ReiseDie Uckermark – Die Obere Havel bis Fürstenberg und das Lychener Seenkreuz

Jill Grigoleit

 · 16.08.2024

Eile ist hier fehl am Platz: Erzwungene Pause vor der Schleuse Schorfheide. Bei einer Reise durch die Uckermark empfiehlt es sich, genügend Lesestoff mitzunehmen. Handynetz sucht man hier abschnittsweise vergeblich
Foto: Christian Tiedt
Eine Woche lang sind wir mit einer Linssen Grand Sturdy 35.0 AC unterwegs in der Uckermark. Der komfortable Stahlverdränger gehört zur Flotte von East West Charter. Von der Basis in der Marina Zehdenick am Prerauer Stich aus geht es flussaufwärts. Wir erkunden die Obere Havel und ihre Nebengewässer, das nach sieben Jahren Bauzeit an der Schleuse Kannenburg endlich wieder zugängliche Templiner Gewässer und das Lychener Seenkreuz im Nordosten Brandenburgs. Im Nordwesten statten wir mit Fürstenberg dem „Tor zur Mecklenburger Seenplatte“ einen kurzen Besuch ab.

Die Obere Havel: Unberührte Natur wohin das Auge blickt

Vor der Schleuse Schorfheide machen wir wegen einer Baustellensperrung eine etwas längere Mittagspause an der Wartestelle. Das Handy zeigt null Balken an und auch der WLAN-Cube an Bord sucht vergeblich nach Netz. Die vielen weißen Flecken auf der uckermärkischen Landkarte zwingen einen gerade zu zur Entschleunigung.

Doch nach knapp zwei Stunden geht plötzlich alles ganz schnell. Innerhalb von Minuten sind die schweren Geräte beseitigt und die Signalstelle schaltet um auf „Schleuse wird vorbereitet“. Vor uns liegt der wohl schönste schiffbare Gewässerabschnitt des Nordostens. Schlaufe um Schlaufe schlängelt sich der Fluss hier über 30 Kilometer durch dichten Wald und unberührte Landschaft. Große weiß-gelbe Teppiche aus See- und Teichrosen bedecken das klare Wasser am Ufer. Bei dem natürlichen Verlauf vergisst man, dass man sich auf einer ausgebauten Wasserstraße befindet, so unsichtbar sind die Uferbefestigungen hinter Schilf und Blattwerk. Unterbrochen wird unsere Fahrt lediglich von den beiden verschlafenen Schleusen Zaaren und Regow mitten im Grünen. Wir betätigen den Selbstbedienungshebel und warten auf das Öffnen der Schleusentore. Keine Menschenseele weit und breit. In Regow wird die Stille durch das Meckern zotteliger Ziegen durchbrochen, die uns neugierig vom Zaun aus beäugen. Der Capriolenhof (www.capriolenhof.de) direkt an der Schleuse bietet Ziegenkäse in allen möglichen Variationen an. Doch leider ist der Hofladen nur am Wochenende geöffnet. Nach herrlich entspannten drei Stunden durch die Natur erreichen wir Bredereiche und damit gefühlt wieder die Zivilisation.

Fürstenberg: Das Tor zur Mecklenburgischen Kleinseenplatte

Wir überqueren den Stolpsee und steuern mit Fürstenberg den nordwestlichsten Punkt unseres Törns an. „Deutschlands einzige Wasserstadt“ ist umschlungen von der Havel und malerisch gelegen auf drei Inseln zwischen Röblinsee, Baalensee und Schwedtsee. Ab hier, wo das Brandenburgische in das Mecklenburgische übergeht, beginnt die Mecklenburgische Kleinseenplatte. Für uns ist hier der nordwestlichste Punkt dieses Törns erreicht.


