Vor 100 JahrenAbenteuerlicher Sommer - mit der “Ingeborg 3” rund Rügen und zurück nach Berlin

Christian Tiedt

 · 26.08.2026

Vor 100 Jahren: Abenteuerlicher Sommer - mit der “Ingeborg 3” rund Rügen und zurück nach BerlinFoto: Verfasser, YACHT-Archiv
Das Bild war im Original so beschriftet: Steuermann und “Köchin” auf dem Greifswalder Bodden.
Stolze Eigner und eine zu allem bereite Crew: Im Sommer 1926 ging der Motorseekreuzer “Ingeborg 3” auf große Fahrt im Norden Deutschlands. Teil 7/7: Rund Rügen und Rückkehr nach Berlin.

Themen in diesem Artikel

Der Bericht, in dem der “Schiffer Sala” (mit den stolzen Zusätzen M.Y.C.v.D.-C.M.Y.-St.Y.C.-Kr.-Abt. d. D.S. Vb.) von den Abenteuern der “Ingeborg 3” im Sommer 1926 berichtete, erschien noch im selben Jahr in unserem Schwestermagazin YACHT. Wir drucken ihn hier im Original mit der entsprechenden Rechtschreibung ab. Der Blick ins Archiv zeigt: So manches war anders vor 100 Jahren – aber vieles eben auch nicht. Im siebten Teil endet der Törn – doch vorher wird noch Rügen umrundet. Einmal mehr feuchtfröhlich...

​Text: Schiffer Sala - M.Y.C.v.D.-C.M.Y.-St.Y.C.-Kr.-Abt. d. D.S. Vb.

Seebeine müssen wachsen

​Eine Woche hatte unser schwimmendes Heim nun hier teils unbewohnt und unbewacht gelegen, nachdem für den Rest der Besatzung die Urlaubstage inzwischen abgelaufen und mit neuer Mannschaft trafen diesmal beide Eigner am 28. Juli an Bord ein, zusammen vier Mann mit mächtigem Tatendrang.

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Bei Windstärke vier bis fünf wurden der neuen Crew zunächst mal mal die Seebeine durch eine längere Kreuzfahrt in See gegenan und vör de Wind beigebracht, und dann am nächsten Tage Kurs auf Saßnitz abgesetzt, das wir bei wechselnder Wetterlage mit Flaute und Gewittersturm abends erreichten.

Rügens schöne Ansichten

Saßnitz als Stützpunkt, wurden die Badeorte Binz, Sellin und Göhren besucht, viele Bekannte getroffen und neue Bekanntschaften geschlossen, so daß sich an Bord ein recht lebhaftes und reizendes Leben entwickelte. Ausflüge über See nach Stubbenkammer, mit Erklimmung des Königsstuhls, schlossen sich an. Das Wetter war die ganze Zeit so strahlend wie unsere Stimmung.

Die waldigen Ufer Rügens, die Steilküste und Kreidefelsen im Norden, die rotglühend im Meer versinkende Sonne und dann die nächtlichen Lichterreihen der Badeorte, die Leuchtfeuer und all die abwechslungsreichen Stimmungen des Meeres — all das wirkt so wohltuend auf das Gemüt und berührt immer wieder wie eine Offenbarung.

Der Bodden als Hexenkessel

Wind und Seegang ließen es in den nächsten Tagen ratsam erschienen, den Selliner See aufzusuchen, wollte man sich nicht in dem wenig bietenden Saßnitz auf längere Zeit begraben. Mit Windstärke 6 wehte es am 3. August aus Westen, als wir uns um 11.30 Uhr vormittags zu der Fahrt entschlossen.

Es war eine feuchtfröhliche Angelegenheit, die das erste Opfer forderte. Als wir Südperd querab hatten, steigerte sich der Wind teilweise auf Windstärke acht, so daß der Bodden den Eindruck eines Hexenkessels machte. Die See war kurz und steil und mit schweren Brechern durchsetzt. Da es nun auch noch genau gegenanging, so fegte das Spritzwasser derart über das Boot hinweg, daß man kaum aus den Augen sehen konnte, während einem am Ruder jede See zum Kragen herein- und aus den Hosen herauslief.

Die 500 Seemeilen sind voll

Diese Fahrt war ein so fabelhafter Genuß, daß wiederholte Jauchzer im heulenden Winde verklangen, Da es selbst bei diesem Wetter, wenn auch nur vorübergehend, möglich war, Vollgas zu geben, möchte ich bei dieser Gelegenheit der Rolandwerft und den Bayerischen Motorenwerken mein Kompliment machen.

