Christian Tiedt
· 15.06.2026
Angelehnt an die Antike hatte das 19. Jahrhundert eine Schwäche für Frauengestalten, die große Begriffe personifizierten: Victoria etwa, die Göttin des Sieges. Oder Germania als mythisches Sinnbild Deutschlands. Auch das Bronzerelief über dem Eingang des Leuchtturms Kiel-Holtenau zwei solche Figuren: Nordsee und Ostsee, dargestellt durch Meerjungfrauen, die sich die Hände reichten. Sie symbolisierten die Verbindung der beiden Meere durch den neuen Kaiser-Wilhelm-Kanal. Denn der Turm war nicht nur Seezeichen. Er war auch “Schlussstein” des Jahrhundertbauwerks - und Denkmal.
Der Grundstein für dieses Jahrhundertbauwerk war 1887 von Kaiser Wilhelm I. im Fundament des Leuchtturms gelegt worden, in der Eingangshalle erinnert noch heute eine polierte Platte im Geist der Zeit an die Motive für den Kanalbau: “Zur Ehre Deutschlands, zu seinem immerwährenden Wohle, zur Größe und Macht des Reiches.”
Ein wirtschaftlicher Erfolg wurde die künstliche Wasserstraße, heute ist sie die meistbefahrene der Welt. Aber auch militärische Überlegungen spielten bereits eine große Rolle. Und sie wurden ständig wichtiger. Besonders in den Überlegungen Wilhelms II., dem Enkel des Begründern, der bei der Fertigstellung 1895 bereits im siebten Jahr regierte und für Deutschland einen “Platz an der Sonne” beanspruchte, abgesichert durch Seemacht.
Den Akt der Eröffnung dokumentiert eine zweite Tafel ebenso wie die globalen Ansprüche des jungen Kaisers: “Kaiser Wilhelm II. vollzog die Weihe des Nord-Ostsee-Kanals und übergab ihm den Weltverkehr am 21. Juni 1895”. Interessantes Detail: Bei seiner Eröffnung hieß der Kanal tatsächlich so wie heute - nach dem Großvater des Monarchen wurde er erst am folgenden Tag bekannt.
Gemessen an so viel Gedenken ist die praktische Rolle des Leuchtturms Kiel-Holtenau wohltuend profan: Gemeinsam mit anderen Leuchtfeuern bezeichnet eine der beiden Zufahrten des Nord-Ostsee-Kanals, in diesem Fall das nördliche Ufer an seinem Übergang zur Ostsee. Und das tut er seit seiner Indienststellung am Tag der Kanaleröffnung bis heute.
Die klassische Form mit seiner aufwändigen Backsteinfassade, 1995 zum 100. Jubiläum umfassend renoviert, machen ihn zu einem der markantesten Leuchtturme Deutschlands. Seine Rolle als Denkmal zweier Kaiser ist dagegen nicht mehr von höherer Bedeutung - so wie die einst hochtrabenden Ziele der Monarchen selbst.

Ressortleiter Reise
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