Lesen Sie hier unseren Törnbericht Mecklenburgische Kleinseenplatte – Goldene Zeiten

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Zu allen Seiten ist das kleine Städtchen umgeben von kristallklaren Badeseen und ursprünglichen Wäldern. Kein Wunder, dass die Gegend besonders bei Wassertouristen hoch im Kurs steht. Die kleine Stadt profitiert von seiner einzigartigen Lage. Nur 80 Kilometer nördlich von Berlin gelegen, bietet sie für viele Großstädter die ideale Ausgangsbasis für Natur- und Erlebnisurlaube. Abgesehen vom Marktplatzensemble mit der neogotischen Stadtkirche gibt es aber in der Stadt selbst nicht viel zu sehen. Gegenüber der Stadt, am nordöstlichen Ufer des Schwedtsees, befindet sich die Gedenkstätte des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück. Ein bedrückender Ort und finsterer Kontrast in der so unschuldig scheinenden Natur. (Informationen und Öffnungszeiten: www.ravensbrueck.de)

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Am nächsten Tag starten wir wieder in Richtung Osten um das nordöstlich liegende Lychener Seenkreuz zu erkunden. Unser nächstes Etappenziel ist das kleine Örtchen Himmelpfort, wo das Lychener Gewässer vom Stolpsee abzweigt. Bei der Überquerung des Stolpsees frischt der Wind auf - eine sichtliche Herausforderung für die Besatzungen dreier Hausboote, die bei unserer Ankunft an der Wartestelle versuchen, ihre Flöße unbeschadet durch die schmale Brückendurchfahrt zur Schleuse zu manövrieren. Wir machen am Anforderungshebel fest und warten die Gegenschleusung ab. Wer dem Weihnachtspostamt, für das das kleine Klosterörtchen bekannt ist, einen Besuch abstatten möchte, kann an der gegenüberliegenden Seite am Anleger festmachen. Für Kurzlieger über 6 Meter kostet das Anlegen hier pauschal 5 Euro. Wer über Nacht bleiben möchte, zahlt 2,50 Euro pro Meter. Bezahlt wird über bereit liegende Formulare und einen Briefkasten an den Sanitäranlagen.

Briefe an den Weihnachtsmann

Apropos Briefkasten: Vor 40 Jahren trafen in Himmelpfort, damals noch DDR, erstmals zwei Briefe von Kindern an den Weihnachtsmann ein und wurden durch eine Mitarbeiterin des Postamts beantwortet. Seitdem hat die Zahl der Wunschzettel im Briefkasten stetig zugenommen, so dass die Deutsche Post seit 1995 Mitarbeiter zur Beantwortung der Briefe einstellte. Im Jahr 2020 waren es bereits 320.000 Zuschriften aus rund 78 Ländern. Ein Abstecher in die „Schreibstube des Weihnachtsmanns“ ist vor allem im Sommer ein skurriles Erlebnis.

Die Straßenbrücke unmittelbar vor der Schleuse in Himmelpfort ist in der Karte mit einer Durchfahrtshöhe von 3,60 Meter angegeben. Besorgt versuchen wir die Höhe unseres Verdecks abzuschätzen. Doch ein Entgegenkommer scheint höher zu sein. Wir wagen es und tasten uns langsam heran. Im Notfall zurücksetzen und Verdeck legen. Mit gelegtem Mast gleiten wir im Schneckentempo unter der Brücke hindurch und atmen erleichtert auf: Knapp 15 Zentimeter Luft liegen zwischen Persenning und Betondecke. Nach der Überquerung des Haussees liegt mit der Woblitz, die den Haussee mit dem Großen Lychensee verbindet, ein weiteres Highlight der Route vor uns.

In engen Kurven windet sich der Fluss durch dicht bewaldete steile Hänge. Ab und zu blitzt die Sonne durch das dichte Blattwerk über uns.

Bei Flusskilometer 4 fordert ein Schild dazu auf, einen Signalton abzugeben. Vor uns liegt eine uneinsichtige S-Kurve und entgegenkommende Fahrgastschiffe sind keine Seltenheit. In unserem Fall schallt uns allerdings keine Antwort aus dem Wald entgegen. Nach drei Kilometern lichtet sich der Wald und die Woblitz öffnet sich zum Lychener See.