Das Boot setzte ganz weich in die See und hatte doch am Bug einen so schnellen Auftrieb, daß niemals grünes Wasser an Deck kam. Ebenso tat der Motor seine Schuldigkeit, hatten wir doch während der bisher zurückgelegten 500 Seemeilen nicht einen einzigen Aussetzer oder gar eine Panne; allerdings war diesmal der Brennstoff wasserfrei.

Cognacflasche im Kielwasser

Auf dem Selliner See hielten wir uns nur zwei Tage auf, und da der Wind erheblich nachgelassen hatte, gingen wir am 5. August, 3½ Uhr nachmittags, Anker auf, tranken in Zinnowitz Kaffee und legten um 10½ Uhr in Swinemünde an der grünen Fläche an.

Ein schwer zu behebendes Übel war die Eisversorgung, denn die Crew war so verwöhnt, daß sie die Getränke kalt serviert wünschte. Aber auch da fand sich Rat, Als der Kapitän eines Tages das Lot suchte, holte eine Küchenfee die achterausschleppende Lotleine binnen, und daran hing fein säuberlich im Palsteg - die Cognacflasche, prachtvoll gekühlt. Von da ab hingen immer mehrere Leinen über Bord, und eine besondere Getränkewache hatte dafür zu sorgen, daß bei Manövern nichts in die Schraube kam.

Schlimm war es mit dem Tellerwaschen. Wenn auch der Kühlwasserzapfhahn der Maschine heißes Wasser gab, und alles, was nicht direkt Inventar war, über Bord flog, mußte doch recht häufig zum Abwasch kommandiert werden. Einfacher war die Bereitung der Mahlzeiten: Man nehme ... einige Konservenbüchsen, öffne sie, erhitze sie im Wasserbade — fertig! Nur wenn frisches Fleisch gebraten wurde, nahm sich zur Sicherheit ein männlicher Koch der Sache an ...

Es wird Zeit für die Heimreise

Zwei Tage blieben wir in Swinemünde, reinigten und lackierten das Boot und erledigten dringende Post. Dann ging es wieder über Zinnowitz und Greifswalder Oie nach den Rügenschen Gewässern, in denen wir kreuzten. Nach schweren Gewittern entschlossen wir uns, am 9. August, abends 7.30 Uhr, zur Heimfahrt.

Da sich die atmosphärischen Störungen aber auch in der Nacht fortsetzten, und eine lange und tote, seitwärtige Dünung einem Teil der Crew Unbehagen bereitete, nahmen wir kurz entschlossen Kurs auf den kleinen Fischerhafen der Greifswalder Oie, in dem um 10 Uhr abends unter Blitz und Donner unser Anker fiel.

“Ingeborg” zurück am Wannsee

Nach kurzem und tiefem Schlaf sprang am 11. August, früh 4,30 Uhr, unser Motor zur endgültigen Heimfahrt an, und bei ruhigem, ab und zu wieder von Gewittern durchsetztem Wetter ging es mit kurzem Aufenthalt in Heringsdorf und Swinemünde über das Haff, durch Stettin und oderaufwärts bis Stolper Dammhaus, wo zwischen zwei Buhnen, abends 8.30 Uhr, zu Anker gegangen wurde. Der nächste Tag brachte uns in der Zeit von 4¾ Uhr früh bis 6 Uhr nachmittags zu unserer Boje im M.Y.C.v.D. in Wannsee.

Zur Rückfahrt (Oie bis Wannsee) brauchten wir in zwei Tagen für rund 300 km trotz Gegenstrom und Kanal nur 22 Stunden reine Fahrzeit, was nicht viele Fahrzeuge schaffen dürften.

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Christian Tiedt

Christian Tiedt

Ressortleiter Reise

Christian Tiedt wurde in Hamburg geboren, blieb lange aber ohne direkten Zugang zum Wassersport. Nach der Berufsausbildung bot das Studium dann endlich die Gelegenheit, auf dem Wasser aktiv zu werden – und die entsprechenden Führerscheine zu machen. Zuerst beim Fahrtensegeln und dann, mit dem Einstieg bei BOOTE im Jahr 2004, auch mit Motorbooten aller Art. Christian konnte inzwischen fast ganz Europa (und einige weiter entfernte Destinationen) auf eigenem Kiel kennenlernen und teilt seine Erlebnisse und Erfahrungen für die YACHT und BOOTE am liebsten in Törnreportagen.

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