einer Teak-ähnlichen Farbnuance verworfen wurde. Im Cockpit sind große, tiefe Staufächer mit Holztüren vorgesehen. Die neuen Eigner haben sich abweichend Schubladen gewünscht und bekommen. Die Gästekabine hat nur eine Einzelkoje, dafür mehr Stau- und Stehraum. Auf anderen Modellen sind dort Stockbetten.
Oberhalb der Pantryzeile hatte sich die Eignerin ein Ablagebord auf Augenhöhe gewünscht. Mit oder ohne Schlingerleiste? Wie breit? Wie dick? Wie hoch? Und auf der anderen Seite? So vielfältig und knifflig die vielen Individualentscheidungen auch gewesen sein mögen: sie haben dazu geführt, dass die Käufer ihr Schiff schon bei der Übergabe bis ins letzte Detail kannten.
Das besondere Augenmerk von Bart Mornout galt dem Bereich unter dem Cockpitboden. Der Motorraum gleicht einem Ballsaal. Neben dem überdimensionierten 110 PS starken Common-Rail-Aggregat von Yanmar haben hier Generator, Boiler, eine Batteriebank mit 4 mal 210 Amperestunden, ein Inverter und ein Feuerlösch-Automat mehr Platz als nötig.
„Wir haben bewusst Raum gelassen für eine Schwarzwasser-Aufbereitungsanlage, wenn sich die verfügbaren Systeme als zuverlässig erwiesen haben.“ Der Eigner ist vom Fach: Der gelernte Schiffbauingenieur ist als Projektmanager und Gutachter tätig. Er trifft, anders als viele andere Kunden, Entscheidungen nicht primär aus dem Bauch heraus, sondern bleibt rational, gerade was Technik, Stabilität, Qualität und Fragen des Werterhalts angeht. So sieht er auch die überschaubare Anzahl nötiger Nachbesserungen gelassen. Tatsächlich ist es nicht viel. Kleine Unebenheiten zwischen den Bodenbrettern, ein falsch angeschlossenes Kabel, Türscharniere müssen nachgestellt werden, und wenn der kurze Antennenmast umgeklappt liegt, fährt der Autopilot Schlangenlinien.
Viel mehr Überlegungen fließen in die Nutzung der Technik. Als Segler einer Elf-Meter-Yacht ist das Paar Annehmlichkeiten wie Generator, Inverter oder Solarstrom nicht gewohnt. Heijboer: „Wenn ich den Herd einschalte, startet der Generator, obwohl die Batteriekapazität voll ausreichen würde. Hier müssen wir noch dazulernen und die Einstellungen auf unsere Bedürfnisse optimieren.“ Andere Annehmlichkeiten wie der Elektro-Ofen oder die Wasch-Trocken-Kombi, die in der Pantryzeile neben dem riesigen Kühlschrank steht, wurden noch nicht ausprobiert.
Nach dem Ende der ersten Rundfahrt zwischen Ter Aar, Alphen aan den Rijn, Haarlem und Amsterdam ging es zurück zur Werft, um genau solche Details zu lösen, die 25-Stunden-Inspektion am Motor machen zu lassen und die letzten fehlenden Teile an Bord zu nehmen. Das maßgeformte Solarpaneel kam ebenso zu spät wie die Edelstahl-Endkappe einer Scheuerleine unten am Rumpf.
Gedanken machen sich die Eigner, die in drei Jahren in den Ruhestand gehen wollen, nun über die langfristige Törnplanung. Sie wollen periodenweise an Bord leben. Die Größe und Anzahl der Schränke, Schapps und Stauflächen an Bord sind bewusst dafür gewählt. Sowohl die Dänische Südsee als auch die französische Mittelmeerküste stehen auf der Wunschliste für künftige ausgedehnte Reisen.
Vorher aber, noch 2026, ist Brüssel das Ziel der ersten Urlaubsreise, von Willemstad durchs Maasdelta nach Antwerpen und weiter über die Kanäle. „Beim Segeln steht immer das Segeln selbst im Vordergrund, es ist sportlicher und wir sind oft einfach nur losgesegelt. Das ist jetzt anders“, weiß Bart Mornout. „Mit dem Motorboot besucht man das Land, die Umgebung und attraktive Städte. Wir wollen Fahrräder kaufen und an Bord stauen.“ Nicht umsonst verbaut die Werft eine große Fahrradgarage unter der achteren Cockpitducht.
Der Verzicht auf den Segelspaß wird durch einen größeren Aktionsradius kompensiert. Die Region Overijssel etwa ist für Segelboote praktisch nicht erschlossen. Ähnliches gilt für die unzähligen Kanäle in Süd- und Nordholland jenseits der Staande Mastroute. Perfekte Reviere hingegen für die neue „Dirk Pitt“. Im Kennenlernjahr werden an den Wochenenden Törns auf der Maas im Biesbosch, nach Dordrecht, über die Oude Maas, in den Haringvliet anstehen – oder der Besuch alter Liegeplatznachbarn in Bruinisse.
Selbst wenn viele Einblicke noch fehlen, sind die Eigner mit ihrer Entscheidung restlos glücklich. Sie tauschen Sportlichkeit gegen einen enormen Zugewinn an Komfort. Seesegeln gegen die Möglichkeit, weit ins Landesinnere vorzudringen.
Der schwerste Moment, so Karin Heijboer, war die Unterschrift unter dem Kaufvertrag. Von dort an sei die Trennung vom Segeln besiegelt gewesen. Desgleichen der Abschied von den offenen Gewässern der Deltaregion und, last but not least, der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Die lange Lieferzeit von 12 bis 15 Monaten habe die gemischten Gefühle in der „Trennungsphase“ verstärkt. Aber: „Wir sind 24 Jahre lang gesegelt. Wenn wir jetzt noch 24 Jahre Motorboot fahren, geht unser Plan wunderbar auf.“
Eines vermisst jedoch insbesondere der Ex-Segler: „Wir sind mit der Segelyacht meist früh aus dem Hafen, kaum Boote um uns herum. Der schönste Moment war immer, wenn die Segel oben waren und der Motor ausging, man nur noch Seevögel und die Schafe auf dem Deich hörte.“ Ganz gleich, wie viel Mühe und Material Vedette in die Isolierung ihrer Schiffe und vor allem Motorräume steckt – diesen Moment der Ruhe werden die Neu-Motorbootfahrer den Seglern immer neiden.

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