TschechienBewegende Fluten - Die Moldau oberhalb von Prag

Christian Tiedt

 · 11.01.2026

Der historische Seitenraddampfer „Vltava“ kurz vor dem Zwischenstopp in Štěchovice. Das Ausflugsschiff ist auf dem Rückweg von Slapy nach Prag.
Foto: Christian Tiedt
Die Strecke oberhalb Prags steht im Mittelpunkt dieses Chartertörns – jener Abschnitt, auf dem der Strom eine erstaunliche Verwandlung durchmacht.

​Kein anderer Strom Europas wandelt sein Angesicht so schnell wie die Moldau. Vltava heißt sie auf Tschechisch, was zu früherer Zeit einmal so viel wie „wildes Wasser“ bedeutete. Ihre Verwandlung ist eindrucksvoll: Eben noch winden sich die Fluten im Schatten durch tief in die Landschaft geschnittene Schleifen, dann öffnet sich das Panorama und der Fluss wird immer stattlicher, um gerade einmal dreißig Kilometer später in herrschaftlicher Pracht unter den Bögen der Karlsbrücke das goldene Prag zu durchqueren.

Musikalische Begleitung

Ein bewegender Anblick, heute wie damals. Einer von jenen, den die verschiedenen Gesichter der Moldau berührten, war Bedřich Smetana. Gleichzeitig gehörte der 1824 geborene Komponist zu den wenigen, die dieser romantischen Empfindung künstlerisch Ausdruck verleihen konnten. In Zeiten des auch in Böhmen aufflammenden Nationalgefühls setzte er dem Strom mit seiner Sinfonie „Vltava“ sein eigenes Klangdenkmal.

In acht Abschnitten folgt „Die Moldau“ dem Lauf musikalisch von ihrem Ursprung bis nach Prag, zeichnet die Wandlung in wechselnden Tonarten und Tempi nach. Die Notenreihen fließen wie das Wasser dahin, spielend, wogend, strömend. Eine zeitlose Wellenmelodie. Vor 150 Jahren wurde sie in Prag uraufgeführt, auf der Sophieninsel. Smetana selbst war erst kurz zuvor vollständig ertaubt. Doch die Begeisterung des Publikums konnte er an den Gesichtern ablesen. Seine musikalische Dichtung machte den Fluss seiner Heimat weltberühmt.

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Törnstart am Vyšehrad

Unsere Reise auf der Moldau beginnt, wo Smetanas monumental endete: unterhalb der wuchtigen Mauern des Vyšehrad, der Prager Hochburg. Der Legende nach sollen von hier aus die ersten böhmischen Fürsten geherrscht haben. Sie legten den Grundstein für eine bewegte Geschichte, die nach früher Blüte zwar lange unter fremder Herrschaft verlief, aber schließlich zu einem unabhängigen Tschechien im Herzen Europas führte.

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​Zu Füßen des frühmittelalterlichen Walls liegt der Podolský přístav am rechten Ufer: Das Becken des Schutzhafens im Stadtteil Podolí beherbergt die Stege des Český Yacht Klubs und des TJ Tatran – und am Letzteren wartet auch unser Boot auf uns für die kommende Woche: eine edle Linssen Gr and Sturdy 40.0 AC von Bohemia Yacht Charter Prague. „Miss Elly“ passt nicht nur optisch zum gediegenen Umfeld, sondern ist auch bestens ausgestattet.

Der Oberlauf der Moldau

Wir beschließen, dass es für uns diesmal zunächst nach Süden gehen wird, um dann stromab zurückzukehren, den Wandel der Moldau wie bei Smetana zu erleben, in Prag einen ganzen Tag einzulegen und dann noch weiterzufahren, wo der Strom „in der Ferne entschwindet“, wie es in der Beschreibung der Sinfonie heißt.

Insgesamt liegen 430 Kilometer zwischen dem Ursprung der Moldau im Böhmerwald und ihrer Mündung in die Labe, wie die Elbe auf Tschechisch heißt. Ihr letztes Viertel ist durchgehend schiffbar. Diese Strecke beginnt am Staudamm von Slapy bei Stromkilometer 91, führt durch die letzten beiden Stauseen der Moldau- Kaskade und weiter über Prag und den ebenfalls stauregulierten Unterlauf bis nach Mělník an der Elbe – wobei die Moldau beim Zusammentreffen der deutlich wasserreichere der beiden Flüsse ist und dennoch ihren Namen verliert.