Lychen: Flößertradition und modernes Hafenambiente

Der Lychener Stadthafen hat erst im Sommer 2023 neu eröffnet. Mit viel Liebe zum Detail hat der neue Betreiber ein modernes maritimes Ambiente geschaffen, das zum Verweilen einlädt. In dem mit Holz verkleideten Containerbau werden außergewöhnliche Burgerkreationen und Pinsa, Kuchen und regionale Produkte angeboten. Die Dachterrasse lädt zu einem Sundowner und zur Verköstigung des Lychener Gins ein. Kurz nach unserem Törn erfahren wir vom derzeitigen Betreiber allerdings, dass er schon zum Ende des Jahres wieder aufgeben muss. Die Nachfolge ist noch nicht geklärt.

Die Flößerstadt Lychen liegt eingebettet zwischen sieben Seen. An vielen Stellen finden sich Spuren des Flößerhandwerks, das über Jahrhunderte die Region prägte. Die Waldbesitzer nutzten den Wasserweg, um das Holz in die umliegenden Sägewerke zu transportieren. Die Holzstämme wurden auf teilweise bis zu 200 Meter langen aneinander gekoppelten Floßverbänden bis nach Berlin und Hamburg transportiert. Das letzte Floß verließ Lychen 1968. Doch der Verein Lychener Flößer lässt die Tradition im Flößereimuseum und beim alljährlichen Flößerfest am ersten Augustwochenende wieder aufleben. Sehenswert sind außerdem die mittelalterliche Stadtbefestigung und die frühgotische Pfarrkirche St. Johannis aus dem 13. Jahrhundert. Stolz sind die Lychener außerdem auf den Erfinder der “Pinne”, der hier lebte. Allerdings handelt es sich hier nicht um die Pinne zum Steuern eines Bootes, sondern um die Reißzwecke. Angeblich verkaufte der Uhrmacher Johann Kirsten die Erfindung einst aus Geldnot an einen Fabrikanten, der dann damit reich wurde. Ob es diesen Johann Kirsten wirklich gab und ob er hier wohnte, ist inzwischen umstritten. Sicher ist: Der Lychener Otto Lindstedt ließ sich die Pinne 1904 patentieren.

Am nächsten Tag machen wir uns auf den Rückweg. Vor uns liegen 45 Kilometer und 5 Schleusen. Als wir Himmelpfort passieren setzt Regen ein und bei der Überquerung des Stolpsees kommen erstmals auf unserer Reise die Scheibenwischer zum Einsatz. Am westlichen Ende des Sees ziehen dunkle Wolken auf und in der Ferne hören wir Donnergrollen. Auf den letzten Kilometern zeigt sich uns die Uckermark nochmal von ihrer nicht ganz so stillen Seite. Doch nach so viel Entschleunigung kann uns nichts mehr aus der Ruhe bringen.

Jill Grigoleit

Jill Grigoleit

Redakteurin Reise

Jill Grigoleit lebte zehn Jahre mit ihrer Familie auf einem Hausboot im eigenen Hafen südlich von Hamburg und schrieb ein Buch über den Hausbootbau und das Leben mit Kindern auf dem Wasser. Seit 2020 schreibt sie vor allem Reisereportagen und Revierporträts für YACHT und BOOTE und konnte damit ihre zwei großen Leidenschaften zum Beruf machen: Reisen und darüber schreiben. Seit Januar 2024 gehört sie fest zum Team des Reiseressorts der Wassersportredaktion von Delius Klasing. Seither sammelt sie in den verschiedensten Regionen Reviertipps und Geschichten über Menschen, die am und auf dem Wasser leben - von der Mecklenburgischen Seenplatte über die bretonische Küste bis ins kanadische Ontario.

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