Tina Kaiser ist Investigativjournalistin beim „stern“. Gemeinsam mit Marc Neller hat sie den Fall im siebenteiligen Podcast „Der Untergang der Sea Story“ aufgearbeitet. Das Schiff kenterte vor Marsa Alam.
Ich bin Journalistin und habe zusammen mit meinem Kollegen Marc Neller den tödlichen Untergang des Tauchsafari-Schiffs „Sea Story“ recherchiert. Ägypten ist eine Militärdiktatur, Pressefreiheit existiert nur auf dem Papier. Offiziell hätten wir in Ägypten nur mit einem staatlichen Aufpasser arbeiten können. Dann hätten wir natürlich mit niemandem offen sprechen können. Also sind wir als Touristen eingereist und haben uns für die Gespräche vor Ort als Vermögensverwalter ausgegeben. Unsere Cover-Geschichte war, dass wir für ein Family Office prüfen sollten, ob es sich lohnt, ein Tauchsafari-Schiff zu bauen. In dieser Rolle konnten wir sehr viele Fragen stellen, ohne sofort aufzufallen. Wir wollten vor Ort die wahren Ursachen der Schiffskatastrophe herausfinden.
Das Schiffsunglück geschah gegen drei Uhr nachts. Insgesamt waren 45 Menschen an Bord: 30 Touristen, elf Crewmitglieder und vier Tauchguides. Die Menschen wurden im Schlaf überrascht. Elf Menschen starben. Unter den Passagieren waren auch Deutsche. Weitere fünf Menschen überlebten 34 Stunden in einer Luftblase im Wrack. Private Taucher entdeckten sie schließlich. Sie waren eigentlich in das Wrack getaucht, weil sie nach den Leichen vermisster Freunde und Kollegen suchen wollten. Sie hatten nicht mehr damit gerechnet, dort noch Überlebende zu finden.
Das Schiff hatte eine Lizenz für 34 Meter. Als es sank, war es aber 44 Meter lang. Es wurde offenbar während der Coronazeit verlängert. Dabei wanderten mehr schwere Dinge nach oben. Hinzu kamen ein Whirlpool, ein großer Salon mit schweren Holzmöbeln und Holzliegen auf dem Sonnendecaren Die Möbel waren nicht festgeschraubt und konnten bei Seegang hin und her rutschen.
Ein ehemaliger Kapitän erzählte uns, er habe die „Sea Story“ so steuern müssen, dass die Wellen sie nicht zum Kentern brachten. Mit einem gut gebauten Schiff hätte er von Riff A nach Riff B einfach geradeaus fahren können. Mit der „Sea Story“ musste er teilweise eine halbe Stunde lang einen anderen Kurs wählen.
Der renommierte Schiffbauexperte Professor Stefan Krüger aus Hamburg hat anhand der verfügbaren Daten berechnet, dass der Schwerpunkt des Schiffes einen halben Meter zu hoch lag. Wir als Laien dachten zunächst: Das klingt nicht nach viel. Tatsächlich könne dieser halbe Meter aber über Leben und Tod entscheiden.
Schwer zu sagen. In Ägypten buchen die Betreiber für den Schiffbau einen Stellplatz auf einer Werft und organisieren alles selbst: Handwerker, jemanden, der den Plan zeichnet, und im Idealfall einen Schiffsbauingenieur. Letzteres scheint häufig nicht zu passieren.
Professor Krüger hat sich Aufnahmen der Werft angesehen, die wir gemacht hatten. Laut seiner Aussage werde dort nicht grundlegend schlecht gearbeitet. Im Gegenteil: Die Menschen dort seien sehr gute Handwerker und könnten Holz hervorragend verarbeiten. Die Sache ist nur: Für kleine Fischerboote mag diese traditionelle Bauweise ausreichen. Aber: Bei einem 44 Meter langen Schiff braucht man einen Ingenieur, der berechnet, ob das Schiff nicht nur gut gearbeitet ist, sondern auch stabil auf dem offenen Meer.
Hinzu kommt die Kontrolle durch die Behörden. Vor jeder Fahrt kontrolliert ein Hafenmeister in der Regel das Schiff. Trotzdem hat angeblich niemand bemerkt, dass die „Sea Story“ zehn Meter länger war als in den Papieren. Demnach wären die Behörden mitverantwortlich, denn sie hätten den nicht genehmigten Umbau bemerken müssen.
So ziemlich alles. Es gab eine Unwetterwarnung, und viele andere Schiffe fuhren in dieser Nacht nicht hinaus. Auf der „Sea Story“ war zudem nicht der eigentliche Kapitän im Einsatz, sondern ein Ersatzkapitän, der das Schiff noch nie gefahren hatte. Nach unseren Recherchen hatte er auch keine entsprechende Zulassung für dieses Schiff.