Von Prag nach Süden

Es ist so heiß an diesem Sonntag im Frühsommer, dass sich sogar die Schatten im Schutz des Vyšehrad verstecken, als wir aus dem Hafen ausfahren und den Bug stromaufwärts richten. Die Sonne brennt, klar, dass es da alles aufs oder zumindest ans Wasser zieht: Wir passieren Ruderer und ein kleines Regattafeld aus Jollen. Fähren pendeln hin und her. Von einem Lounge-Floß mit fettem Außenborder wummern Bässe herüber. Die junge Skipperin mit Kapitänsmütze winkt uns von der Flybridge fröhlich zu, während unten lautstark gefeiert wird.

Die Ufer sind flach, wie mit dem Lineal gezogen, und mit Steinschüttungen befestigt. Auf den anschließenden Grünflächen huldigen die Sonnenanbeter ihrer strahlenden Göttin. Dahinter neue Quartiere, moderne Quader aus Glas, Metall und Beton, flankiert von weiteren Baukränen. An Steuerbord begleitet uns die vierspurige Schnellstraße 4, Wohngebiete wechseln sich ab mit Industrieanlagen.

​Vor uns ein Staudamm

Nach einer Stunde erreichen wir die Schleuse Modřany, das tschechische Wort lautet “zdymadlo”, bekommen sofort Grün und fahren schon eine knappe Viertelstunde später wieder aus. Zu beiden Seiten wird es nun hügeliger, der Horizont bekommt Konturen. Rechts mündet die Berounka ein, eine Flussschleife folgt. Danach erstreckt sich vor uns der erste Staudamm: Vrané nad Vltavou.

Die drei großen Hubschütze des Wehrs sind geschlossen, es war ein trockenes Frühjahr. Noch bevor wir an der Wartestelle anlegen können, öffnen sich auch hier die stählernen Stemmtore der rechten Kammer, ein Wakeboardboot fährt aus, gefolgt von zwei Seekajaks, dann geht es nach oben, immerhin zehn Meter. Der Abstand zwischen den für Fracht- und Fahrgastschiffe gedachten senkrechten Führungsbalken ist für uns jedoch zu groß. Wir behelfen uns, indem wir beide Kugelfender unserer Linssen auf die Seite der Kammerwand nehmen.

Die Moldau-Kaskade

So geht es. Vor uns breitet sich nun die ruhige Wasserfläche der Stauhaltung von Vrané nad Vltavou aus. Der Ort selbst liegt zur Linken, rechts reicht Wald bis zur Uferstraße. Stromaufwärts gesehen ist der See der erste der Moldau-Kaskade, einer Kette von neun Stauanlagen, die hier bei Kilometer 71 beginnt und sich in zunehmend loser Folge über rund 250 Kilometer bis zum Oberlauf erstreckt. 1930 in Vrané begonnen, erfolgte die Fertigstellung erst zu Beginn der Neunzigerjahre.

Die Kaskade dient zum einen der Stromgewinnung, zum anderen als Bollwerk, das die wilde Vltava zähmen soll – oder zumindest im Zaum halten. Denn immer gelingt es nicht, manchmal verwandelt sich der Fluss zurück. Dann brechen sich die Fluten Bahn wie eh und je, trotz aller Schutzbauten. Zuletzt geschehen im Jahr 2002, als das „Jahrtausendhochwasser“ in Mitteleuropa auch an der Moldau für weitflächige Verwüstungen und Schäden in Milliardenhöhe sorgte. Der Wasserdurchlauf in Pr ag betrug damals 5.300 Kubikmeter pro Sekunde. Gewöhnlich sind es 150 Kubikmeter.

Urlaubsstimmung in Davle

An einem Tag wie heute ist so ein Tumult unvorstellbar. Stattdessen freut man sich am Ufer über die Möglichkeit zur Abkühlung. Die Strecke ist wirklich schön, friedlich. Beiderseits rücken bewaldete Felshänge heran. Ihre Reflexion lässt den Fluss grün schimmern. Prag scheint plötzlich sehr weit entfernt.

Noch eine Biegung, und nach insgesamt vier Stunden haben wir unser Ziel erreicht: den kleinen Ferienort Davle. Mit dem Heck gehen wir an den modernen Steg des öffentlichen Anlegers am Westufer, unterhalb der alten Fußgängerbrücke. Sonntagsstimmung. Die beiden anderen Wasserwanderer, ein junges Pärchen in einer Segelyacht mit gelegtem Mast und ein bärtiger Best-Ager im selbst zusammengezimmerten Kajütboot, dösen in ihren Cockpits.

Ziemlich wenig Wasser...

