Christian Tiedt
· 16.08.2026
Der Bericht, in dem der “Schiffer Sala” (mit den stolzen Zusätzen M.Y.C.v.D.-C.M.Y.-St.Y.C.-Kr.-Abt. d. D.S. Vb.) von den Abenteuern der “Ingeborg 3” im Sommer 1926 berichtete, erschien noch im selben Jahr in unserem Schwestermagazin YACHT. Wir drucken ihn hier im Original mit der entsprechenden Rechtschreibung ab. Der Blick ins Archiv zeigt: So manches war anders vor 100 Jahren – aber vieles eben auch nicht. Im vierten Teil folgt der Backdecker der Unteren Havel bis Berlin - allerdings nicht ohne Zwischenfälle.
Text: Schiffer Sala - M.Y.C.v.D.-C.M.Y.-St.Y.C.-Kr.-Abt. d. D.S. Vb.
Der Ostersonntag brachte uns erst mittags mit auflaufendem Wasser aus dem Hafen von Havelberg, und mit Vollgas ging es weiter. Hatten uns die An- und Abweiser bei der Fahrt elbaufwärts vor Grundberührungen fast immer geschützt, so hörten diese jetzt auf, und wir kamen gleich so fest, daß wir ohne Schlepperhilfe nicht wieder flott zu werden glaubten.
Wie sich später herausstellte, hatte der Propeller Schaden genommen und sich zu allem Übel in eine Stahltrosse von 5 Meter Länge und 18 bis 20 Millimeter Durchmesser vertörnt, die wahrscheinlich von einem früheren Strandungsfall dort als Andenken zurückgelassen war.
Da nun doch nichts mehr zu verderben, ein Beiboot zur Landung nicht an Bord und Aussicht auf Schlepperhilfe nur schwach vorhanden war, mußte der Motor herhalten. Nach einstündlichem Bemühen mit Krängen und Stakenhilfe schob die unverwüstliche Kraft der Maschine im Verein mit der erstklassigen, nie versagenden Kupplung das fast 10 Tonnen wiegende Boot trotz der Trosse im Propeller über die Untiefe auf Vorwärtsgang weg - und wohlvertäut lagen wir eine halbe Stunde später nach vorsichtigster Fahrt in dem alten, sehr interessanten Havelberg.
Da mütterliche und häusliche Pflichten nach Hause riefen, verließ uns hier die Eignerin und aus dienstlichen Gründen der Steuermannsgast, so daß die beiden Eigner mit einem Freunde, der sich in der Zwischenzeit schätzenswerte Kenntnisse als Bootsmann und Abwaschfrau angeeignet hatte, den Rest der Besatzung bildeten.
Der nächste Tag sah uns schon beim Morgengrauen auf dem völlig vereisten Deck. Es herrschte ein unglaublicher Nebel, der glücklicherweise so tief lag, daß Dächer und Baumkronen erkennbar blieben. Wir legten ab und mit langsamster Fahrt ging es weiter havelaufwärts. Erkennbar war die Fahrstraße nur an den seitwärts schwach sichtbaren Baumkronen, und so mogelte man sich langsam voraus.
Als die Luft sichtiger wurde, waren wir trotzdem um nichts gebessert, denn wir befanden uns in einem riesigen Überschwemmungsgebiet, aus dem nur Bäume und Sträucher heraussahen, ohne jedoch das Bett der Havel erkennbar werden zu lassen.
Nach stundenlangem Fühlen wurden endlich die Tafeln mit den Kilometerzahlen sichtbar, so daß wir etwas mehr Fahrt machen konnten, Hierbei stellte sich allerdings heraus, daß auch bei Vollgas eine höhere Fahrt unmöglich und der Propeller erst mal einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen sei.
Das Wasser war eiskalt und daher zum Tauchen nicht geeignet, und so mußte denn durch Vor- und Zurückdrehen des Propellers von binnen- und mit Hilfe des Bootshakens von außenbords das Drahtstropp entfernt werden. Es war eine mühselige Arbeit, die glücklicherweise auf Grund früherer Praxis gelang und nur eine gute halbe Stunde Aufenthalt verursachte.
Dann ging es mit flotter Fahrt weiter bis Brandenburg, wo wir am Restaurant Havelterrassen anlegten. Infolge der frühen Jahreszeit war die schwimmende Anlegebrücke noch nicht ausgelegt, so daß wir direkt am Mauerwerk des Hauses festmachen mußten. Wer beschreibt die entsetzten Gesichter der Kegelbrüder, als die Fenster der Kegelbahn von außen geöffnet wurden und die gespensterhaften See fahrer diesen ungewöhnlichen Eingang zum Restaurant benutzten.
Fünf Minuten nach Schleusenschluß waren wir hier angekommen, so daß wir erst am nächsten Tage über Werder und Potsdam nach Wannsee an unsere Boje im M.Y.C.v.D. gelangten .

Ressortleiter Reise
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