Der Stammkapitän rief ihn in der Nacht sogar noch an und warnte ihn. Er solle nicht weiterfahren, sondern in einer geschützten Bucht oder an einem Riff Schutz suchen und erst am nächsten Tag weiterfahren. Der Ersatzkapitän entschied sich trotzdem, die Fahrt fortzusetzen.
Als das Schiff dann kenterte, fiel das Licht nach wenigen Sekunden aus. Offenbar sprang kein Generator an. Die Menschen mussten sich im Dunkeln in einem Schiff orientieren, das auf der Seite lag. In einigen Kabinen zerplatzten die Panoramafenster beim Aufprall. Das Wasser strömte hinein, sie ertranken. Andere Passagiere waren in ihren Kabinen eingeschlossen und konnten die Fenster nicht einschlagen.
Im Unterdeck mussten die Menschen den Ausgang finden. Ihnen war zwar gesagt worden, wo er lag. Ein praktisches Training hatte es aber nicht gegeben. Mehrere Überlebende erzählten uns, dass sie im Dunkeln überhaupt nicht wussten, wo sie sich befanden. Sie tasteten sich einfach irgendwie voran.
Auch dort gab es offenbar große Probleme. Die Lampen an den Rettungswesten waren kaputt oder hatten keine Batterien. Gleichzeitig gab es in dieser Nacht kaum Mondlicht. Menschen, die im Wasser trieben, waren deshalb nur schwer zu erkennen.
Die Rettungsinseln hatten offenbar nicht den vorgeschriebenen hydrostatischen Auslöser, sondern waren zusammengeknotet. Eine deutsche Überlebende fand eine der Inseln, bekam sie aber zunächst nicht auf. Sie musste minutenlang an dem Knoten arbeiten.
Auch die Ausstattung der Rettungsinseln war mangelhaft. Reißverschlüsse waren beschädigt, Lampen funktionierten nicht und es gab weder Trinkwasser noch Funk. Es waren nur wenige Wärmefolien vorhanden. In eine der Inseln drang Wasser ein.
Aus den ägyptischen Ermittlungsunterlagen geht hervor, dass gegen drei Uhr ein SOS-Signal bei einem Rettungszentrum an Land einging. Offenbar passierte danach zunächst nichts. Stunden später wurde dann ein Notruf an die Schiffe in der Region gesendet.
Ein Containerschiff empfing diesen Notruf, allerdings mit unvollständigen Positionsdaten. Der Kapitän wusste nicht genau, wo sich die „Sea Story“ befand. Zusammen mit Mitarbeitern seiner Reederei berechnete er, wohin das Wrack inzwischen getrieben sein könnte. Das Containerschiff fand es schließlich tatsächlich.
Auf dem Dach des umgedrehten Wracks saßen zwei deutsche Überlebende. Der Kapitän entdeckte außerdem in der Ferne die Rettungsinseln und meldete ihre Position. Erst daraufhin schickte die Marine ein Hubschrauber und eine Fregatte.
Ein Speedboot eines lokalen Tauchresorts nahm die Menschen aus den Rettungsinseln auf. Das Containerschiff hatte sich bereits darauf vorbereitet, sie zu versorgen. Die Besatzung hatte Wärmedecken bereitgelegt und eine Strickleiter heruntergelassen. Das Speedboot fuhr zunächst auch auf das Containerschiff zu. Dann erhielt der Skipper einen Anruf, drehte ab und brachte die Überlebenden zu einem weiter entfernten ägyptischen Tauchsafari-Schiff.
Seit Montagmittag lag eine Fregatte der Marine neben dem Wrack. Nach allem, was wir rekonstruieren konnten, leitete sie keine erkennbaren Rettungsmaßnahmen ein. Es wurden beispielsweise keine Schwimmkörper am Wrack angebracht, um es zu stabilisieren. Offenbar fuhr auch kein Beiboot zu den Fenstern, um nach Eingeschlossenen zu suchen. Die Fregatte begleitete das treibende Wrack lediglich, so zumindest sieht es nach unseren Recherchen aus.
Andere Taucher wollten helfen. Auf Schiffen in der Umgebung waren Freunde und Verwandte vermisster Crewmitglieder. Sie wollten nach Überlebenden suchen und in das Wrack tauchen. Die Marine verbot das rund 24 Stunden lang. Erst am Dienstagmittag durften private Taucher hinein. Dabei fanden sie die fünf Menschen, die seit 34 Stunden in einer Luftblase ausgeharrt hatten.
Warum die Marine keine eigenen Rettungstaucher einsetzte, wissen wir nicht. Es ist möglich, dass sie keine entsprechend ausgebildeten Kräfte hatte. Wir konnten das aber nicht verifizieren. Wir hatten sehr viele Fragen dazu. Leider haben die Marine, das Verteidigungsministerium und das Rettungskoordinationszentrum in Kairo keine einzige beantwortet.