Die durchgängige Schifffahrt endet zwar noch nicht hier in Davle, sondern erst dreizehn Kilometer weiter oberhalb am Staudamm von Slapy, aber wir bleiben dennoch. Denn offizielle Gastliegeplätze gibt es dort nicht, wie unser Stegnachbar in gutem Englisch erzählt: „Da ist nur der Anleger des Ausflugsdampfers und eine Wartestelle für den Trailertransport hinauf zum Stausee hinter dem Damm.“ Außerdem sei der Wasserstand jetzt „ziemlich niedrig“, fügt er mit Blick auf unsere stattliche Stahlyacht hinzu.

Wir überlegen dennoch: Jener Teil der Strecke soll Smetana schließlich besonders inspiriert haben, mit ihren engen Windungen in tiefer Schlucht. Wenn wir dort keinen freien Liegeplatz bekommen sollten, hätten wir ein Problem – zumal sich unterwegs auch noch die Staustufe von Štěchovice mit ihrer zwanzig Meter hohen Schachtschleuse befindet, die wir dann zweimal passieren müssten.

Zum Kaffee in Štěchovice

Der Kompromiss: Um drei Uhr nachmittags schwingen wir uns auf die Fahrräder und radeln an der Uferstraße entlang ins nur fünf Kilometer entfernte Štěchovice. Unterwegs passieren wir die Einmündung der Sázava und die Ostrov svatého Kiliána, die Sankt-Kilian-Insel. Hinter dem Schirm hoher Bäume sollen sich dort die Grundmauern eines Klosters aus dem zehnten Jahrhundert befinden.

Gerade sitzen wir auf der Terrasse der Kavárna Ella in Štěchovice bei Französischem Kranz, Chocolate-Hardcore-Cake und Prager Kaffee, als die „Vltava“ von flussaufwärts herandampft, ihre Pfeife schrillen lässt und dann mit schäumenden Schaufelrädern gleich unterhalb des Cafés anlegt, um einige Ausflügler an Land zu setzen. Der historische Raddampfer ist am Wochenende zwischen Prag und Slapy unterwegs und jetzt bereits wieder auf dem Rückweg.

Ein wunderschöner Ort

Zurück im Sattel kommen wir auch so in einer Viertelstunde zumindest noch zur Schleuse von Štěchovice, eine himmelhohe Angelegenheit mit ihren zwanzig Metern Fallhöhe. Die Straße hinauf zum Oberwasser schieben wir. Einmal an der Anlage vorbei öffnet sich der Blick in das steile, tief eingeschnittene Flusstal. Wir lassen die Räder stehen und folgen einem Wanderweg am felsigen Ufer in den Wald hinein. Im Schatten des Laubwerks spielt die Sonne, während die Moldau geräuschlos vorüberzieht. Ein wunderschöner Ort. Irgendwo oberhalb muss sich der Aussichtspunkt befinden, an dem der Komponist viel Zeit verbrachte.

Da kommt ein gelber Punkt hinter der Biegung hervor: ein Schlauchboot mit zwei Paddlern, die sich treiben lassen. Früher befanden sich an dieser Stelle die berüchtigten Sankt-Johann-Stromschnellen, heute versunken. Doch auf einer Schautafel zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto ein Holzfloß in steilen, stehenden Wellen. An langen Steuern kämpfen drei Männer mit dem Fluss. Was für eine Wandlung

Rückkehr nach Prag

Nächster Szenenwechsel: Wir sind zurück in Prag, nach einem weiteren Tag auf dem Fluss, diesmal in Smetanas Reihenfolge stromab. Allerdings liegen wir nicht erneut im Podolsker Hafen, wir wollten ins Zentrum der Metropole, um Kontrast zur Waldeinsamkeit gestern zu schaffen. Also passieren wir die Charterbasis, mehrere Brücken und auch die hübschen Moldauinseln, Letztere über den schmalen Schleusenkanal der Schleuse Smíchov am linken Ufer.

Es überrascht kaum, dass die Durchfahrt der Altstadt ein besonderes Erlebnis ist, nicht zuletzt, weil unmittelbar nach der Schleuse die runden Bögen der Karlsbrücke warten, auf der die Touristen mit gezückten Smartphones auf uns lauern. Dazu ist viel Verkehr, man muss aufpassen. Ausflugsschiffe kommen und gehen im Minutentakt, drehen und kreuzen nach einem Schema, das wohl nur die Gemeinschaft ihrer Kapitäne versteht.

Ein Platz mitten in der Stadt

Die Kulisse ist jedoch fantastisch: rechts die makellosen Fassaden der Gründerzeit, der gotische Torturm, die pompöse Pracht des Rudolfinums. Links die verschachtelten Gassen von Malá Strana, dem entspannten Stadtteil. Zwar sind seine Sehenswürdigkeiten wie die John-Lennon-Mauern und das Franz Kafka Museum vom Wasser nicht auszumachen, aber dafür thront über allem das Wahrzeichen der Stadt: der Pražský hrad – die Prager Burg mit dem dreitürmigen Veitsdom. Einst Sitz von Kaisern und Königen, heute des Präsidenten.