Es gibt Auffälligkeiten, aber keine Beweise für eine gezielte Vertuschung. Mehrere Menschen berichteten uns, die Marine habe sehr genau darauf geachtet sei, dass die Überlebenden keine Fotos und Videos vom Wrack aufnahmen. Die Besatzung des Containerschiffs hat allerdings Aufnahmen gemacht. Nachdem wir sie ungefähr ein halbes Jahr später ausfindig machen konnten, bekamen wir erstmals Bilder der Rettungsaktion und des umgedrehten Wracks.
Auffällig war auch die öffentliche Darstellung. In sozialen Netzwerken lobten ägyptische Behörden die Rettungsaktion der ägyptischen Marine und freiwilliger Helfer. Die Besatzung des Containerschiffs wurde dabei nicht erwähnt, obwohl sie das Wrack gefunden und seine Position gemeldet hatte.
Ein belgisches Paar, das aus dem Wrack gerettet wurde, äußerte in unserem Podcast einen sehr schweren Verdacht. Es mutmaßte, dass die Besatzung der Fregatte möglicherweise gar nicht den Auftrag gehabt habe, Menschen zu retten. Sie habe womöglich nur verhindern sollen, dass jemand das Wrack fotografiert, bevor es sinkt. Dafür haben wir keine Belege. Wir haben diesen Vorwurf dem ägyptischen Militär vorgelegt und keine Antwort erhalten.
Für den Betreiber offenbar kaum welche. Unseres Wissens nach wurde nur der Ersatzkapitän strafrechtlich belangt. Experten wie Professor Krüger halten es allerdings für falsch, die Verantwortung allein bei ihm zu suchen. Seine Einschätzung ist, dass ein solches Schiff überhaupt nicht hätte auslaufen dürfen. Wäre es richtig gebaut gewesen, hätte auch ein Fahrfehler es nicht so einfach zum Kentern gebracht.
Die verbliebenen Schiffe des Betreibers waren zeitweise nicht mehr beim ägyptischen Tauchverband gelistet. Als wir später selbst in Ägypten waren, wurden sie dort aber wieder aufgeführt und es waren erneut Touren buchbar. Uns wurde sogar erzählt, dass der Betreiber ein neues, noch größeres Schiff gebaut habe: die „Coral Dreams“.
Nachdem wir unsere Fragen an den Betreiber und die zuständigen Behörden geschickt hatten, verschwand die Webseite des Unternehmens wenige Tage später. Einige Monate danach tauchte unter einem anderen Namen eine nahezu identische Seite auf. Dort standen dieselben Telefonnummern und es wurden dieselben Schiffe angeboten. Nach kurzer Zeit verschwand auch diese Seite wieder. Ob sich der Betreiber dauerhaft zurückgezogen hat oder nur wartet, bis das öffentliche Interesse nachlässt, wissen wir nicht.
In Ägypten sind nach unseren Informationen etwa 180 Tauchsafari-Schiffe aktiv. Nur sieben davon sind zertifiziert. Bei diesen sieben können wir zumindest sicher sein, dass ein professioneller Gutachter das Schiff untersucht hat. Die „Royal Evolution“ ist das einzige Schiff mit einer SOLAS-Zertifizierung. Sechs weitere haben sich freiwillig von dem australischen Zertifizierer Maritime Survey International prüfen lassen.
Vor der Buchung würde ich viele konkrete Fragen stellen: Welche Rettungswesten gibt es? Sind sie ohnmachtsicher? Wie viele Rettungsinseln sind an Bord? Wann wurden sie zuletzt gewartet? Gibt es einen entsprechenden Nachweis? Sind eine Brandmeldeanlage und gewartete Feuerlöscher vorhanden?
An den Antworten erkennt man häufig schon, wie ernst ein Betreiber das Thema nimmt. Vor Ort würde ich mir als Erstes die Rettungswesten und Feuerlöscher ansehen. Wir haben in Ägypten insgesamt 17 Schiffe besichtigt, auch das undercover, als Tauchtouristen gettarnt. Wir haben unter anderem völlig verrostete Feuerlöscher gefunden.
Ich würde eine solche Reise außerdem über einen deutschen Veranstalter buchen und mir die Sicherheitsstandards vorher schriftlich bestätigen lassen. Selbst Menschen, die das Unglück körperlich unbeschadet überlebten, verloren ihr gesamtes Tauchequipment. Sie bekamen dafür nichts, weil es angeblich keine Versicherung gab.
In unserem siebenteiligen Podcast „Der Untergang der Sea Story“ rekonstruieren Marc Neller und ich das Schiffsunglück und dessen Hintergründe. Darin kommen auch Überlebende zu Wort, und wir erzählen von unserer Undercover-Recherche in Ägypten. Alle Folgen gibt es bei stern+ und RTL+, die ersten drei auch kostenlos auf den gängigen Podcastplattformen.

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