Unseren Liegeplatz bekommen wir etwas weiter am öffentlichen Anleger am Edvard-Beneš-Ufer unterhalb des Letna Parks bei der Brücke Čechův most. Allerdings müssen wir nach dem Besuch der Hafenmeisterin noch einmal verlegen: Wir wären der „Elbe Princess“ im Weg gewesen, einem Flusskreuzfahrer, der für später angemeldet ist. Da sind wir längst in die Altstadt abgetaucht und sitzen bei funkelnden Pilsener in einem nicht ganz so touristischen, namenlosen Gässchen abseits der Besucherströme rund um den Altstädter Ring und balancieren unsere schmiedeeisernen Stühle vorsichtig auf dem Kopfsteinpflaster. Perfekt!

Die Moldau ist in Bewegung!

Auf dem Tisch die Liste dessen, was wir noch erleben wollen. Ganz oben steht der „Rotierende Kopf“ Franz Kafkas (eine Kunstinstallation), last, but not least ein Sundowner auf einem der schwimmenden Biergärten, alten Binnenschiffen, am Náplavka-Ufer. Der morgige Tag ist ebenfalls für Prag reserviert, danach wollen wir an den verbleibenden zwei Tagen noch einmal weiter nach Norden, nach Kralupy und Nelahozeves, wo wir uns das Schloss anschauen werden. Gesagt, getan!

Zur Blue Hour ergattern wir tatsächlich einen Platz an Bord der Port Lounge Bar, auf dem Oberdeck an der Reling. Die Stimmung ist großartig. Auf dem Fluss ziehen hell erleuchtete Partyschiffe in endloser Prozession vorbei. Lichter blitzen, Samba-Rhythmen und Elektro-Beats hallen über das Wasser. Auch ohne Smetana ist die Moldau in Bewegung!

​Revierinformationen

Die Charterfirma

Bohemia Yacht Charter Prague ermöglicht Törns auf Moldau und Elbe, Ausgangspunkt dabei ist die Charterbasis im Podolsker Hafen (Podolský přístav, Podolské nábř., 147 00 Praha 4, Tschechien). Parkplätze auf dem abgeschlossenen Gelände, gute Anbindung ans Zentrum mit der Straßenbahn. Das Unternehmen ist zudem Teil des Netzwerkes von Linssen Boating Holidays. Kontakt: Bohemia Yacht Charter Prague, Jinonická 761/18, 150 00 Praha 5, Tschechien. Tel. +420 739 000 770.

Das Boot

Unser einwöchiger Törn fand mit einer Linssen Grand Sturdy 40.0 AC statt. Der 12,85 m lange Stahlverdränger verfügt über drei Doppelkabinen (Bug- und Achterkabine jeweils mit WC und Dusche). Die gehobene Ausstattung ist sehr umfangreich und war ebenso wie das Boot in optimalem Zustand. Fahreigenschaften und Motorisierung (110-PS-Diesel) sind für die Revierverhältnisse bestens geeignet. Bug- und Heckstrahlruder vorhanden. Die Übergabe fand unmittelbar nach der Anreise auf Deutsch statt. Wochenpreise: 3.990–4.890 Euro.

Die Moldau

Schiffbar ist die Moldau von ihrem Zusammenfluss mit der Elbe (Strom-Kilometer 0) bis nach České Budějovice bei Kilometer 230. Die durchgängige Schiffbarkeit reicht allerdings nur, wie beschrieben, bis zum Staudamm von Slapy bei Kilometer 91. Hier existiert eine Umsetzmöglichkeit per Trailer, allerdings nur für kleine Wasserfahrzeuge und Sportboote. Navigatorisch ist das Revier unproblematisch, durch die durchgängige Stauregulierung ist die Strömung bei normalem Wasserstand kein Hindernis. Betonnung ist so gut wie nicht vorhanden, wird aber auch nicht benötigt.

Schleusen und Häfen

Die Schleusen sind von Ausstattung und Ausbau der Kammern her sehr unterschiedlich, Aufmerksamkeit ist daher gefragt. Eine Anmeldung w ar nie erf orderlich, Wartezeiten von mehr als 15 Minuten hatten wir bei den insgesamt 16 Schleusungen an den acht Staustufen auf Hin- und Rückweg nur in Prag. Liegeplätze für eine Yacht dieser Größe sind nicht häufig, aber ausreichend vorhanden, um einen flexiblen Törnverlauf zu ermöglichen.

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